Man kennt und schätzt Gerhard Schweppenhäuser als klugen Interpreten der Kritischen Theorie, deren altgewohnte Denktradition schon sein Vater Hermann Schweppenhäuser fortsetzte, zunächst als Mitarbeiter und enger Vertrauter von Theodor W. Adorno, dann als Professor in Lüneburg. Ist es eine Form der Überidentifikation des Sohnes mit der väterlichen Autorität im Hinblick auf alles, was „Frankfurter Schule“ angeht, dass er – ausgerechnet – die mutwillig von der „Süddeutschen Zeitung“ in die Welt gesetzte Idee, das Starnberger Privathaus von Ute und Jürgen Habermas in eine Art Villa Massimo umzuwandeln, zum Anlass nimmt, im Feuilleton der F.A.Z. mit dem Theoretiker kommunikativer Vernunft auf sentenziöse Weise ins Gericht zu gehen?
Nicht gedacht soll seiner werden als eines Abtrünnigen, weil Habermas in Bezug auf jedwede Orthodoxie so „unmusikalisch“ war wie erklärtermaßen in Bezug auf religiöse Glaubenslehren: Diesen Eindruck erweckt Schweppenhäusers Artikel. Wenige Wochen nach dem Tod von Habermas zu verbreiten, dieser habe durch „tendenziöse Darstellungen“ der „Dialektik der Aufklärung“ von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer die Nachwirkung seines Lehrers Adorno beschädigt, aus dessen Bewunderung Habermas niemals ein Hehl machte, kann nicht unwidersprochen stehenbleiben. Denn diese Unterstellung ist ein Rückfall hinter das, was man längst als erkennbar produktive Differenzen zwischen den Generationen kritischer Theorie freigelegt und diskutiert hat. Das, was seit Horkheimers Schrift von 1937 unter dem allgemeinen Titel Kritische Theorie in Abgrenzung zu „traditionellen Theorien“ firmiert, ist nämlich äußerst vielstimmig und hat – wie gerade Adorno wusste – prinzipiell einen Zeitkern, also seinen geschichtlich bedingten Ort.
Er verwahrte sich gegen eine bruchlose Zurechnung
Es geschah unter den Augen seines geschätzten Lehrers, dass Habermas sich im sogenannten Positivismusstreit auf die Seite von Adorno stellte und im Laufe der Sechzigerjahre mit seinen erkenntniskritischen Beiträgen erste Weichen für einen Paradigmenwechsel stellte. So besteht das später sichtbar werdende Innovative seines Hauptwerks von 1981 ja gerade darin, dass es sich nicht um eine Fortführung der Kritischen Theorie anno dazumal, vielmehr um ein alternatives Konzept handelt. Entsprechend wehrte sich Habermas schon vor Zeiten gegen eine, wie er monierte, „bruchlose Zurechnung zur Kritischen Theorie“, so sehr er sie auch rezeptiert und anerkanntermaßen von ihr für seinen eigenen Lern- und Theoriebildungsprozess profitiert hat.

Schweppenhäuser behauptet, dass Habermas „das Epochenbuch von Horkheimer und Adorno zum nietzscheanisch-irrationalistischen Sündenfall“ erklärt habe, und möchte offenbar seinerseits Habermas’ kritische Aneignung der Kritischen Theorie zwecks ihres Weiterdenkens als Sündenfall beklagen. Aber was zwingt den Gläubigen, darauf zu bestehen, dass, wer aus seiner Sicht sündigt, postum exkommuniziert werden muss?
Die Repräsentanten der Kritischen Theorie darf man sich nicht als Angehörige einer doktrinären Schule vorstellen. Horkheimer, Adorno, Herbert Marcuse und ihre Mitstreiter gingen jeweils ganz eigene Wege, um den unisono erhobenen Anspruch einzulösen, ihre Zeit auf den Begriff zu bringen. Dass Habermas am folgenreichsten bei seiner transformativen Lesart kritischer Theorie Eigensinn walten ließ, hält Schweppenhäuser für einen Irrweg. Er begeht – wider den kritischen Geist der kritischen Theorie – den Fehler, die in den Dreißiger- und Vierzigerjahren durchgeführten Analysen zum unantastbaren Kanon für eine Gegenwarttheorie zu machen. Habermas sagte noch kurz vor seinem Tod im Gespräch, dass „vagierendes Herumtreiben“ zu Philosophie als einem „nichtfestgestellten Denken“ gehöre.
Misstrauen gegen den marxistischen Herrn
Schweppenhäusers Behauptung, dass das Frankfurter Institut für Sozialforschung eine „Plattform für Habermas’ Karrierestart war“, ist falsch und widerspricht dem, was er selbst in seiner kursorischen Rückschau darstellt. Historisch zutreffend ist, dass Habermas von 1956 an als Assistent von Adorno am Institut tätig war. Aber wegen des Misstrauens von Horkheimer gegen den „marxistischen Herrn Habermas“ kehrte er dem Institut nach kaum mehr als drei Jahren den Rücken, um sich in Marburg bei Wolfgang Abendroth zu habilitieren, der damals der einzige marxistische Gelehrte an einer westdeutschen Universität war. Und Habermas war dann auch nicht bereit, das Angebot einer Mitarbeit in der Leitung des Instituts anzunehmen, als er – Ironie der Geschichte – 1964 auf Horkheimers Doppellehrstuhl für Soziologie und Philosophie berufen wurde.

Die Habermas zugeschriebene „Fundamentalkritik der Kritischen Theorie“ bezieht sich – ganz nach Adornos Prinzip immanenter Kritik – auf spezifische Elemente des wechselvollen Prozesses dieser Theorie. Exemplarisch steht dafür die geschichtsphilosophisch zugespitzte Theorie totaler Herrschaft, wie sie in der „Dialektik der Aufklärung“ entwickelt ist. Was die Autoren als Rettung der Aufklärung durch die Kritik ihres historischen Scheiterns angelegt haben, ist eine Intention, die sich Habermas mit seiner Idee kommunikativer Vernunft wie kein anderer Philosoph dieses Jahrhunderts auf die Fahnen geschrieben hat. Die immanent kritische Aneignung jenes „Epochenbuchs“ durch Habermas als „üble Nachrede“ abzutun, ist ein bewusstes Sich-dumm-Stellen, ein Gestus, den Adorno bekanntlich nicht gelten ließ.
Hans Maier nahm Revanch
Wenn Habermas jener Repräsentant „staatstragender Kommunikationsphilosophie“ gewesen wäre, zu dem ihn Schweppenhäuser glaubt stilisieren zu müssen, dann hätte die Münchner Universität keinen Anlass gehabt, dem Direktor des Max-Planck-Instituts zweimal eine Honorarprofessur zu verweigern. Die Ablehnung war die politische Revanche des konservativen Kultusministers Hans Maier für die Habermas zugeschriebene staatskritische Einstellung, konkret: für das von ihm mitgestaltete Hochschulgesetz des Landes Hessen, das seinerzeit mit der Mitbestimmung der Studenten Ernst gemacht hatte.

Schweppenhäuser äußert sein Bedauern darüber, dass in der Werkentwicklung von Habermas im Zuge der „Ausarbeitung seines Modells einer transformierten Transzendentalphilosophie“ die „substanziell wichtigen Aneignungen Marx’scher Theoreme“ aus dem Buch „Theorie und Praxis“ von 1963 „auf der Strecke“ geblieben seien. Dass diese Verlustanzeige unbegründet ist, zeigt schon ein Blick in die beiden Hauptwerke von Habermas. Beide Schriften, man muss sich nur an Inhaltsverzeichnisse und Personenregister halten, enthalten umfängliche Interpretationen der Theorie von Marx, wie sie schon das zurückliegende Buch mit dem Titel „Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus“ bot.
Bei einem der letzten Gespräche im Starnberger Haus prophezeite Habermas, dass man nach seinem Tod mit ihm „abrechnen“ werde. Sollte er gegen meinen Widerspruch recht behalten?
Überflüssig, zu sagen, dass die durchaus differenzierte weltweite Rezeptionsgeschichte des Werks im vollsten Gange ist. Statt der Person eine staatsphilosophische – und das heißt ja affirmative – Gesinnung anzudichten, sollte das enorm breite Werk der Bezugspunkt sein, und zwar so, wie Habermas mit der Theorie von Marx und den divergenten Denkweisen kritischer Theorien umgegangen ist: durch Rekonstruktion in dem Sinne, „dass man eine Theorie auseinandernimmt und in neuer Form wieder zusammensetzt, um das Ziel, das sie sich selbst setzt, besser zu erreichen“.
Stefan Müller-Doohm ist emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Oldenburg und veröffentlichte Biographien von Adorno (2003) und Habermas (2014).
