Dallas am Dienstag, Halbfinale zwischen Spanien und Frankreich. Der Präsident hatte ein paar prominente Männer um sich geschart. Kaká war gekommen und Iker Casillas, Sergio Ramos oder Alessandro del Piero. „Legenden“ heißen sie in der Welt von Gianni Infantino, „FIFA Legends“. Der Präsident der Fédération Internationale de Football Association konnte tun, was er immer tut, wenn diese Männer um ihn herum drapiert werden.
Er konnte Fotos mit ihnen knipsen und sie in die Welt senden. Es war ein perfekter Weltmeisterschaftsabend. So hat es Gianni Infantino am liebsten: Wenn die großen Spiele funkeln, die großen Spieler glänzen und dieser Glanz kanalisiert wird, auf seinem Instagram-Kanal eben. Der Fußball und die Fußballspieler sollen alles überstrahlen.
Die Voraussetzung dafür ist aber, dass die Welt trennt: das Spiel und seine Spieler auf der einen, die Probleme des Präsidenten auf der anderen Seite. Der Zauber des Fußballs kann Bedenken nur fortwischen, wenn sie nicht unmittelbar mit dem Spiel selbst zu tun haben. Umso größer ist deshalb das Problem, das am Ende dieser WM steht.
Denn zu dem, was von der WM 2026 bleiben wird, jenseits von Wundertoren, taktischen Einfällen und mentalen Einbrüchen, zählt vor allem eine Erkenntnis: Vor dem großen Ausverkauf und der Anbiederung an die Macht, die den Kern von Infantinos Präsidentschaft bilden, ist auch das Spiel selbst nicht mehr sicher.
Bei seinen Teamkollegen habe er Nervosität spüren können vor dem Achtelfinale gegen Belgien. Weil es so ungewöhnlich war, was vor diesem letzten Spiel der Amerikaner geschah: dass Donald Trump, der Präsident der Vereinigten Staaten, darauf gedrängt hatte, Baloguns Sperre auszusetzen.
Die Verschwörungserzählungen sprießen
Vielleicht hat Gianni Infantino nicht geahnt, wie groß der Schaden durch diesen Anruf werden würde. Man muss an dieser Stelle spekulieren, denn eine Pressekonferenz hatte Gianni Infantino nicht gegeben, seit diese WM eröffnet wurde, damals am 11. Juni in Mexiko-Stadt. (Als Abschlusspressekonferenz wurde eine Sponsorenveranstaltung promotet, für die Tickets zu 80 Dollar (70 Euro) verkauft wurden und bei der „FIFA Legende“ Rio Ferdinand mit Infantino auftreten sollte.)
Vielleicht hat sich Infantino auch naiverweise darauf verlassen, dass Trump schon nicht plappern würde. Das würde die Frage aufwerfen, ob er Trump tatsächlich so schlecht kennt nach all den Treffen.
Fest steht: Am Ende dieser WM ist der Anschein in der Welt, dass man Fußballregeln nach seinem Willen zurechtbiegen kann, wenn man mächtig genug ist. Unklar ist, was dieser Anschein noch anrichten wird. Was er schon anrichtet, sieht man in digitalen, sozialen und in manchen klassischen Medien, wo sich eine Verschwörungserzählung um die nächste rankt: Will die FIFA um jeden Preis Argentinien als Weltmeister? Hat Paraguay absichtlich ein WM-Spiel verloren?

Die Erzählungen klingen bisweilen absurd, lachhaft. Es sind Erzählungen, die sich aus nicht mehr als dem Misstrauen in die FIFA speisen. Misstrauen belegt nichts. Das Misstrauen in die FIFA ist begründet. Und es ist Infantino, der dieses Misstrauen geschürt hat. Er tut, und das ist freundlich formuliert, sehr wenig dafür, glaubhaft den Eindruck auszuräumen, dass Donald Trumps Anruf nicht nur ein Versuch der Einflussnahme war – sondern dass er damit tatsächlich Einfluss auf die WM genommen hat.
Seit Jahren versucht Gianni Infantino alles, um Donald Trump zu beglücken, über alle bislang bekannten Grenzen hinaus. Warum? Vor allem, weil er glaubt, dass es gut für das Geschäft der FIFA bei dieser WM sei. Infantino geht es fast immer ums Geschäft, bei den Ticket- und bei Friedenspreisen. Aber bis jetzt beschränkte sich das, soweit der Öffentlichkeit bekannt, auf das Drumherum: die Tribünen, die Werbebanden, die Logen. Der Rasen selbst, das Heiligste, schien unangetastet. Das ist mit dieser WM vorbei. Und längst nicht nur, weil auf dem Rasen in Seattle im Achtelfinale Folarin Balogun stand.
Auch während der WM hat ICE verhaftet und getötet
Bis zum Achtelfinale hatte es geheißen, Trump hielte sich zurück bei diesem Turnier, all die Befürchtungen seien unbegründet gewesen: keine Einsätze von Kräften der Immigration and Customs Enforcement (ICE) im Stadionumfeld, keine Trump-Auftritte in den Arenen, keine Fußballspieler im Weißen Haus wie im Jahr zuvor während der Klub-WM.
Dabei hat ICE auch während der WM verhaftet und getötet: Am 7. Juli, drei Tage nachdem Marokko und die Niederlande das letzte der sieben WM-Spiele in Houston ausgetragen hatten, verloren drei Kinder ihren Vater, als bewaffnete ICE-Kräfte Lorenzo Auraujo Salgado an einer Ampel in seinem Auto erschossen. Sechs Tage später starb in Biddeford, Maine, der 26 Jahre alte Joan Sebastián Durán Guerrero, ebenfalls im Auto, ebenfalls durch Kugeln aus Waffen, die Trumps ICE-Schergen gezückt hatten. Zwei Tage zuvor hatte Durán den dritten Geburtstag seiner Tochter gefeiert.

Angesichts dieser tödlichen Staatsgewalt erscheint nachrangig, dass Beamte desselben Ministeriums noch vor Turnierbeginn Omar Artan aus Somalia an der Einreise gehindert hatten und so Afrikas besten Schiedsrichter von der WM ausschlossen. Allein: In der Welt der FIFA ist das keineswegs eine Kleinigkeit, dass die FIFA es nicht mehr schafft, ihr eigenes Personal zu schützen. Und es ist noch gewichtiger, dass die FIFA es nicht geschafft hat, gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Turnierteilnehmer herzustellen.
Beides berührt das Spiel ganz unmittelbar, zumal die Schiedsrichterleistungen im Turnier so schlecht waren, dass das Einreiseverbot eines fähigen Schiedsrichters auch in dieser Hinsicht ein Skandal ist. Und die Ungleichbehandlung der von den Amerikanern drangsalierten iranischen Mannschaft hat das Wesen des Turniers beeinflusst. Es war kein Wettstreit unter gleichen Bedingungen für alle, kein level playing field. Diese elementarste Bedingung war verletzt.

Geborsten sind diese Tabus unter dem Willen der Regierung Donald Trumps. Infantino trägt kraft seines Amtes Mitverantwortung, die klebrige Beziehung zu Trump erhöht seine Verantwortlichkeit. Es erscheint folgerichtig, dass das Zusammenwirken der beiden das Vertrauen in das Spiel auf dem Rasen zersetzt. Und weil Infantino aus der FIFA eine hocheffiziente Geldmaschine gemacht hat, erscheint noch folgerichtiger, dass bei dieser WM auch die Kommerzialisierung das Spiel so unmittelbar beeinflusst hat wie selten zuvor.
Viele haben in den Trinkpausen von Anfang an vor allem Werbepausen gesehen. Den wenigsten dürfte klar gewesen sein, wie sehr ihre Einführung das Spiel beeinflusst. Das Spiel besteht bei dieser WM aus vier Vierteln statt zwei Halbzeiten. Dass die FIFA so die Geschäftspartner zufriedenstellt, sagt eine Menge über ihre Rolle als Hüterin der Fußballregeln: In ihrer Rolle als Vermarkterin von Fußballevents fühlt sie sich noch ein bisschen wohler. Deshalb darf die Pause des Finales am Sonntag zum Wohle der Halbzeitshow auch 30 Minuten dauern, mögen die Regeln auch 15 Minuten vorsehen. Auch diese Änderung gehört zum Vermächtnis dieser Weltmeisterschaft, die damit enden wird, dass Trump und Infantino gemeinsam die Weltmeister beglückwünschen und den Pokal überreichen am Sonntag.

Die Europäische Fußballunion UEFA und die Bundesliga haben zwar verkündet, dass sie ihre Spiele nicht in vier Viertel aufteilen. Aber die Idee ist jetzt in der Welt. Und Ideen, die den Fußball einträglicher machen, sind selten wieder völlig verschwunden, nachdem sie einmal auf dem Rasen angekommen waren. Das große Verkaufsrad dreht sich nur schneller, aber nie zurück, und Gianni Infantino dreht es besonders flink.
Eine WM mit 64 Teams im Jahr 2030, wie sie Infantino ins Spiel gebracht hat – man darf unterstellen: auch um von der Balogun-Diskussion abzulenken –, wird niemanden überraschen und die Südamerikaner erfreuen. Sie drängen längst auf mehr als die drei vorgesehenen WM-Spiele in Asunción, Buenos Aires und Montevideo 2030.
Wen stören die teils miserablen Leistungen chancenloser Teams? Wen interessiert Klimaschutz? Aramco, der größte Verschmutzer unter den Konzernen dieser Welt, dominiert das Sponsorenportfolio der FIFA. Infantino hat die Flugkilometer im von Qatar Airways zur Verfügung gestellten Privatjet während der WM aufgestockt, um Hamad Bin Khalifa Al Thani, dem früheren Emir und Initiator der WM 2022, die letzte Ehre zu erweisen. Er hat dabei auch noch mal daran erinnert, dass Donald Trump nicht der Erste ist, zu dem er enge Bande geknüpft hat.
So wird es weitergehen, zum Beispiel mit Mohammed VI., dem König von Marokko, schon beim FIFA-Kongress in Rabat im kommenden März. Nichts deutet derzeit darauf hin, dass Infantino dort nicht wiedergewählt werden wird. 2034 folgt die Weltmeisterschaft bei Mohammed Bin Salman in Saudi-Arabien. Und 2038 wäre nach der Logik der Vergaberotation über die Kontinente hinweg schon wieder Nordamerika dran.
Andrew Giuliani, Trumps WM-Koordinator im Weißen Haus, hat schon entsprechendes Interesse formuliert. Es ist nicht ersichtlich, dass Infantino eine erwähnenswerte Opposition aus der FIFA heraus fürchten muss. Widerstand, wenn man es so nennen mag, drückt sich bislang in missbilligenden Statements der UEFA aus und der nach außen getragenen Weigerung des Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes und FIFA-Ratsmitglieds, Bernd Neuendorf, die für die Amtsbestätigung 2027 formulierte Unterstützungserklärung für Infantino zu unterschreiben.
Es ist, fünfeinhalb Wochen und 102 WM-Spiele später, so: Was aus der Fußball-Weltmeisterschaft wird, bestimmt Infantinos FIFA. Daran wird sich wohl nur etwas ändern, wenn sich das Publikum abwendet – oder der FIFA die Weltmeisterschaft wegnimmt. Unter ein anderes vom Halbfinale in Dallas gepostetes Foto schrieb Infantino von „unglaublichen Fans und Unterstützung schon wieder“. Auf dem Bild ist zu sehen, wie der FIFA-Präsident einen 100-Dollar-Schein eines Fans in der linken Hand hält und rechts einen Stift für ein Autogramm.
