
Vor der Aufsichtsratssitzung des Volkswagen-Konzerns am Donnerstag wächst die Angst in der Politik vor Werksschließungen. Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Cem Özdemir, appelliert in einem Brief an den VW-Vorstandschef Oliver Blume, die Autofabrik der Konzernmarke Audi in Neckarsulm im Norden des Bundeslandes zu erhalten. „Wenn Volkswagen und das Audi-Werk husten, bekommt ein ganzer Industriezweig eine handfeste Grippe“, warnt der Grünen-Politiker in dem Schreiben, das der F.A.Z. vorliegt.
„Ein Rückzug von Audi aus Neckarsulm wäre ein fatales politisches Signal“, heißt es in dem Brief weiter. Ein solcher Schritt, so fürchtet Özdemir, würde die Debatte über die Deindustrialisierung Deutschlands verschärfen. „Ich wende mich an Sie persönlich, verehrter Herr Dr. Blume, um ein solches Szenario nach Kräften zu verhindern.“ Im Werk Neckarsulm arbeiten rund 15.500 Menschen, die die Verbrennermodelle A5, A6 und A8 sowie den elektrischen Sportwagen e-tron GT produzieren.
Für Baden-Württemberg sei die Fabrik nicht nur ein Innovations- und Beschäftigungsmotor, sondern auch ein industrielles Gravitationszentrum, schreibt Özdemir. Viele Familien arbeiteten schon in vierter oder fünfter Generation „beim Audi“, wie es die Menschen in der Region Neckarsulm-Heilbronn in ihrem ganz speziellen Zungenschlag ausdrücken. „Ein dichtes Netz an Zulieferunternehmen sorgt dafür, dass weitaus mehr Arbeitsplätze vom Werk abhängen.“ Dieser industrielle Kern drohe bei einer Betriebsschließung verloren zu gehen.
Leitstandort für KI und Industrie 4.0
Baden-Württembergs Regierungschef verweist zudem auf das Werk „als technologischer Leitstandort für die Industrie 4.0, KI und Automatisierung“ innerhalb des VW-Konzerns, der eng mit dem „Innovation Park Artificial Intelligence“ (Ipai) in Heilbronn, dem größten KI-Ökozentrum Europas, zusammenarbeite. Eine Fabrikschließung würde das in den vergangenen Jahren aufgebaute Ökosystem substanziell schwächen, weil „ohne einen industriellen Großabnehmer in unmittelbarer Nähe die Skaleneffekte fehlen, die Deutschland so dringend braucht“.
Das VW-Management prüft schon seit Monaten, wie sich die Kosten im Konzern stärker senken lassen. Dabei geht es auch um einen Abbau von bis zu 60.000 weiteren Stellen rund um die Erde und um eine mögliche Schließung von vier Werken in Deutschland. Neben Neckarsulm gehören dazu die VW-Fabriken Emden, Hannover und Zwickau. Zu entsprechenden Beratungen heißt es von VW bislang nur, man kommentiere „interne, vertrauliche Unterlagen“ nicht. „Die zugrunde liegenden Sachverhalte werden in den zuständigen Gremien besprochen und verabschiedet.“
Grundsätzlich heißt es vom Konzern, die ohnehin schon schwierige Lage auf dem Weltmarkt habe sich in den vergangenen zwölf Monaten weiter verschärft. „Neue Zölle, härterer Wettbewerb und stagnierende, teils rückläufige Märkte bedeuten für das Unternehmen derzeit Belastungen in zweistelliger Milliardenhöhe pro Jahr.“ Um unter den Rahmenbedingungen weiter erfolgreich zu bleiben, sei es notwendig, dass sich das Unternehmen weiterentwickelt. „Der gesamte Konzern muss seine Wettbewerbsfähigkeit erheblich steigern.“
Es gehe um eine „umfassende Transformation“, die der Konzern umsetzen wolle, nachdem sich der Aufsichtsrat damit befasst habe. Der einflussreiche VW-Konzernbetriebsrat betont, dass Werksschließungen mit den Arbeitnehmervertretern nicht zu machen sind. Vor der Aufsichtsratssitzung am Donnerstag sind Protestaktionen an vielen Standorten des VW-Konzerns in Deutschland geplant. Auch am Haupttor der Fabrik in Neckarsulm findet eine Kundgebung statt.
