„Das Grundgesetz, in dem der zwei Jahrhunderte lange demokratische Kampf um Gleichheit und Freiheit seinen Ausdruck findet, muss gegen nationalistische, chauvinistische und autoritäre Angriffe mit Wort und Schrift und Tat verteidigt werden.“ Für diesen Appell in der vollbesetzten Frankfurter Paulskirche hat Uwe Timm in seiner Dankrede für den Goethe-Preis der Stadt Szenenapplaus bekommen. Es ist der Schlusspunkt eines weiten Bogens gewesen, den der 1940 geborene Schriftsteller, bekannt für Werke wie „Die Entdeckung der Currywurst“ oder „Am Beispiel meines Bruders“ abgeschritten hat: von der ersten großen Schlacht des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 über die Revolutionskriege bis hin zur Paulskirche und den Debatten von 1848. Deren Essenz, das Ringen um Demokratie, gelte es heute mehr denn je zu verteidigen.
Angefangen hatte Timm mit dem kuriosen Umstand, unter dem er erfahren hatte, dass er von der Jury zum diesjährigen Goethe-Preisträger erkoren worden war. In der Berliner U-Bahn-Linie 9 sei der Empfang so schlecht gewesen, dass er nichts verstanden habe und an der Haltestelle Spichernstraße hatte zurückrufen müssen. Am anderen Ende der Leitung: Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) mit der ehrenvollen Nachricht.
Stadt will Geschichte der Preisvergabe aufarbeiten
Dass Timm, wie die Statuten des Preises vorgeben, in seinem Wirken des Andenkens Goethes wert sei, hob Josef in seiner Rede hervor. Er erinnerte aber auch daran, dass der Goethe-Preis in der Zeit des Nationalsozialismus für die völkische Ideologie instrumentalisiert worden sei. In Abstimmung mit Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) werde daher ein Projekt auf den Weg gebracht, um die Preispolitik der Stadt Frankfurt zwischen 1933 und 1945 wissenschaftlich zu erforschen. „Es geht darum, die richtigen Schlüsse aus der Zeit des Unrechts zu ziehen.“

Dass die richtigen, oft auch neue, ungewöhnliche Schlüsse zu ziehen, ein hohes Verdienst im literarischen Wirken Timms sei, erläuterte die Laudatorin, die Schriftstellerin Shida Bazyar. Ausgehend von Goethes Diktum, Weltgeschichte müsse neu geschrieben werden, wenn sich neue Ansichten ergäben, blickte sie auf Timms Verdienste, 100 Jahre deutsche Zeitgeschichte erzählt zu haben, von der Kolonialgeschichte in „Morenga“ (1978) bis zu den Achtundsechzigern. „Ein Schatz an literarischen Mitteln, ein Schatz an Figuren und Widersprüchen“, sei dieses Werk, das nicht chronologisch und mit den Mitteln der Montage vorgehe, führte Bazyar aus. Seine Bücher seien „ein Gespräch mit der Vergangenheit, das in die Gegenwart hineinführt“.
Von der U-Bahnstation Spichernstraße direkt in die Paulskirche
Dies belegte der von der 48 Jahre jüngeren Kollegin gelobte Timm mit der eleganten Linie, mit der er vom Namen der Berliner U-Bahn-Station Spichern, dem Ort der ersten großen Schlacht im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 über Goethes „Kampagne in Frankreich 1792“ zur Gegenwart gelangte. Goethe, dessen „Wahlverwandtschaften“ Timm als Jugendlicher gleich zweimal gelesen hatte, diente ihm als kritisch untersuchter Leitstern. Denn Goethes „Kampagne“, erst von 1819 bis 1822 verfasst, erwies sich in Timms Analyse als eine nachträgliche Interpretation im Geiste der Sieger – Preußens und der absolutistischen Strukturen.
Das Goethe-Zitat über die Schlacht von Valmy – „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen“ – führte Timm, der gern noch das Epos „Hermann und Dorothea“ herangezogen hätte, aus Zeitmangel geradewegs in die Geschichte der Paulskirche. Auch dieser Versuch, den Absolutismus ins Wanken zu bringen, gelang nicht. Aber es sei in den Debatten eingeübt worden, was Demokratie ausmache, Rede und Gegenrede, Kompromissfindung.
Timm machte allerdings auch deutlich, wo es keine Kompromisse geben dürfe. Er erinnerte an die „aufrechten Konservativen“, die in den Fünfzigerjahren bedauerten, 1932 geglaubt zu haben, man könne die NSDAP einhegen. Nun gebe es wieder eine Partei, die plane, die freie offene Gesellschaft in eine autoritäre, völkische zurückzuverwandeln.
