
Acht Monate vor der Landtagswahl am 6. September nimmt der Wahlkampf in Sachsen-Anhalt eine weitere Wendung: Die CDU strebt angesichts ihrer mäßigen Umfragewerte einen vorzeitigen Wechsel im Amt des Ministerpräsidenten an. Amtsinhaber Reiner Haseloff will nach Informationen der F.A.Z. bei der nächsten Landtagssitzung Ende Januar von seinem Amt zurücktreten. Stattdessen soll der CDU-Spitzenkandidat, Wirtschaftsminister Sven Schulze, zum Regierungschef gewählt werden.
Dieses Manöver soll am Wochenende auf einer Klausurtagung der CDU und am Montag auf Sitzungen der drei Koalitionsparteien CDU, SPD und FDP besprochen werden. Nach F.A.Z.-Informationen ist auf Spitzenebene bereits eine informelle Vorabsprache erfolgt. Haseloff hatte im August 2025 unter Verweis auf sein fortgeschrittenes Alter von 71 Jahren angekündigt, nicht noch einmal als Spitzenkandidat der CDU anzutreten.
Der dienstälteste Ministerpräsident Deutschlands war zuvor nicht nur aus seiner eigenen Partei heraus bedrängt worden, noch einmal anzutreten. Dies geschah in der Hoffnung, der Katholik mit seiner hohen Bekanntheit im Land und seinem Ansehen in der Bevölkerung könne ein weiteres Erstarken der AfD in Sachsen-Anhalt abwenden. Haseloff hielt dem entgegen, dass etwas nicht in Ordnung sei, „wenn immer alles nur an einer Person hängt“.
SPD und FDP wollten keinen vorzeitigen Wechsel
Die CDU liegt in den Umfragen nach der Nominierung von Schulze nur noch bei 27 Prozent. Die AfD kommt auf knapp 40 Prozent und macht sich sogar Hoffnungen, allein regieren zu können. Dazu könnte es kommen, falls bisher im Landtag vertretene Parteien wie die Grünen und die FDP und womöglich sogar die SPD an der Fünfprozenthürde scheitern.
Auch in der CDU werden die derzeitigen Umfragewerte und der bisherige Wahlkampf mit Nervosität und Sorge verfolgt. Vom Wechsel vor der Wahl erhofft sich die CDU vermutlich, dass sich ihr Spitzenkandidat Schulze noch einen kleinen Amtsbonus erarbeiten kann und vor allem seine Bekanntheit erhöht. In Magdeburg hatte es bereits vor längerer Zeit Gerüchte über eine vorzeitige Amtsübergabe gegeben.
Ein solchen Vorgehen ist nicht unüblich: In Rheinland-Pfalz und in Niedersachsen hatten zuletzt die beiden sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Malu Dreyer und Stephan Weil ungefähr in der Mitte der Legislaturperiode ihre Ämter vorzeitig abgegeben, sodass ihre Nachfolger Alexander Schweitzer und Olaf Lies mit einem Amtsbonus in die Wahlkämpfe gehen können. Auch in Sachsen-Anhalt gab es solche Wünsche.
Allerdings haben dort SPD und FDP das Amt des Ministerpräsidenten in der Koalitionsvereinbarung mit der CDU explizit an die Person von Reiner Haseloff gebunden und hätten einem frühzeitigen Wechsel dem Vernehmen nach auch keine Zustimmung erteilt.
Nun wurde die Lage offenbar neu bewertet, auch wenn die erforderliche Wahl von Sven Schulze zum Ministerpräsidenten im Landtag mit Risiken behaftet bleibt. Nach der Landtagswahl 2021 hat Haseloff die FDP als Koalitionspartner hinzugeholt, obwohl CDU und SPD auch ohne die Freien Demokraten über eine knappe Mehrheit im Landtag verfügt hätten. Aufgrund von Abweichlern wurde Haseloff dennoch erst im zweiten Wahlgang zum Ministerpräsidenten gewählt. Die Abweichler wurden, wie auch schon in früheren Fällen, vor allem in der eigenen CDU-Fraktion vermutet.
Offen ist auch, ob ein Wechsel im Amt des Ministerpräsidenten so kurz vor einer Wahl der CDU hilft oder von den Wählern nicht eher als Zeichen der Schwäche oder als vornehmlich parteipolitisch motiviertes Manöver wahrgenommen wird.
