Dieser Sommer verleitet dazu, mehr über den Durst zu trinken, als man es ohnehin schon gewohnt sein mag. Der Durst steigt ja mit den Temperaturen, sodass, was dann noch über ihn getrunken wird, sich verhältnismäßig gleich bleibt. In Heidelberg zum Beispiel waren es am 27. Juni 42 Grad. Das war ein Samstag und obendrein Siebenschläfer. Doch keine Angst, das Wetter bleibt jetzt nicht sieben Wochen lang so, die Bauernregel gilt eigentlich nur für Regen. So oder so: 42 Grad, wenn auch nur an einem einzigen Tag, das war Rekord. Der Durst, den die sich von keinem Wetter so leicht abhalten lassenden Touristen verspüren, wenn sie etwa um und durch das Schloss beziehungsweise das, was davon noch übrig ist, herumlaufen, dürfte immer gleich groß sein. Von den 14 Millionen Gästen, mit denen diese schöne, kleine Stadt am Neckar Jahr für Jahr fertig werden muss, besuchen mehr als eine Million ebendieses Schloss und von denen wiederum die Hälfte das unten im Keller befindliche Große Fass. Die Großschreibung ist korrekt und ist schon deswegen angemessen, weil es nach offizieller Zählung 221.726 Liter fasst, aus denen aber, weil das Holz mit der Zeit eintrocknet, 219.000 Liter geworden sind; auch noch viel.
Das Fass existiert in vierter Generation. Die drei vorigen wurden wegen des ungeheuren inneren Drucks entweder von selbst löchrig oder, wie ja leider auch das Schloss selbst, zur pittoresken Kulisse einfach kaputt gebombt. Mit jedem neuen Fass wuchs vernünftigerweise das Volumen, und das heutige feiert dieses Jahr seinen 275. Geburtstag – älter als Amerika! 219.000 Liter. Damit könnte man sämtliche Fass-Interessenten eines ganzen Jahres verköstigen – wenn diese darauf verzichteten, einen über den Durst zu trinken, und wenn heute überhaupt noch Wein im Fass wäre. Doch es ist leer, sonst würde es wohl bersten. Trotzdem hat die Vorstellung, hier nicht nur ein, sondern gleich das ganz Große Fass aufzumachen, unbedingt ihren Reiz.
Was macht ein Pottwal am Neckar?
Wozu erzählen wir das? Heidelberg ist doch Literaturstadt, „UNESCO City of Literature“, wie der offizielle, vor etwas mehr als zehn Jahren verliehene Titel lautet. Andere Städte würden sich ihn direkt aufs Ortsschild drucken, aber so etwas hat man hier nicht nötig. Heidelberg ist durch und durch Literatur. In New York käme ja auch niemand auf die Idee, aufs Ortsschild „Weltstadt New York“ zu schreiben. Indes führt – und deswegen kamen wir überhaupt nur auf das Fass – von diesem ein direkter Weg zur Weltliteratur.
In keinem geringeren Roman als in „Moby-Dick“ kommt es vor, sogar in der Kapitelüberschrift Nummer 77: „The Great Heidelburgh Tun“. Tun bedeutet Fass, genauer: dieses eine Große Fass. Herman Melville baute es gewissermaßen in sein Buch ein, um damit die Dimensionen und die Gestalt des Wals zu veranschaulichen, auch wenn da natürlich noch jede Menge Metaphysik mit hineinspielt, über die im hiesigen, hoch ehrwürdigen anglistischen Seminar sicherlich Näheres zu erfahren ist, genauso wie man dort wohl auch eine Antwort auf die Frage bekommen dürfte, woher Melville das Fass überhaupt kannte.

Zu Gesicht bekommen hat er es im Frühjahr 1857 während seiner Europareise, Weinverkostung vermutlich inbegriffen. Aber „Moby-Dick“ wurde schon 1851 geschrieben. Sollte sich die Existenz des Fasses tatsächlich bis zu den Amerikanern herumgesprochen haben, und hat Melville aus einer an sich doch recht dürren Information aus der Alten Welt Literatur gemacht, Weltliteratur sogar? Die gibt es auch von einem anderen Amerikaner: von Mark Twain, einem richtiggehenden Heidelberg-Fanatiker, der seinen Besuch hier aus dem Sommer 1878 in dem Reisebericht „Ein Amerikaner in Heidelberg. Bummel durch Europa“ ausgebreitet hat. Nichts weniger als „das Höchstmögliche an Schönheit“ will er hier erlebt haben, inklusive Floßfahrt von Heilbronn nach Heidelberg auf dem Neckar, der damals erheblich wilder war als heute und den man jetzt vor allem wegen der Bakterien fürchtet, die im Sommer Hochsaison haben.
Das Große Fass hat Twain auch gesehen, es konnte bei ihm aber „nur wenig Gefühl erregen“. Kein Wunder. Noch heute wird man von Reiseführern darüber aufgeklärt, dass das, was einst drin war, „mehr Essig als Wein“ gewesen sei. Und ein Ironiker wie Twain neigt ohnehin eher zum Zurechtstutzen der Dinge, zur Verkleinerung der Dimensionen. Ihm wäre es jedenfalls nicht eingefallen, einen Pottwal zu einem „weißen Berg“ hochzumetaphorisieren. Um noch einmal auf „Moby-Dick“ zurückzukommen: Angesichts des Ansehens, das der Roman ungebrochen bis in die breitere Leseöffentlichkeit hinein genießt, möchte man fast sagen: Bei dem Gewese, das um ihn gerne gemacht wird, obwohl er, wenn man ehrlich ist, über weite Strecken langweilig ist, erstaunt es jedenfalls, dass Heidelberg mit seinem Fass diesbezüglich nicht noch viel mehr literaturbegeisterte Besucher anzieht.
Goethe sagt für immer Lebewohl
Dafür wird immer noch ausdauernd von der Heidelberger Romantik gesprochen, von Brentano und Arnim, von Eichendorff, der hier studiert hat, und natürlich von Goethe, der so gar kein Romantiker, aber immerhin achtmal in dieser Stadt gewesen war. Und jene Septembertage von 1815, als er seiner geliebten Marianne von Willemer, die – für ihn absolut stilecht – 35 Jahre jünger war als er, ein für alle Mal Lebewohl sagte, dürften für ihn nicht die angenehmsten gewesen sein.
Jeder Tourist, der eine literarische Führung mitmacht, kann all das leicht in Erfahrung bringen, am besten immer noch beim Heidelberger Heiligen, dem nun langsam auf die 90 zugehenden Schriftsteller Michael Buselmeier, einem überaus netten Altachtundsechziger übrigens, den man, wenn man Glück hat, mit einem seiner Enkel auf einem Weststadt-Spielplatz antreffen kann. Trotzdem noch ein Wörtchen zur Heidelberger Romantik: Wenn es zu deren Programm gehörte, „die Welt zu poetisieren“, wofür trotz aller Deutungsunterschiede einiges spricht, dann wird man gleichzeitig festhalten müssen, dass dies in Heidelberg bereits erledigt war, bevor die Romantiker hier auftauchten.

Die poetische Schönheit dieser Stadt wurde an den prominentesten Stellen besungen: „Alt Heidelberg, du feine, / du Stadt an Ehren reich / am Neckar und am Rheine, / kein’ andre kommt dir gleich.“ So dichtete Joseph Victor von Scheffel. Berühmter ist natürlich die Ode, der Hölderlin praktischerweise den Namen der Stadt gab, also „Heidelberg“: „Lange lieb’ ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust / Mutter nennen, und dir schenken ein kunstlos Lied / Du, der Vaterlandsstädte / Ländlichschönste so viel ich sah.“ Es führt an dieser Stelle vielleicht zu weit; aber dass Hölderlin in einer anderen Fassung schreibt „so viel ich weiß“, könnte ein Hinweis darauf sein, dass er sich seiner Sache am Ende gar nicht so sicher war.
Halten wir uns an die vernunftklare Einschätzung, die Goethe in der vollen Pracht seines Selbstbewusstseins dem Tagebuch anvertraute: „Die Stadt in ihrer Lage und mit ihrer ganzen Umgebung hat, man darf es sagen, etwas Ideales, das man sich erst recht deutlich machen kann, wenn man mit der Landschaftsmalerei bekannt ist und wenn man weiß, was denkende Künstler aus der Natur genommen und in die Natur hineingelegt haben.“ Man fragt sich natürlich, was ist, wenn man mit der Landschaftsmalerei nicht bekannt ist und auch nicht weiß, was denkende Künstler so alles aus der Natur genommen und in sie hineingelegt haben – dann ist man wohl blind für das Ideale dieser Stadt. Es existiert, da beißt keine Maus einen Faden ab, ohnehin nur im Kopf des Betrachters, dort aber umso ausdauernder, sonst wäre Heidelberg ja nicht zu einem deutschen Mythos geworden.
Der erzromantischen Stadt wird kein Haar gekrümmt
Folgende Überlegung mag in diesem Zusammenhang noch erlaubt sein: Es ist bekannt, dass die Stadt, anders als andere, von den Bomben der Alliierten weitgehend verschont blieb, aus dem einfachen Grund, weil sie sie eben so schön, um nicht zu sagen: ideal fanden, um sich dort nach dem Krieg mit ihren ganzen Soldaten breitzumachen. Von der Heidelberger Romantik dürften sie zu dem Zeitpunkt schon mal gehört haben. Wenn, wie man Thomas Mann zuspitzend zusammenfassen könnte, aber der Nationalsozialismus nichts anderes war als verhunzte Romantik, dann ist es erst recht merkwürdig, dass gerade so eingefleischte Nazigegner wie die Amerikaner dieser erzromantischen Stadt kein Haar krümmten.
Dass der Lauf der Literaturgeschichte so verschlungen ist wie der des an dieser Stelle extrabreiten Neckars, geht nicht zuletzt aus der Ironie hervor, die darin besteht, dass ausgerechnet das knapp 100 Kilometer weiter nördlich gelegene Frankfurt, Goethes nicht ländlichschönste Vaterstadt, ein Romantikmuseum bekommen hat und nicht Heidelberg, wo es hingehört hätte. Betrachten wir zur Abwechslung einmal die Gegenwart beziehungsweise die jüngstvergangene Gegenwart. Gerade hat die Stadt die fünf Tage des „feeLit. Internationales Literaturfestival“ hinter sich gebracht, gediegen besetzt, sogar der Altministerpräsident Kretschmann war da, und erfreulich gut besucht.

Denn es geht ja längst nicht nur um die Heidelberger Romantik. Die Stadt nennt sich nicht umsonst „City of Literature“. Sie ist buchstäblich voll davon und kommt auch in der jüngeren Literatur vor. Christian Krachts „Faserland“ und Bernhard Schlinks „Vorleser“ spielen über weite Strecken hier, wie auch die ausgezeichnete Autobiographie des Kulturredakteurs Ijoma Mangold, „Das deutsche Krokodil“, die im Grunde ein realer Heidelberg-Roman ist. Die Identifikationsbereitschaft gerade der Zugezogenen ist beachtlich. Der Romanschriftsteller Saša Stanišić zum Beispiel bezeichnet sich als „Kind dieser Stadt“. Und wer hier alles geboren oder zu Grabe getragen wurde, wer hier einmal gewohnt hat oder noch wohnt, kann man gar nicht aufzählen. Nur so viel noch: Es gibt in Heidelberg Viertel mit extrem hoher Professoren- und sogar Nobelpreisträgerdichte.
Wir wollen keine alternative Literaturgeschichtsschreibung betreiben. Fest steht aber, dass auch auf der anderen Seite des Neckars die Dinge nicht so sonnenklar sind, wie die Namen und Begriffe es vorspiegeln. Dass zum Beispiel der Philosophenweg, eine weitere Topattraktion, nur um den Preis der Sinneseintrübung hochzulaufen ist, liegt nicht nur an der Sommerhitze. Die Topographie ist, besonders auf den ersten 700 Metern, so herausfordernd und anstrengend, dass man – anders als in der Vorstellung von inmitten gebirgsbachklarer Höhenluft flanierenden Denkern – keinen klaren Gedanken fassen kann. Wozu auch?
Denken kann man auch in geschlossenen Räumen, wie denn überhaupt der Name „Philosophenweg“, so gut er sich auch für eine Stadt wie Heidelberg macht, ja keineswegs bedeutet, hier würden nur lauter Philosophieprofessoren oder Philosophiestudenten herumlaufen, mit Kants „Kritik der reinen Vernunft“ oder „Wahrheit und Methode“ des Heidelbergers Hans-Georg Gadamer unterm Arm. Oder tat man, als man den Weg einst so nannte, dies in der Absicht, die Leute zum Denken anzuregen oder, mit dem stillschweigenden Hinweis auf frühere Gepflogenheiten, ihnen wenigstens ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn sie es nicht täten? Wer sich hier aufhält, sollte das denkend tun? Sollte für einen solchen Zusammenhang die Tradition eine Rolle spielen, der zufolge man in jedem Studenten automatisch auch den Philosophen sah, dann ist davon jedenfalls nicht mehr viel übrig geblieben.
Man sehe sich doch um: Die ganz überwiegende Laufkundschaft erweckt nicht den Eindruck, als ob sie an tieferen Gedanken interessiert wäre. Sie will, wie das so ist bei Touristen, einfach nur schauen und dann irgendwo einkehren. Und die krassesten unter diesen Vertretern sind dann ein Fall für Heinz Strunk. Sein neuester, Mitte Juli erscheinender Roman trägt allen Ernstes den Titel „Memories of Heidelberg“. Sonst ist daran aber absolut nichts romantisch. Wieder ist es die böse, sarkastische Geschichte über einen im Leben in so gut wie jeder Hinsicht zu kurz gekommenen und noch zu kurz kommenden Protagonisten, der eigentlich nur ans Essen denkt und sich trotz seiner Korpulenz auf den Philosophenweg wagt: „Kommt man in uralte Städte wie Heidelberg, spürt man, was es heißt, nur ein unbedeutendes Lüftchen/Lichtlein/Körnchen zu sein. Der siebenhundert Meter lange und enorm steile Aufstieg über den Schlangenweg bringt ihn an den Rand des Zusammenbruchs. Grunzend, keuchend, röchelnd schleppt er sich vorwärts, wie jemand, der mit Lungenemphysem an einem Felsüberhang entlanghangelt. Kündigt sich womöglich wirklich ein Lungenemphysem an? Ihn durchläuft ein Zittern, regelrechte Zitterattacken, sein rotes, verzerrtes Gesicht ist angeschwollen wie der Blutmond.“
Strunks Protagonist schleppt sich dann auf der nördlichen Neckar-Seite Richtung Altstadt, überquert die Alte Brücke und wundert sich über die vielen Menschen, „die in Weintraubenformationen vorbeiströmen“. Natürlich ist ihm das alles zu viel. „Er ist immer wieder überrascht, dass es so viele Menschen überhaupt geben kann“, und kommt, auch darin nicht gerade im Einklang mit der landläufigen Meinung, zu dem Schluss, dass Sehenswürdigkeiten „grundsätzlich uninteressant“ seien.
Wir mussten das so ausführlich zitieren – nicht um Heidelberg bloßzustellen, ganz im Gegenteil: Wir wollten nur weiteres Belegmaterial dafür sammeln, dass eine Stadt über außergewöhnliche Schönheit verfügen muss, um an ihrer Rolle als Kulisse für menschliches Elend im Stile Heinz Strunks nicht zuschanden zu gehen. Das gelingt nur wenigen Orten, und in Heidelberg wird es wohl immer so sein.
