Mit 4300 Mitarbeitern und einem Umsatz von 1,3 Milliarden Euro ist es ungewöhnlich, wenn der Vorstandsvorsitzende von seinem Unternehmen behauptet: „Natürlich tragen wir zur Resilienz von Europa bei.“ Das betont Siltronic-Chef Michael Heckmeier im Gespräch mit der F.A.Z. Das Unternehmen, das in München sitzt, dort aber nichts produziert, stellt Siliziumscheiben her. Die sogenannten Wafer sind ein wichtiges Vorprodukt für Halbleiter, und hier will Europa möglichst viele selbst herstellen, um nicht auf Importe aus Asien oder den Vereinigten Staaten angewiesen zu sein.
In der Politik beobachtet Heckmeier Bestrebungen, in Deutschland und Europa Halbleiteraktivitäten zu etablieren und weiter zu stärken. Die Chipwerke von Infineon und ESMC in Dresden sieht er dafür als beispielhaft. Er verweist auf den EU Chips Act, ein Maßnahmenpaket der Europäischen Kommission, um die Chipproduktion in Europa zu erhöhen und Versorgungsschwierigkeiten entgegenzuwirken.
„Wir werden in Berlin wahrgenommen“
Im EU Chips Act 2 ist seinen Worten zufolge geplant, für europäische Halbleiterprojekte 120 Milliarden Euro bereitzustellen. „Das hört sich nach viel an, aber vor Kurzem hat Südkorea ein Programm für private und staatliche Investitionen in der Halbleiterindustrie in Höhe von bis zu 600 Milliarden Dollar aufgelegt“, fügt Heckmeier hinzu. Mit Samsung und SK Hynix stammen zwei führende Chiphersteller aus Südkorea. SK Hynix ist darüber hinaus ein Wettbewerber von Siltronic am Wafermarkt.
Das Programm in Südkorea zeigt nach Ansicht von Heckmeier, was in der Welt los ist. „Wenn Europa mitspielen will, muss es bereit sein, die Investitionen in seine Chipindustrie weiter konsequent fortzuführen“, sagt er. Doch zufrieden stellt er fest: „Galt zuvor der Fokus den Halbleiterherstellern, ist nun die gesamte Wertschöpfungskette, wie zum Beispiel Wafer als Vorprodukte, in den Blickpunkt gerückt.“ Das komme Siltronic zugute: „Wir werden in Berlin wahrgenommen. Ohne Wafer gibt es keine eigenen Halbleiter.“
In Gesprächen mit Kunden und Politikern weist Heckmeier regelmäßig darauf hin: „Wir sind der einzige westliche Hersteller von Wafern.“ Das Geschäft sei ansonsten fest in asiatischer Hand. Inzwischen ist Heckmeier froh, dass Siltronic vor Jahren nicht von der taiwanesischen Globalwafers übernommen wurde. „So haben wir nun dieses Alleinstellungsmerkmal.“ Das hat er dem damaligen Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck zu verdanken, der die Übernahme durch Globalwafers nicht genehmigte.
Dieses Alleinstellungsmerkmal hält Heckmeier für vereinbar mit dem Siltronic-Werk in Singapur. Dort hat der Waferhersteller nach seinen Angaben mehr als zwei Milliarden Euro investiert, was Heckmeier als „kräftig“ bezeichnet. Siltronic ist aus dem Spezialchemieunternehmen Wacker Chemie hervorgegangen, das mit rund 20 Prozent noch immer größter Siltronic-Aktionär ist. Deshalb ist Siltronic weiterhin in Burghausen, wo Wacker Chemie sein Stammwerk hat, vertreten. Dort sitzen vor allem die Forschung und die Entwicklung.
Abschreibungen auf Singapur belasten Ergebnis
Die Stadt im Südosten Oberbayerns gilt als wichtigster Standort des bayerischen Chemiedreiecks. Dort beschäftigt Siltronic 1400 Mitarbeiter. 1500 Beschäftigte zählt das Werk in Singapur, der wichtigste Standort im Ausland von Siltronic. Dort werden die großen Wafer für Chips hergestellt, die für die Künstliche Intelligenz (KI) benötigt werden. Dort sei ein weiterer Ausbau der aktuell noch nicht vollständig gefüllten neuen Fabrik je nach Marktentwicklung vorgesehen, sagt Heckmeier.

Schließlich verfügt Siltronic noch über ein kleineres Werk in Portland in Oregon, wo 300 Mitarbeiter beschäftigt werden. Der Produktionsstandort in Freiberg zählt 1000 Beschäftigte. „Im Ausland produzieren wir mehr als im Inland“, sagt Heckmeier. Die Abschreibungen auf das Werk in Singapur belasten die Gewinn-und-Verlust-Rechnung von Siltronic. Im ersten Halbjahr 2026 dreht sich der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 135 Millionen Euro in einen Fehlbetrag (Ebit) von 100 Millionen Euro, wenn die Abschreibungen berücksichtigt werden.
Bislang habe Siltronic rund 500 Millionen Euro auf Singapur abgeschrieben. Bis das Werk vollständig abgeschrieben sei, werde es noch einige Jahre dauern. Sollte Singapur aufgrund des fortdauernden Wachstums ausgebaut werden, benötigt Siltronic nach den Worten Heckmeiers Kapital. Die jüngste Kapitalerhöhung mit einem Bruttoemissionserlös von 273 Millionen Euro bezeichnet er als Ausnahme. Siltronic finanziert sich nach seinen Angaben überwiegend über Bankkredite. Zudem hat das Unternehmen zwei Schuldscheine begeben.
KI treibt das Geschäft
Das aktuelle Marktumfeld bewertet er zuversichtlich: „Nun verzeichnen wir eine starke Erholung, die vor allem durch die Künstliche Intelligenz angetrieben wird.“ Die Indikatoren deuten derzeit auf eine längere Wachstumsphase hin, nach dem mehrjährigen Abschwung. Die Halbleiterbranche beschreibt Heckmeier als eine zyklische Industrie, in der es einmal rauf- und dann wieder runtergeht. Eine hohe Nachfrage verzeichne Siltronic von den neuen KI-Rechenzentren.
Das sei der wichtigste Treiber für das Geschäft derzeit. Die Rechenzentren hätten einen sehr hohen Bedarf an Speicher-, Logik- und Leistungschips. „Wir sind hier überall dabei“, betont Heckmeier und fügt hinzu: „Siltronic ist bei allen Chipherstellern in der Wertschöpfungskette.“ Der in München sitzende Halbleiterhersteller Infineon zählt neben Samsung, Intel und TMSC zu den wichtigsten Kunden von Siltronic.
Der Weltmarkt für Wafer ohne die lokalen chinesischen Anbieter hat ein Volumen von 11,4 Milliarden Euro. Damit kommt Siltronic mit einem Jahresumsatz von 1,3 Milliarden Euro auf einen Marktanteil von gut elf Prozent. Die Wachstumsphase spiegelt der Aktienkurs von Siltronic. Dieser ist in diesem Jahr um 65 Prozent gestiegen, obwohl die Dividende für das Geschäftsjahr 2025 ausfiel. Trotzdem gelang Mitte Juni die Rückkehr in den M-Dax, dem Aktienindex der mittelgroßen Werte in Deutschland.
„Dass wir wieder im M-Dax sind, hilft uns, weil wir für bestimmte Investoren besser sichtbar sind“, freut sich Heckmeier. Schließlich gibt es Fonds, die nur oder erst vom M-Dax an investieren. Damit kommen neue Investorengruppen für die Siltronic-Aktie hinzu.
„In Deutschland wird viel gejammert“
In das Wehklagen über den Standort Deutschland will Heckmeier nicht einstimmen: „In Deutschland wird viel gejammert. Das gefällt mir nicht. Wir reden uns schlechter, als wir wirklich sind.“ Die Unternehmen müssten zuerst ihre Hausaufgaben machen. Dazu zählt auch Siltronic. Im vergangenen Jahr wurde ein Teil der Produktion in Burghausen geschlossen. Dem fielen 400 Stellen zum Opfer, die Hälfte davon Zeitarbeitnehmer und befristete Beschäftigte. „Das war ein schwieriger Prozess, aber nötig“, sagt Heckmeier im Blick zurück: „Unsere deutschen Wurzeln sind wichtig, weil sie ein Qualitätsmerkmal sind“, ist er überzeugt. Vor allem in Asien sei „Made in Germany“ weiterhin werthaltig.
Trotzdem weist Deutschland seinen Worten zufolge Nachteile auf. Er nennt die hohen Personalkosten und Energiepreise sowie eine geringe Arbeitszeitflexibilität. „Deshalb produzieren wir einen großen Teil inzwischen in Singapur.“ Deutschland brauche in Zukunft industrielle Wertschöpfung und könne sich nicht nur auf Forschung und Entwicklung konzentrieren. „Oftmals ist das enge Zusammenspiel zwischen Forschung und Produktion sehr wichtig“, weiß der Siltronic-Chef aus Erfahrung zu berichten.
