Soziale Medien sind aus dem Alltag heutiger Jugendlicher kaum wegzudenken. 47 Prozent von ihnen verbringen eine bis drei Stunden an Wochentagen damit, zwanzig Prozent zwischen drei und fünf Stunden und zehn Prozent sogar mehr als fünf Stunden, wie das Bildungsbarometer des Münchener Ifo-Instituts zeigt. Am Wochenende sind die Zahlen noch einmal höher. Kein Wunder also, dass Smartphones und sozialen Medien schon so ziemlich jedes erdenkliche gesellschaftliche Übel zugeschrieben worden ist, von fallenden Geburtenraten über schlechte Bildung bis hin zu psychischen Erkrankungen. Gemein haben sie alle, dass die Nachweise für einen echten Zusammenhang dünn gesät sind.
Den Erwachsenen ist die Bildschirmzeit ihrer Kinder dennoch nicht geheuer. Auch sie verbringen in Deutschland an Wochentagen im Mittel zwar mehr als eine Stunde am Tag auf Social Media, fast jeder Fünfte mehr als drei Stunden. Aber mehr Sorgen machen sie sich um ihre Kinder. Die große Mehrheit glaubt, dass sich soziale Medien negativ auf die psychische und körperliche Gesundheit von Jugendlichen, auf Aufmerksamkeit und schulische Leistungen auswirken. Da liegt es nahe, politisch einzugreifen. Das Bundesland Hessen hat schon seit dem Schuljahr 2025/26 ein verpflichtendes Handyverbot an Schulen beschlossen. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther hat sich für ein Social-Media-Verbot für Kinder ausgesprochen, auch Kanzler Friedrich Merz hat dafür Sympathien bekundet. Vorbild ist Australien, das ein solches Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren im Dezember eingeführt hat.
Unter den Erwachsenen in Deutschland stoßen beide Ideen auf großen Zuspruch: 85 Prozent waren im vergangenen Jahr für ein Social-Media-Verbot unter 16 Jahren. 59 Prozent sind für ein Handyverbot an Grundschulen auch in der Pause, eine einfache Mehrheit für ein Verbot auch an weiterführenden Schulen.
Wenn sich die Deutschen da nur nicht zu viel versprechen: Untersuchungen aus anderen Ländern zeigen, dass beide Maßnahmen – wenn überhaupt – nur sehr überschaubare Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Kinder haben.
So haben Ökonomen in den USA untersucht, wie sich ein strikt umgesetztes Handyverbot an Schulen auswirkt. Die Wissenschaftler betrachteten Schulen, an denen verschließbare Handytaschen im Einsatz sind. Die Schüler müssen ihre Handys beim Betreten des Schulgeländes darin einschließen und können sie erst beim Verlassen wieder öffnen. Die Wissenschaftler konnten nun vergleichen, wie sich das Verhalten der Schüler mit den verschließbaren Taschen im Vergleich zu denen an anderen Schulen veränderte. Anhand von GPS-Daten ließ sich zeigen, dass die Handynutzung an den Schulen tatsächlich zurückging, und zwar innerhalb von zwei Jahren um mehr als 30 Prozent relativ zu den Schulen ohne Handyverbot. Allerdings ist das GPS-Signal ein ungenaues Maß, weil sich beispielsweise Handys der Schüler nicht von den Handys der Lehrer unterscheiden lassen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Wirkliche Verbesserungen brachte all das aber nicht: Die Anzahl der Disziplinarmaßnahmen nahm kurzzeitig zu, fiel dann aber schon nach einem Jahr auf ein Niveau, das nicht von einer Zufallsschwankung unterscheidbar ist. Onlinemobbing ging nicht zurück, auch Prüfungsergebnisse verbesserten sich nicht. Die Aufmerksamkeit der Schüler im Unterricht nahm nach zwei Jahren sogar signifikant ab. Immerhin: Das subjektive Wohlbefinden der Schüler fiel zwar im ersten Jahr, aber verbesserte sich ab dem zweiten.
Ist es womöglich nicht genug, nur in der Schulzeit den Social-Media-Konsum zu verhindern? Der australische Weg geht noch einen Schritt weiter und versucht, die Jugendlichen komplett aus den Netzwerken herauszuhalten. Doch auch hier sind die Ergebnisse überschaubar.
Das fängt damit an, dass der Bann kaum Wirkung zeigt. 57 Prozent der Vierzehnjährigen und 68 Prozent der Fünfzehnjährigen waren auch nach dem Inkrafttreten des Verbots noch auf den sozialen Medien aktiv, wie eine Umfrage unter australischen Teenagern zeigt, die ein internationales Team von Ökonomen vorgenommen hat, zu dem auch der Kölner Professor Christopher Roth gehört. Unter Siebzehn- und Achtzehnjährigen, die weiterhin soziale Medien nutzen dürfen, tun dies 87 Prozent.
Die Ökonomen fanden heraus, dass Jugendliche umso eher weiterhin die Plattformen nutzen, je mehr Freunde von ihnen dort aktiv sind. Die Netzwerkeffekte, denen Instagram & Co. ihre Anziehungskraft verdanken, sind stärker als jedes Verbot. Das gilt erst recht, weil diejenigen Jugendlichen, die sich an das Verbot halten, von ihren Altersgenossen als eher unpopulär wahrgenommen werden. Die wenigen Schüler, die sich an das Verbot halten, verbringen der Umfrage zufolge mehr Zeit mit Familie und Freunden und verspüren weniger Druck, aufs Handy zu schauen. Sie empfinden aber auch mehr Langeweile und finden es schwerer, mit Freunden in Kontakt zu bleiben.
All diese Effekte, ob positiv oder negativ, waren allerdings zu klein, um eine Zufallsschwankung auszuschließen. Und: Die Kinder, die sich an die Regeln halten, unterschieden sich in ihrer Persönlichkeit von denen, die das nicht tun. Insofern ist nicht klar, ob hier das Verbot überhaupt eine Rolle spielt. Es scheint daher genau so gut möglich, dass das australische Verbot einfach gar nichts bewirkt hat.
