Die Debatte um die Schönheit ist zurück. Architekturkritiker debattieren darüber, was heute gute Baukunst sei. Einmal sind es keine wohlmeinenden Artikel, die weismachen wollen, an der Architektur der Gegenwart gebe es nichts zu bemängeln, nichts zu tadeln, wie es in der Kulturkritik sonst doch häufig geschieht. Aber Schönheit? Was für ein Wort!
Dass die Forderung nach mehr Schönheit im Bauen von außen kommt, von jenen, die eine breite Öffentlichkeit und die Fachdisziplin gleichermaßen im Blick haben, überrascht nicht. Architekten haben lange nicht davon gesprochen. Eigentlich tun sie es bis heute nicht. Das Schöne gehört nicht zu ihrem Fachvokabular. Denn in jeder aufkeimenden Diskussion folgt sofort der Einwand: „Schönheit, das ist doch Geschmackssache!“ Also lässt man besser die Finger davon.
Wer jedoch Neubaugebiete durchfährt, Gewerbezonen und Suburbia, wer stadtnahen Landschaften begegnet, ahnt, dass täglich mehr Schönheit verloren geht, als geschaffen wird. Daran gibt es wenig zu deuteln. Man spürt es. Hat die Architektur überhaupt noch etwas damit zu tun? Und kümmern sich ihre „Leitprojekte“, jene Bauten, die Museen ausstellen und Jurys mit Preisen bedenken, überhaupt darum?
Was hat es mit der Schönheit auf sich?
Nehmen sie die Bürde auf sich, durch Gestaltung etwas verändern zu wollen? Ist die Ästhetik – die Frage nach der Qualität von Form, Raum, Material und dem humanen Zusammenhang von Bauwerk, Stadt und Land – in diesen heißen Zeiten trockengelegt? Die Reaktionen in den sozialen Medien auf die Kritik am Stand der Baukultur waren absehbar: ablehnend. Wie könne man jene kritisieren, die täglich für die gerechte Sache kämpfen, oftmals auch ums eigene Überleben? Ein verständlicher Reflex. Aber welche Sache? Es lohnt ein kursorischer Blick in die Geschichte der Architektur, um zu erkunden, was es mit dieser ominösen Schönheit auf sich haben könnte – und was sie für uns heute leisten könnte.
„Die Gefahr, dass der gegenwärtige Gang der Zivilisation die Schönheit des Lebens zerstören wird“ – mit dieser Sorge beginnt William Morris einen berühmten Text. Es ist eine jener Programmschriften, die um 1880 die Erneuerung von Kunstgewerbe und Architektur im hochindustrialisierten England einfordern. Die Schönheit, von der Morris spricht, war ein Projekt für die Zukunft. Er fordert sie im Alltag der Menschen ein. Aus der Reform des Zusammenlebens entwickelt er den Anspruch nach einer neuen Einheit von Kunst, Gewerbe und Leben.
Die Macht von Masse und Industrialisierung, die Steigerungslogik des Kapitalismus, die offenen Enden der Geschichte – all das liegt ihm bereits vor Augen. Dagegen setzt er die Wertschätzung des Stofflichen, des handwerklichen Fügens und die Euphorie der Tat. Freilich mit Blick auf die Fiktion eines guten Mittelalters, wohl wissend, dass Schönheit ein Ideal in uns ist.
Zeit, um uns aufzurichten
Morris – zunächst fauler Student, später Mitbegründer der Arts-and-Crafts-Bewegung, Sozialreformer, Schriftsteller, Unternehmer, Politiker und Gestalter – erkannte früh die Herausforderungen der Moderne. Deshalb glaubte er an das Wohnen als verbindende Lebensform, weil dort Arbeit, Alltag und Gemeinschaft zusammentreffen. Fehlt uns heute eine geteilte Vorstellung vom guten Leben, die ihn und seine Zeitgenossen antrieb? Destillieren Utopien nicht immer Hoffnung aus der Geschichte, um Zukunft zu gewinnen – eine Zukunft, an der wir uns aufrichten können? Dafür wäre es wieder Zeit.
William Morris’ Forderungen wurden nach 1900 auch in Deutschland geläufig. Auf der Verbesserung von Industrieprodukten und Wohnbedingungen durch die Hand der Gestalter gründeten die Werkbündler und Bauhäusler ihre Ideen. Klug war die Offensive, mit der sie den Herausforderungen ihrer Zeit begegneten und sich zugleich weit über die Grenzen ihres Metiers hinauswagten. Ein solcher Reformer der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts war Heinrich Tessenow. Heute rümpft man über ihn die Nase: den Lehrer – und Kritiker! – Albert Speers, der im Land verblieb und sich anpasste. Gerade ihm war jedoch die sinnvolle Größe eines Gemeinwesens ein Anliegen, nicht der fatale Größenwahn. Das findet sich bereits im Titel eines seiner Bücher: Handwerk und Kleinstadt. Darin stecke die Lösung – nicht kleinlich gemeint, sondern als Antwort auf die Frage, wie sich das eigene Leben aktiv und selbstbestimmt in Gemeinschaft führen lasse.
Das kleine Eigenheim für alle und die große Form, Privates und Öffentliches, wusste Tessenow als Architekt in einer sachlichen Haltung zwischen Klassik und Moderne miteinander zu verbinden. Durch die Zartheit von Zeichnung und Linie belebte er seine Architektur mit Garten, Pergolen und Großgewächsen. Einfachheit, Anmut und Angemessenheit kennzeichnen seine Bauten. Wurde der großbürgerliche Morris vor dem Hintergrund des neuen Industrieproletariats tätig, hatte Tessenow das Kleinbürgertum vor Augen. In beiden Fällen sollten sich die Menschen selbst als Kulturträger verstehen, in einem Lebensraum, in dem Arbeit und Freizeit sozialutopisch ineinander übergehen und Lebenszufriedenheit die Geltung des Monetären relativiert.
Die Großstadt als Einbahnstraße?
Der gedankliche Schritt vom Arbeiter zum Handwerker, von Morris zu Tessenow, ist begleitet vom Zweifel, ob die Großstadt heute überhaupt noch eine Antwort auf den klaffenden Riss zwischen Leben und Gestalt des Alltags geben kann. Ist sie nicht längst zur Einbahnstraße geworden, die einfordert, was Äcker und Fabriken in Strömen zuliefern müssen? Ob wir an unseren urbanen Hochschulen überhaupt noch Gestalter ausbilden, die Lösungen jenseits disziplinärer Zwänge suchen?
Wer heute Hochschulen und Städte verlässt, bleibt seltsam stumm gegenüber dem ungeschulten Auge, einem Alltag, in dem das Leben selbst im entlegensten Landstrich in industrielle Fertigteile zerfällt – zusammengehalten von Normen und der Angst, sie nicht zu befolgen. Die konsumförmige Individualität speist sich dort wie hier aus den Schablonen einschlägiger Lifestyle-Magazine. Kann man seine Sinnlichkeit überhaupt noch in alltäglichen Räumen schulen? Ist der Verlust an Wohnkultur nicht ein Grund für jene Anspruchslosigkeit gegenüber dem konkreten Umfeld, aus dem man bei Fernreisen zu fliehen versucht?

Das Klagelied ist kaum neu; Morris hat es bereits angestimmt. Den Fortschritt einer Kultur müsste man am Stand ihrer Alltagskultur messen. Der Verlust an Zufriedenheit, Maß und Wertschätzung liegt heute offener zutage denn je. Wir leben im ökologischen Zeitalter – in einer Disbalance mit uns selbst und der Natur. Schließlich definiert Morris das Schöne, ohne das Wort selbst zu verwenden.
Sein sprachlicher Kniff besteht darin, einen Wohnraum für dich und mich zu beschreiben: „Zunächst ein Bücherschrank, der eine große Menge Bücher enthält; dann ein Tisch, der sicher steht, wenn Sie daran schreiben oder arbeiten; ferner verschiedene Stühle, die Sie von einem Ort zum anderen bringen, und eine Bank, auf der Sie sitzen oder liegen können; dann ein Speiseschrank und Schubkästen . . .“ Auch Platz für Vasen, Blumen und einen Kamin muss sein. Dann folgt der schlichte Satz: „Weiter brauchen wir nichts.“
Das verblüfft, gerade weil diese Aufzählung zunächst gar nicht verblüffend wirkt. Aber ist sie nicht radikal? Alles gedanklich leer zu räumen, neu zu beginnen – und dann auch noch mit einem Bücherschrank? Morris stellt keine geringere Frage als: Was brauchst du für ein gutes Leben? Und blickt dabei erneut auf den Zusammenhang der Dinge, vermittelt durchs Wohnen. Schönheit liegt in seiner Zuversicht, Maß zu halten gegen die immer stärker anprallenden Forderungen nach dem „Mehr“, die von außen kommen – aus dem Fortschritt der Industrieproduktion, die in ihren Grenzen bleiben muss. Vielleicht ist das unser zentrales Dilemma: dass keine Dinge mehr entstehen, sondern nur noch Produkte.
Morris wollte das, was der Markt zu Produkten macht, gestalterisch wieder zu Dingen werden lassen. Er verhehlt nicht, dass genau darin die Aufgabe seiner Zeit lag. Hat sich daran grundsätzlich etwas geändert? Ist nicht die Frage nach dem Maß auch heute wieder zentral? Vielen dämmert längst, dass das Mehr an Autos – auch mit Elektroantrieb –, das Mehr an Wohnraum – auch wenn er gedämmt ist –, das Mehr an „grünen“ Dingen keine Lösung bietet. Das Schöne ist: Schönheit ist die Frage nach dem Maß. Schön ist, was in sich schlüssig wirkt und nicht nach mehr verlangt.
Wir müssen unser Leben ändern
Wir müssen unser Leben ändern, meinte Morris – und tat es. Das gute Leben wäre weder jenseits zu finden in abstrakten Ethiken noch bloß ein Trend. Es liegt in der Praxis des Lebens. Wie sehr der Raum des Architektonischen der Treffpunkt von Ideal und Konkretion ist, darüber sollte nachgedacht werden. Und dieses Nachdenken sollte Entwerfen heißen. Von der „Bauwende“ – dem letzten Trend, ohne den es nicht zu gehen scheint – ist kaum zu erwarten, dass sie unsere allgemeine Lebenspraxis verändert. Ihre Währung ist Kohlenstoffdioxid. Unser Alltag wird weiterhin schlecht zusammengestückelt. Die Dinge haben zwar Lebenszyklen, aber weiterhin kurze; sie werden schneller recycelt und dürfen das auch zeigen – welche Auszeichnung: Design to deconstruct! Wir glauben nicht mehr an die Haltbarkeit der Welt. Ist das wirklich unser Ernst?
Dann wird sich die Architektur selbst abschaffen. Tausende Jahre Wissen und Können würden verloren gehen – und mit ihnen die Kenntnis, dass die kleinlaute Übernahme von Schlagworten aus Industrie und Technik nur selten eine Lösung bereithielt. Man vergleiche ein Einfamilienhaus von 1900 mit einem von 1960! Doch selbst das Nachdenken über die liebste Wohnform der Menschen verbietet sich die Disziplin heute – dabei ist das Wohnhaus der Kern der Architektur.
Das Wohnen ist die große Lehre der Moderne: wie wir uns auf der Welt verhalten und welche Erfahrungen unsere Räume zulassen. Niemand in westlichen Gesellschaften kann behaupten, nichts von den ökologischen Folgen industrieller Produktion, von Ausbeutung und Billigproduktion, von den Kollateralschäden langer Transportwege und komplexer Lieferketten zu wissen. Man kann darin ein Fehlen von Schönheit erkennen.
Das Schöne als Allgemeingut
William Morris richtet sich mit seinem Text an alle, nicht nur an die großen Gestalter, die jede Zeit gleichermaßen hervorzubringen vermag. Er versteht das Schöne als Allgemeingut, an dem wir gemeinsam gestaltend arbeiten müssten, damit es Wirklichkeit werde. Das Entwerfen von Architektur ist heute zum Kampf gegen Widerstände geworden. Viele, gerade junge und kleine Büros, treten ihn an. Selbst wenn sie fachliche Wertschätzung erfahren, dringen sie oft nicht durch. Vielleicht sollte man selbstkritisch bei der Ausbildung an Hochschulen und Universitäten und beim Selbstverständnis der Praktiker ansetzen.
Nehmen wir an, die Architektur behauptete ihre gesellschaftliche Stellung, indem sie das Projekt der Schönheit ausriefe und darüber debattierte, was es überhaupt bräuchte, damit unsere Lebenswelt nachhaltig würde. Wer Architektur studiert, wird zunächst aus seiner lebensweltlichen Einbettung herausgerissen. Mehr und mehr werden Entwurfsklassen mit Collagen populärer Projekte ohne Ort und Zusammenhang geflutet. Die Tradition einer bildlustigen Referenzkultur zeigt sich in KI-Entwürfen nur potenziert. Entlarvend ist, wie häufig darin heile Welten, traute Gemeinschaft und saftige Naturnähe in beinahe surrealen Raumphantasien beschworen werden. Sie sind das Indiz einer klandestin geteilten Sehnsucht.
Der Verdacht liegt nahe, dass intellektuelles Selbstverständnis und Heteronomie der Disziplin in den neuen Stadtquartieren der Gegenwart zusammenfinden – in technikgläubiger Euphorie gegenüber Green Economy und neuen Technologien. Wie aber gelingt das gute Leben? Architektinnen und Architekten, denen unser Alltag am Herzen liegt, dürfen sich ihr nicht verschließen. Ein zentrales Dogma der Avantgarde lautete einst: Technik und Wirtschaft in die Form des Zusammenlebens einzubinden. Weder Spätmoderne noch Postmoderne haben daran etwas geändert, dass dieses Anliegen sich am besten über die Idee des Wohnens vermitteln lässt, weil sie alle mit einbezieht.
Brückenschlag zwischen Disziplin und Gesellschaft
Das eigene Leben gestaltend zu durchdringen, daraus ein Projekt zu gewinnen – liegt darin nicht die eigentliche Legitimität der Architektur, der Brückenschlag zwischen Disziplin und Gesellschaft? Liegt darin nicht zugleich eine Anklage gegen den digitalen Komfort des Hyperkapitalismus, der uns die ökologische Krise so präsentiert, als habe sie mit dieser Lebensweise nichts zu tun? Es geht darum, die konsumistische Rahmenerzählung zu durchbrechen. Denn sie kommt nie zur Ruhe. Sie macht uns zu rastlosen, abhängigen und unzufriedenen Menschen.
„Alle Kunst geht von dieser Einfachheit aus“, endet Morris’ Schrift. Es ist die lehrreichste Konsequenz aus der Einsicht, dass wir unser eigenes Leben leben müssen. Diese Einsicht reicht bis zur Frage der Schönheit. Billiger ist das gute – nennen wir es ruhig nachhaltige – Leben nicht zu haben. Eine solche Einfachheit steht heute nicht hoch im Kurs, jedenfalls nicht als moralisches Gebot. Entspringen könnte sie vielmehr aus der Vakanz an Schönheit in unseren Räumen – damit unsere geistigen und sinnlichen Ansprüche an das Leben wieder angeregt werden.
Was wäre diese Schönheit als neu-alte Triebkraft? Schönheit ist die Erfahrung von Genügsamkeit. Sie stellt sich ein, wo die Dinge ins Gleichgewicht geraten. Das Maß hierfür ist ein ästhetisches: Wir fühlen es, aber es kommt von außen. Eines ist klar: Schönheit ist eine Frage der Lebensweise und damit unserer Kultur. Diese Kultur müssen wir gestalten – als Profession und als Gesellschaft.
Der Autor ist Architekturtheoretiker und lehrt an der BTU Cottbus-Senftenberg.
