
An diesem Samstag begeht das Fürstentum Liechtenstein seinen Staatsfeiertag. Während des großen Staatsakts auf der Schlosswiese in Vaduz wird wie üblich Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein das Wort ergreifen. Dabei dürfte dem Thronfolger und designierten Staatsoberhaupt weniger als sonst zum Feiern zumute sein. Denn jüngst kam es zu einem Debakel, das den Ruf seines Landes als vertrauenswürdiger Hort für die Gelder der Reichen dieser Welt schwer beschädigt.
Cyberkriminelle drangen in das von der Justizbehörde verwaltete Transparenzregister ein und griffen sämtliche dort gespeicherten Informationen ab. Die Angreifer wissen nun, welche Personen hinter den gut 31.000 Stiftungen, Treuhandvehikeln und Unternehmen in Liechtenstein stecken. Viele dieser Einrichtungen existieren überhaupt nur deshalb, weil sie Anonymität versprechen. Dieses Versprechen hat die Regierung in Vaduz durch unzureichende Sicherheitsvorkehrungen fahrlässig unterlaufen und damit den gesamten Finanzplatz in Misskredit gebracht.
Dabei hat der Zwergstaat seit der Verhaftung von Klaus Zumwinkel im Jahr 2008 vieles richtig gemacht. Der damalige Chef der Deutschen Post hatte – als einer von vielen – über eine Stiftung in Liechtenstein deutsche Steuern hinterzogen. Unter deutschem und internationalem Druck trug die Regierung in Vaduz seinerzeit das Bankgeheimnis zu Grabe. Von den Vermögensabflüssen, die mit dem Ende der Schwarzgeld-Ära einhergingen, haben sich die Liechtensteiner Banken erstaunlich gut erholt: Sie verwalten heute Kundengelder von rund 540 Milliarden Franken.
Schutz vor dem Zugriff von Gläubigern
Zu den Reformen zählte seinerzeit auch die Revision des Stiftungsrechts. Seither dienen die in Liechtenstein vorherrschenden Privatstiftungen reichen Leuten primär dazu, diskret ihre Nachlassplanung aufzusetzen. Indem sie ihr Vermögen auf eine Stiftung übertragen, schützen sie es vor dem Zugriff von Gläubigern, unliebsamen Familienmitgliedern oder dem Staat. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die Ingbe-Stiftung von René Benko. In diesem Vehikel hat der österreichische Bankrotteur angeblich bis zu 300 Millionen Euro gebunkert. An dieses Vermögen möchte Benkos Insolvenzverwalter gern herankommen. Der Datenklau könnte ihm – ohne eigenes Zutun – erstmals konkrete Hinweise darauf liefern, wer die Begünstigten dieser Stiftung sind.
Doch dazu müssten die entwendeten Daten zunächst einmal veröffentlicht werden, und das ist bisher nicht geschehen. Ebenso wenig ist bekannt, wer und was hinter dem Diebstahl steckt. Falls die Räuber „nur“ auf Geld aus sind, könnten sie die Daten nutzen, um Stifter und Begünstigte zu erpressen. Falls ausländische Geheimdienste dahinterstecken, dürfte es eher darum gehen, komplexe Beziehungsgeflechte aufzudecken.
Als Architekten der Stiftungskonstruktionen sind Liechtensteiner Treuhänder nicht über alle Zweifel erhaben. Sie verstehen Stiftungen bisweilen immer noch als Selbstbedienungsladen und drücken gern mal ein Auge zu, wenn es um die Identifizierung der „wirtschaftlich Berechtigten“ geht. Die bekannt gewordenen Fälle von Veruntreuung und Betrug sind offenbar nur die Spitze des Eisbergs. Eine schärfere Aufsicht täte not, scheitert aber am Filz im Fürstentum und an der Lobbykraft der Treuhänder. Obwohl die Skandale dem Ruf des Finanzplatzes schaden, halten die Banken still: Sie verwalten die dicken Depots der Kunden, die die Treuhänder mit ihrem Stiftungsangebot ins Land locken.
Kritiker zeigen nun mit dem Finger auf die Regulierung: Der Staat gehe mit seiner Datensammelei zu weit. Doch dieser Vorwurf geht fehl. Transparenzregister helfen im Kampf gegen Geldwäsche und Terrorfinanzierung. Sie müssen allerdings wirksam vor einem unbefugten Zugriff geschützt werden – und an dieser Stelle hat Liechtensteins Regierung kläglich versagt. Angesichts hanebüchener Sicherheitslücken im Anmeldeverfahren und fehlender Kontrollfunktion hatten die Hacker leichtes Spiel. Sie konnten stundenlang via Einzelabfragen das Register plündern, ohne damit Alarm auszulösen.
Der Datenklau erschüttert das Vertrauen in den Finanzplatz Liechtenstein. Als wie groß sich der Schaden erweisen wird, hängt davon ab, wie offensiv die Angreifer ihre Beute ausschlachten werden und wie die Regierung reagiert, die nun schleunigst eine verlässliche Sicherheitsarchitektur aufsetzen muss. Dabei hat sie Erbprinz Alois im Nacken. Seine Durchlaucht hat ein ureigenes Interesse, dass sich ein solch imageschädigendes Desaster nicht wiederholt: Das Fürstenhaus ist Eigentümer der LGT, der mit Abstand größten Bankengruppe im Land.
