
Herr Justus, manche warnen, dass Künstliche Intelligenz in wenigen Jahren so mächtig wird, dass die Menschheit die Kontrolle verliert. Wie denken Sie darüber?
Wir müssen die Risiken ernst nehmen. Bei einer so umfassenden Technologie brauchen wir eine Diskussion darüber, was KI kann – und was sie nicht können soll. Zugleich stehen wir erst am Anfang dieser Entwicklung. Bei aller Debatte über mögliche Gefahren dürfen wir die Chancen nicht aus den Augen verlieren. Gerade Deutschland braucht KI als Beschleuniger der wirtschaftlichen Entwicklung und als Motor für Innovation in allen Industrien.
Werden wir uns in fünf Jahren noch über diese Fragen unterhalten können?
Das liegt in unserer Hand. Ich bin optimistisch, dass wir mit den Risiken umgehen und KI verantwortungsvoll entwickeln werden. Bei Google haben wir dafür Prinzipien, Prozesse und Verhaltensregeln erarbeitet. Wir sollten allerdings nicht jedes Untergangsszenario an die Wand malen. Vieles, was derzeit öffentlich diskutiert wird, halte ich für übertrieben und spekulativ. Das hilft in einer Phase, in der wir am Anfang eines massiven Wandels stehen, nicht weiter.
Es gibt konkrete Fälle, in denen KI-Systeme außer Kontrolle geraten sind. Wird in der Branche zu viel geschludert?
Beim Testen von KI muss man sich sehr genau überlegen, wie ein System funktioniert und welche Kontrollmechanismen es gibt. Die gesamte Industrie muss sich fragen, ob ihre Kontrollen ausreichen. Innerhalb von Google haben wir eine Kontroll-Roadmap für die Entwicklung neuer Modelle und ihren dauerhaften Betrieb. Wir brauchen weitere Forschung, damit Grenzen und Sicherheitsmaßnahmen schon im Design eines Systems verankert sind.
Braucht es dafür mehr Regulierung?
KI braucht einen vernünftigen Regulierungsrahmen. Zugleich stehen wir noch sehr früh in dieser Entwicklung. Eine Überregulierung könnte Innovation verhindern. Stellen Sie sich vor, das Automobil wäre gerade erfunden worden und man hätte am ersten Tag eine vollständige Straßenverkehrsordnung erlassen, bevor überhaupt Autos auf den Straßen unterwegs sind. Regeln sind notwendig, sie sollten sich aber auf die wichtigsten Risiken konzentrieren und die Grundlagen der Innovation nicht einschränken.
Wie viel KI steckt inzwischen in der Google-Suche?
Sehr viel. Vor zehn Jahren hätten wir manches noch als maschinelles Lernen bezeichnet. Autocomplete oder die Sortierung der Ergebnisse waren bereits Formen von KI. Heute gibt es KI-Übersichten und den KI-Modus. Auch die Erwartungen der Nutzer haben sich verändert.
Früher begann eine Suche meist mit zwei oder drei Wörtern. Heute geben Menschen mitunter einen ganzen Absatz ein: Sie möchten etwa in vier Wochen nach München reisen, dort zwei Wochen bleiben, brauchen ein Hotel und Restauranttipps. Solche Anfragen hätte es vor zehn Jahren kaum gegeben. Heute kann die Suche die Absicht hinter einer komplexen Anfrage verstehen und eine zusammenhängende Antwort geben – ergänzt um Links zu den Quellen.
Wie viele Menschen nutzen diese Funktionen?
Sowohl die KI-Übersichten als auch der KI-Modus erreichen jeweils mehr als eine Milliarde Nutzer im Monat. Den Anteil an allen Suchanfragen weisen wir nicht gesondert aus.
Ist es nicht riskant, wenn Google eine Antwort zusammenfasst, statt den Nutzer durch verschiedene Quellen zu schicken?
Deshalb ist es uns wichtig, in den KI-Antworten deutlich auf die Quellen hinzuweisen. Der Nutzer soll nicht nur eine Antwort sehen, sondern auch verstehen können, wie sie zustande kommt und worauf sie sich stützt. Die Möglichkeit, auf die Quellen zu klicken und sich weiter einzulesen, bleibt erhalten. Unsere Daten zeigen zudem, dass die Zahl der Suchanfragen nicht abnimmt, wenn KI-Antworten angeboten werden. Sie nimmt eher zu, weil Menschen Fragen stellen, die sie früher vielleicht gar nicht gestellt hätten.
Google ist für viele Menschen das Tor zum Internet. Wenn Nutzer immer häufiger in der Suche bleiben, wächst dann nicht auch Googles Macht?
Google steht für das offene Web. Wir wollen, dass Menschen nicht nur auf Google Antworten finden, sondern von dort aus auf Webseiten und andere Angebote gelangen. Wir sind ein Wegweiser und ein Ermöglicher, aber nicht das Ziel der Reise. Das ändert sich durch den Einsatz von KI nicht.
Google ist sehr mächtig.
Der Wettbewerb hat zugenommen. Es gibt neue Suchangebote, Chatbots und KI-Anwendungen. Google ist weiterhin bestrebt, ein vielfältiges offenes Web zu unterstützen, Angebote sichtbar zu machen und Nutzer dorthin zu führen.
Verändert KI die Arbeitswelt auch innerhalb von Google schon?
Alle Arbeitsplätze verändern sich. KI verändert die Inhalte und Werkzeuge ebenso wie die Erwartungen an die Mitarbeiter. Das betrifft nicht nur Positionen für Berufseinsteiger und nicht nur Google, sondern die gesamte Wirtschaft. In der Softwareentwicklung zeigt sich das besonders deutlich. Vor zweieinhalb Jahren wurden etwa 25 Prozent unseres Codes mit KI erzeugt. Im vergangenen Herbst waren es rund 50 Prozent, in diesem Sommer bereits 75 Prozent.
Menschen geben aber weiterhin die Richtung vor?
Natürlich. Die Anforderungen kommen weiterhin von Menschen, der Code wird von der KI vorgeschlagen und anschließend von Menschen geprüft. Das Berufsbild hat sich dadurch stark verändert. Wir haben aber nicht weniger Softwareentwickler als früher, sondern eher mehr. Sie können mit den neuen Werkzeugen schneller arbeiten und rascher neue Produkte entwickeln.
Macht es Ihnen Sorgen, dass eine neue Generation von Entwicklern womöglich nie selbst programmieren lernt?
Diese Sorge ist berechtigt. Wir müssen sicherstellen, dass Softwareentwickler weiterhin verstehen, wie man Software schreibt, und maschinengenerierten Code beurteilen können. Entscheidend ist, dass wir trotz der neuen Werkzeuge noch wissen, was gute Arbeit ausmacht. Wir dürfen das Handwerk dahinter nicht verlieren.
Wie viel KI nutzen Sie persönlich?
Ich versuche, möglichst viel auszuprobieren. In meinem Arbeitsalltag nutze ich KI zur Vor- und Nachbereitung von Terminen oder um Dokumente und Gespräche zusammenzufassen. Besonders hilfreich ist ein KI-Agent, der mir auf Grundlage der vergangenen Arbeitswoche, meines Kalenders und meiner Prioritäten bei der Vorbereitung der nächsten Woche hilft. Er schickt mir eine strukturierte E-Mail mit den wichtigsten Punkten. Außerdem nutze ich einen sogenannten Dankbarkeitsagenten. Er erinnert mich am Ende der Woche daran, mit wem ich ein besonders gutes Gespräch oder eine gute Zusammenarbeit hatte und bei wem ich mich bedanken könnte.
Viele deutsche Unternehmen fragen sich, ob sie sich auf amerikanische KI-Dienste dauerhaft verlassen können. Was passiert, wenn eine amerikanische Regierung den Zugang zu einem Modell beschränkt?
Diese Frage stellen uns Unternehmen regelmäßig. Deshalb bieten wir über Google Cloud Zugang zu verschiedenen Modellen an – zu unseren eigenen, aber auch zu Modellen anderer Anbieter und zu Open-Source-Modellen. Anwendungen sollen sich möglichst einfach von einem Modell auf ein anderes umstellen lassen. Kunden können zudem festlegen, wo ihre Daten gespeichert werden – etwa ausschließlich in Deutschland oder in der EU. Für besonders sensible Anwendungen gibt es abgeschottete sogenannte Air-Gapped-Varianten. Der technische Dienst der Bundeswehr nutzt einen Google-Cloud-Dienst in einer vom übrigen Internet getrennten Umgebung. Er kann nicht einfach aus der Ferne abgeschaltet werden.
Sind Medien und Journalismus durch KI grundsätzlich gefährdet?
Wir brauchen Verlage und Medien – in gedruckter oder digitaler Form. Freie und vielfältige Medien sind für die Demokratie unverzichtbar. Menschen wollen vertrauenswürdige Informationen. Die Wege, auf denen sie diese erhalten, verändern sich allerdings.
Heute entstehen neue Formen des Journalismus auf Plattformen wie Youtube. Dort finden sich viele hochwertige Angebote und neue Stimmen. Google arbeitet seit vielen Jahren mit Verlagen in Deutschland und Europa zusammen und hat mit mehreren Hundert Publikationen Lizenzverträge abgeschlossen. Wir wollen vertrauenswürdige Quellen auffindbar machen und ihnen Leser und Zuschauer zuführen.
Besteht die Gefahr, dass Menschen sich mit kurzen KI-Zusammenfassungen oder Kurzvideos begnügen und das Interesse an tiefergehender Information verlieren?
Das Mediennutzungsverhalten der jüngeren Generation verändert sich in atemberaubender Geschwindigkeit. Kurzvideos und kurze Beiträge sind Realität. Wir können uns diese Entwicklung nicht wegwünschen. Die Herausforderung besteht darin, auch längere und tiefgehende Informationen in einer Form anzubieten, die diese Generation erreicht. Auf Youtube entstehen neue Nachrichtenformate. Die Jüngeren sehen vielleicht weniger klassische Nachrichtensendungen, nutzen aber Angebote wie „funk“ oder kurze Beiträge der „Tagesschau“ auf Youtube.
Sind die Inhalte dort weniger anspruchsvoll?
Die Inhalte müssen anders aussehen, dürfen aber deshalb nicht weniger anspruchsvoll sein. Medien müssen sich darauf einstellen, ihre Leser und Zuschauer auf neue Weise anzusprechen.
Wie sieht die KI-Welt in fünf Jahren aus?
Das lässt sich nur schwer aus dem heutigen Stand ableiten, weil die Entwicklung so schnell verläuft. Ich glaube aber, dass wir uns auf KI-Agenten einstellen können, die uns im Arbeitsleben und im Alltag Aufgaben abnehmen. Das wird zunehmend selbstverständlich sein – wenn die Menschen es möchten. Wir werden entscheiden, was wir an eine KI delegieren und was wir selbst tun wollen. Ich kann mir vorstellen, dass mir ein Agent viele E-Mails abnimmt. Aber ich möchte auch künftig selbst entscheiden, mit wem ich ein Gespräch führe – und dieses Gespräch selbst führen.
