Wie männlich ist das Sandmännchen? In Halle, im Händelhaus, sitzt es in einer Vitrine (selbstverständlich die Variante des Deutschen Fernsehfunks der DDR) in ungewohnter Gesellschaft: ein Parfümfläschchen in Handgranatenform (als „Waffe der Verführung“ wird der Inhalt für Männer angepriesen), ein Körperpflegeset mit Fläschchen, Bürstchen und Scherchen, ein Spielkarten-Quartett „Unsterbliche Musiker“ mit dem Konterfei Ludwig van Beethovens auf dem Titelblatt. Ein Tyrannen-Quartett gibt es auch zu sehen mit Adolf Hitler als „Blitz-Trumpf“, unschlagbar in allen Kategorien des Bösen, und um die Vitrinen herum eine Schar von Pappkameraden: Ernest Hemingway mit entblößtem Oberkörper und Flinte in der Hand, Arthur Schopenhauer, deutlich zugeknöpfter, Albrecht Dürer mit weiblich-weichen Zügen, wie er sich selbst gemalt hat auf dem berühmten Christus-Selbstporträt, Freddie Mercury, Che Guevara – und ganz hinten in herrschaftlicher Pose Georg Friedrich Händel.
Nach „Mannsbildern“ fragt die Sonderausstellung des Händelhauses, die zum Beginn der diesjährigen Händel-Festspiele eröffnet wurde, nach Bildern und Vorstellungen von Männlichkeit heute wie damals. Dabei wissen die Macher, neben dem neuen Leiter des Händelhauses und Intendanten der Festspiele Florian Amort die Kuratorin Juliane Riepe, wie man Publikum ins Museum locken kann. „Too hot to Händel“ lautet der Untertitel der Ausstellung, auf dem pinkfarbenen Plakat blickt der Komponist mit verdruckster Lüsternheit hinauf zu einer antiken Herkules-Statue, die den Helden mit bizarr ausdefinierten Muskelpartien zeigt.
Selbstironie war er offenbar nicht abgeneigt
Händel, ein Bewunderer von Männerkörpern? Wer erwartet, im Händelhaus Neues zu einer etwaigen homosexuellen Orientierung des Komponisten zu erfahren, sieht sich auf die falsche Fährte gelockt. „Schwul“ gehört zwar zu den Schlagwörtern, als es um Bilder geht, die sich die Mit- und Nachwelt vom Komponisten gemacht hat, mal mehr, mal weniger faktenbasiert. Der Eintrag zum Stichwort gibt aber recht wenig her: Verwiesen wird auf die US-amerikanische Musikwissenschaftlerin Ellen T. Harris, die sich einmal dem Thema „Homosexualität“ in Händels Werken und Wirken zugewandt hatte, ein gewisses Medienecho hervorrief, ohne aber explizit behauptet zu haben, der Komponist sei schwul gewesen.

Es bleibt dabei: Wir wissen wenig über Händel als Person, abgesehen davon vielleicht, dass er furchtbar gerne aß und am Ende über ein Millionenvermögen verfügte. Und doch können wir die vorhandenen Quellen noch genauer studieren. Dass Händel als erster Komponist schon zu Lebzeiten mit einem Denkmal in den Londoner Vauxhall Gardens gewürdigt wurde, belegt seinen außerordentlichen Status. Dass er sich dafür darstellen ließ, als käme er frisch aus dem Bett, mit Schlafmütze, Hausmantel und Pantoffeln (in der Ausstellung wird darauf detailliert verwiesen), lässt auf einen selbstironischen Charakter schließen. Was nicht heißt, dass Händel einer eindrucksvollen Darstellung gegenüber abgeneigt gewesen wäre. Das Kniestück von Thomas Hudson, eines der bekanntesten Porträts des Komponisten, wird in der Ausstellung einem Bildvergleich unterzogen. Herrscherliche Pose, selbstbewusste Kopfhaltung: all das findet sich auch auf einem Porträt von King George II., das Hudson zuvor angefertigt hatte. Die Bildsprache der Aristokratie wird auf die Spitzen des Bürgertums übertragen, eine neue Zeit bricht an, die Entwicklungen in Gang setzt, die bis heute wirken.
Oper als Erziehung zu männlicher Affektkontrolle
Etwa, dass an die Stelle von Standesgrenzen zunehmend eine Grenzziehung nach Geschlechtern tritt. Zur Händel-Zeit, so lernt man in der detailreich gestalteten Ausstellung, konnte von Gleichberechtigung zwar keine Rede sein, Wege standen aber offen, in Männerdomänen vorzudringen. So wird darauf verwiesen, dass in der Oper Frauen ganz selbstverständlich auch in Männerrollen auftraten, dass sie zuweilen Partien übernahmen, die eigentlich für Kastraten geschrieben worden waren. Die Kastraten wiederum (entsprechende Operationswerkzeuge präsentiert die Ausstellung ebenfalls) waren zumindest in Italien respektierte Personen und wurden trotz hoher Stimme in ihrer Männlichkeit gesehen – ein Beispiel, wie dehnungsfähig das Bild vom Mann im Barock war.

Ansonsten muss die Vorstellung, wie ein Mann sein sollte, eine recht klare gewesen sein: Gesellschaftliche Akzeptanz ergibt sich aus der Affektkontrolle. Nur ein beherrschter Mann, einer, der „Höflichkeit“ gelernt hatte, also die Art, wie man sich bei Hofe verhält, ist ein Mann, der respektiert wird. Wo aber lernt man etwas über die Werte der Höflichkeit? Unter anderem in der Oper, zu deren Besuch zu selbst erzieherischen Zwecken dringend geraten wurde. Händel präsentiert in seinen Oratorien und Opern dann auch unfertige, affektgeplagte Männer, die im Laufe der Handlung zur Erkenntnis finden.
Ein Kreuzritter im Zwiespalt
Der Kreuzritter Rinaldo etwa in Händels erster Londoner Oper muss seine kriegerischen Pflichten und die Liebe unter einen Hut bekommen in fortwährendem Zwiespalt zwischen den Ansprüchen der Realität und den Verlockungen weltferner Verliebtheit. Walter Sutcliffe, engagierter Intendant der Halleschen Oper und Regisseur des „Rinaldo“ zum Auftakt der Festspiele, kocht derweil sein eigenes Süppchen. „Wer ist denn nun wer?“, lautet eine der drängendsten Fragen in den Pausengesprächen. Sutcliffe macht es einem wirklich nicht leicht: Gleich zwei Sachen auf einmal will er erzählen, die Entstehungsgeschichte des Werkes und die Oper selbst.
Goffredo und Eustazio, der Anführer des christlichen Heeres vor Jerusalem und sein Bruder, das sind Händel und sein damaliger Theatermanager Aaron Hill. Das Schlachtfeld ist das Theater mit seinen Eifersüchteleien und Diven-Kämpfen. Das Theatermachen als Kampf: So fleißig und komödiantisch Sutcliffe das in Szene setzen will – den Fängen des Selbstreferenziellen kann er sich kaum entziehen. Die Umdeutungen des Textes in der deutschen Übersetzung wirken zwar gewitzt, sind aber doch gewaltsam, im ständigen Hin und Her zwischen dem Handlungsgeschehen und einem Geschehen hinter oder neben jener Bühne, die hier auf die Bühne gestellt wird, vermag man kaum den Überblick zu behalten.
Am Ende wird keine der beiden Geschichten so richtig erzählt, die Musik, schwungvoll dargeboten vom Händelfestspielorchester unter Michael Hofstetter und einem starken Sängerensemble, rauscht vorüber, kaum einmal einen Enterhaken auf die Bühne setzend. Händels Männer werden zum austauschbaren Personal, derweil das Sandmännchen – es muss hier bestimmt unterwegs sein – fleißig Sand verstreut. Gesegnet, wer einen guten Schlaf hat.
