Jhonatan Narváez konnte die Fahrt durch die engen, gepflasterten Gassen der mittelalterlichen Innenstadt von Fermo in vollen Zügen genießen. Zehn Kilometer vorher hatte er sich seines letzten Begleiters entledigt. Er strebte als Solist dem Ziel der achten Etappe des Giro d’Italia entgegen – ganz so wie sonst Tadej Pogačar, der ebenfalls in Solofahrten seine Siege perfekt zu machen pflegt.
Es war bereits der zweite Tagessieg von Narváez bei diesem Giro, zugleich der dritte für seinen Rennstall UAE Team Emirates. Drei Siege in acht Tagen lautet gewöhnlich die Erfolgsquote von Pogačar bei Grand Tours. Die neue und für alle Konkurrenten schwer ernüchternde Nachricht ist: Sein Rennstall UAE erreicht derartige Meilensteine inzwischen auch ohne ihn.
Lehrstück für Teamtaktik
Auslöser dafür ist allerdings ein maximaler Tiefpunkt. Bereits am zweiten Tag verlor das Team drei Fahrer. Adam Yates, in Abwesenheit von Pogačar der Chef, ging wie auch seine Helfer Jay Vine und Marc Soler auf den regennassen Straßen beim Auftakt in Bulgarien schmerzhaft zu Boden. Soler zog sich einen Beckenbruch zu, Vine einen Ellenbogenbruch und eine Gehirnerschütterung. Yates wurde wegen Gehirnerschütterung aus dem Rennen genommen.
Wie sich das Team danach berappelte, ist Stoff für eine Heldensaga. „Mit nur fünf Mann, ohne den Kapitän, ohne einen echten Mann für das Gesamtklassement könnten sie eine nette Kaffeefahrt durch Italien machen. Aber sie suchen jeden Tag die Herausforderung. Keiner bedauert sich als Opfer“, lobte der Branchendienst tuttobiciweb und steigerte sich in diese Superlative hinein: „Sie sind die Motiviertesten, die Zielstrebigsten und fahren mit beispielhafter Klarheit.“

Tatsächlich hatte der sportliche Leiter von UAE, Matxin Fernandez, schon vor dem Start der achten Etappe angekündigt: „Heute gewinnen wir.“ Zwei Mann in der dreiköpfigen Spitzengruppe und zwei weitere Teammitglieder in der Verfolgergruppe unterlegten die Absichten mit Taten. Das Duo ganz vorn lieferte schließlich ein Lehrbuchstück für Teamtaktik ab. Zunächst hielt der Däne Mikkel Bjerg die dreiköpfige Spitzengruppe fast im Alleingang vorn.
Teamkollege Narváez sparte derweil so viel Kraft wie möglich und krönte im Finale die Vorarbeit, als er den im Kampf gegen zwei UAE-Fahrer zermürbten Norweger Andreas Leknessund einfach stehen ließ. „Wir haben unsere Karten gut ausgespielt“, meinte er fröhlich. „Es war ein verrückter Tag. Allein in die Fluchtgruppe zu kommen, war schwer. Im Finale musste man einfach seine Energie gut dosieren. Deshalb habe ich auch Mikkel gebeten, so lange wie möglich bei mir zu bleiben. Er ist der eigentliche Mann des Tages“, analysierte der Ecuadorianer.
Epische Kälteschlacht
Bereits bei seinem ersten Tagessieg bei diesem Giro auf der vierten Etappe profitierte er von einem prächtigen Zusammenspiel. An der Marke des letzten Kilometers trat sein Schweizer Teamkollege Jan Christen an. Er schien der sichere Sieger. Als doch noch die Verfolgergruppe heranbrauste, war der kühl abwartende Narváez der Schnellste.

Zwischen seinen beiden Erfolgen trug sich ein weiterer UAE-Mann in die Siegerliste ein. Dieses Mal in der epischen Regen-und-Kälte-Schlacht von Potenza. Der junge Spanier Igor Arrieta hatte sich zunächst gemeinsam mit dem Portugiesen Afonso Eulalio abgesetzt. Die beiden Youngster trotzten Regen und Hagel. 14 Kilometer vor dem Ziel stürzte allerdings Arrieta. Der Traum vom Tagessieg schien vorbei.
Seltene Chance für die Helferriege
Wenig später rutschte aber auch Eulalio weg. Arrieta schloss auf, wurde auf dem letzten Kilometer aber wieder abgehängt. Im Duell der Erschöpften – „es war der langsamste Sprint meiner Karriere“, sagte Eulalio später – saugte sich der Spanier aber wieder heran und gewann. Im Ziel wurde er von Glückshormonen, aber auch von der Kälte durchgeschüttelt. „Dieser Sieg bedeutet mir so viel. Man arbeitet all die Jahre, aber die eigenen Siege bleiben aus. Das hier ist so groß für mich“, brachte er stockend hervor. Der sportliche Leiter Fernandez hob an dem Bravourritt hervor: „So ein Sieg eines Helfers ist einfach doppelt wertvoll.“
Die Helferriege bei UAE nutzt die seltene Gelegenheit, in Abwesenheit von Pogačar und von Ersatzkapitän Yates eigene Erfolge zu holen. Gestillt ist ihr Hunger noch lange nicht. Bjerg deutete bei seinem Parforceritt für Narváez blendende Verfassung an. Christen, nur knapp geschlagen auf der vierten Etappe, kündigte neue Attacken an. Nicht einmal Narváez hat genug. Zwar ist Pogačar-Dauerrivale Jonas Vingegaard auf bestem Wege, den Giro zu gewinnen. Die Helferriege von UAE stiehlt ihm allerdings auf ganz eigene Art die Show.
