Wie man höchst gruselig den Verstand verliert, zeigte Sam Neill gleich in seinem ersten internationalen Auftritt 1981. In Andrzej Zulawskis „Possession“ kehrt er als Geheimagent ins geteilte Berlin zurück, wo seine von Isabelle Adjani gespielte Frau die Scheidung von ihm verlangt. Er verfolgt sie durch die Pflasterstraßen, wirft im Beziehungsstreit die Marmortischchen eines Cafés in ihre Richtung und geht schließlich im Bett eines Hotelzimmers langsam vor die Hunde. Er windet sich in den Laken, schwitzt wie im Fieber – spielt den Herzschmerz als beißende Flamme, die Körper und Seele versengt. Nicht nur die tiefsten emotionalen Abgründe darf er hier beschwören, seinen kurzen Auftritt als Doppelgänger gestaltet er als Kontrapunkt mit der kühlen Glätte eines Hais. Kann man als junger Darsteller eine größere Bandbreite ausweisen?
Obwohl der Trennungshorrorfilm „Possession“ in einigen Ländern trotz gefeierter Cannes-Premiere gar nicht erst ins Kino kam („zu verstörend“), war Neill danach als vielseitiger Darsteller gefragt. Claude Chabrol besetzte ihn als verlogenen Liebhaber an der Seite von Jodie Foster im Nazidrama „Das Blut der anderen“ (1984); gegenüber von Sean Connery spielte er einen russischen U-Boot-Offizier im Spionagethriller „Jagd auf Roter Oktober“ (1990), und als hartherziger Farmer in Neuseeland hakt er Holly Hunter in Jane Campions „Das Piano“ (1993) im Eifersuchtsanfall den Zeigefinger ab.
In Neuseeland änderte er seinen Namen
Wie Campion war auch Neill in Neuseeland aufgewachsen. Geboren wurde er allerdings 1947 in Omagh, County Tyrone, in Nordirland, unter dem Namen Nigel John Dermot Neill, als Sohn einer Engländerin. Der Vater stammte aus Neuseeland und war als Soldat in Nordirland stationiert. Die Familie kehrte in die Heimat des Vaters zurück, als der Sohn sieben Jahre alt war. Den Künstlernamen „Sam“ legte der Junge sich hier rasch selbst zu, da „Nigel einen auf einem neuseeländischen Spielplatz zu verweichlicht erscheinen ließ“ und in Kombination mit seinem britischen Akzent für Probleme sorgte. Inspiriert von den Western, die er als Junge geschaut hatte, nannte er sich also Sam, „einfach auszusprechen klang das ein bisschen kumpelhaft mit einem Labrador-Touch“, schrieb Neill 2023 in seiner Autobiographie „Did I Ever Tell You This?“.
Den freundlichen Namen behielt er für die Bühne bei, als er während des Studiums in Shakespeares „Mittsommernachtstraum“ auftrat – die Erfahrung bestärkte ihn darin, sich als Schauspieler zu versuchen. Eine klassische Ausbildung hatte er nie erhalten. Auch Vorbilder für das, was er vorhatte, fand er in seinem Umfeld nicht. Seine Familie hatte sich seit Generationen einer Handelsfirma gewidmet, mit Kunst konnte hier niemand etwas anfangen. Neill musste sich seinen Weg selbst suchen, gründete seinen Erfolg allein auf Übung mit einem guten Schuss Talent.
Den Durchbruch in Hollywood brachte ihm die Rolle als Dr. Alan Grant in Steven Spielbergs „Jurassic Park“ (1993), für die er Humor mit Ernsthaftigkeit verband – und dem Publikum selbst den Angriff gefräßiger Dinos als grausige Bedrohung nahebringen konnte. Überhaupt fand er die interessantesten Angebote bis zuletzt in Genre-Produktionen, etwa als Polizeiinspektor in der Krimiserie „Peaky Blinders“ oder dem australischen Western „Sweet Country“ (2017), in dem er die Schwäche eines Priesters lebendig macht, der vergeblich versucht, mit biblischen Grundsätzen („We’re all equal in the eyes of the Lord“) den Kampf gegen die Diskriminierung der Aborigines zu führen. Am Montag ist Sam Neill im Alter von 78 Jahren im australischen Sydney gestorben.
