Die Stimmung auf dem Hügel in Umlazi, einem ärmeren Viertel von Durban, könnte kaum besser sein. Ein paar Hundert Frauen und Männer haben sich dort unter dem weiten Blätterdach alter Bäume versammelt. Viele tragen die Tracht der Zulus mit Fellen und Federn, einige haben sich in südafrikanische Flaggen gehüllt. Sie warten auf den Stargast dieses Protestmarschs: Ngizwe Mchunu. Er ist einer der Anführer der Antimigrationsbewegung March and March. Der frühere DJ weiß, wie man die Massen mobilisiert – mit markigen Sprüchen und einem Social-Media-Team im Hintergrund.
Nur drei Tage vorher hat ihn ein Gericht in Johannesburg wegen Hetzrede zu einer Geldstrafe und 20 Unterrichtsstunden über Menschenrechte verurteilt, weil er auf einem Marsch Homosexuelle beschimpft hatte. Weder seine Ansichten noch das Urteil haben seinem Ansehen geschadet, wie man an der Begeisterung der Leute auf dem Hügel in Durban erkennt, als Mchunu bei strahlendem Sonnenschein in einem dunklen Geländewagen vorfährt. Schon aus der Entfernung sind sein breites Lachen und der üppige Federschmuck im Nacken zu erkennen.

Seit Monaten heizt March and March in Südafrika die Wut auf afrikanische Einwanderer an. Phasen, in denen sich Fremdenfeindlichkeit in der „Regenbogennation“ zeigte, gab es immer wieder. Doch die Parolen dieser neuen Bewegung stoßen auf besondere Resonanz. Berichte mehren sich, ihre Anhänger gingen von Tür zu Tür und forderten ausländische Bewohner auf, ihre Sachen zu packen. In Durban hängen an Hauswänden Zettel mit Sprüchen wie „Zeit zu gehen“.
Vor gut einem Jahr tauchte die Gruppe erstmals auf. Mit Protestmärschen im ganzen Land zog sie Aufmerksamkeit auf sich und gewann immer mehr Anhänger. Parallel dazu wurden ausländische Staatsbürger zunehmend auf den Straßen bedrängt und angegriffen. Bei gewalttätigen Übergriffen sind dabei mehrere Menschen ums Leben gekommen. Aus Sorge um ihre Staatsbürger organisierten Nigeria, Ghana, Malawi und andere Staaten Repatriierungsflüge und Busse. Mehr als zehntausend haben so schon Durban verlassen. Ende Mai setzte March and March dann eine Frist bis zum 30. Juni: Bis dahin müssten alle „illegalen Einwanderer“ verschwunden sein. Offen ist, was dann passiert. Die Sorge vor Unruhen geht um. Einige Unternehmen wollen an dem Tag ihre Büros schließen.
Im Zentrum von Durban gibt es kein anderes Thema als den 30. Juni. Auf dem Gelände „Durban Drive-In“, ein früheres Autokino, warten schon seit Tagen Tausende Malawier auf die von ihrer Regierung organisierten Busse. Aus der Ferne ähneln die weißen Notunterkünfte dort dem Zeltdach des nicht weit entfernten Stadions, das für die Fußball-WM 2010 gebaut wurde. Damals punktete Südafrika zwar nicht auf dem Spielfeld, aber mit seiner herzlichen Willkommenskultur. Kommt man näher, dann sieht der „Drive-In“ wie ein Flüchtlingscamp aus. Auf dem Platz vor den Zelten liegen einzelne Schuhe zwischen Kleidungsstücken, Papptellern und Windeln, sogar die Kopie einer Aufenthaltsgenehmigung hat jemand verloren oder weggeworfen. Ein paar Männer stochern mit Stöcken durch die Gegenstände, um noch Verwertbares zu finden.

In das Innere des Hauptzelts dringt kaum Sonnenlicht. Erst als sich das Auge an die Dunkelheit gewöhnt, sind auf dem Boden schlafende Menschen inmitten von Koffern und Kleiderballen zu erkennen. Es ist ruhig, obwohl sich in der Mitte des Zeltes eine kaum zu überblickende Warteschlange gebildet hat. Hunderte Männer sitzen dort schweigend dicht hintereinander. Ab und an rutschen sie nach vorne, aber nur ein paar Zentimeter. Alle wirken geduldig, aber als die Besucherin aus größerer Entfernung ein Foto machen will, bricht sofort Unmut aus.
Familien werden aufgefordert, noch am selben Tag auszuziehen
Die Atmosphäre sei extrem angespannt, sagt Apostle Mzenda. Die Männer – die Frauen sind anderswo auf dem Gelände untergebracht – hätten nach dem tagelangen Warten genug. Dem jungen Malawier ist die Anspannung anzumerken. Er ist ein ehrenamtlicher Helfer und in diesem Moment der einzige Vertreter des malawischen Konsulats vor Ort. Im Laufschritt ist er unterwegs, um sich um Anliegen seiner Landsleute zu kümmern. „Wir brauchen viel mehr Busse, und wir brauchen dringend mehr Mitarbeiter der südafrikanischen Einwanderungsbehörde“, sagt Mzenda. Er ist außer Atem. „Das ist eine humanitäre Katastrophe. Wir brauchen auch Unterstützung aus dem Ausland. Das geht den ganzen Kontinent an.“

Wer einen Bus nach Malawi besteigen will, der muss zuerst seine Personalien registrieren lassen. An den Tischen vor den Warteschlangen sitzen an diesem Morgen nur ein paar Personen mit Laptops und Geräten für Fingerabdrücke. Anderswo auf dem Gelände hat das Innenministerium immerhin mobile Einsatzwagen aufgestellt. Hilfsorganisationen kümmern sich um das Lebensnotwendige wie Essen und eine Krankenstation. Doch sanitäre Anlagen wie Duschen seien ein Problem, sagt einer der Helfer. Wie viele trägt er eine Gesichtsmaske zum Schutz vor Krankheiten.

Nicht nur Malawier wollen noch vor dem 30. Juni das Land verlassen. Außerhalb des Geländes kampieren überwiegend Simbabwer am Straßenrand. Fast im Minutentakt halten Fahrzeuge und bringen weitere schwer bepackte Menschen hierher.
Nigel, ein junger Familienvater aus Harare, erzählt, sein Vermieter habe ihm freundlich, aber bestimmt mitgeteilt, er müsse noch am gleichen Tag ausziehen. Andernfalls würde der fremdenfeindliche Mob ihm das Haus anzünden. Auch an Jobs als Handwerker sei nicht mehr zu denken, weil Arbeitgeber die gleichen Ängste hätten wie der Vermieter. Die Familie hat fast ihr ganzes Hab und Gut – Fernseher, Kühlschrank, Sofas, Küchengeräte – verkauft. Die drei Kinder mussten mitten im Schuljahr die Schule verlassen. „Wir haben nur unsere Kleidung dabei“, sagt Nigel. Seinen zweiten Flip-Flop hat er im Gedränge auf dem Gehsteig verloren.

Fathima, eine muslimische Malawierin, schaffte es nicht mehr, auf das mittlerweile überfüllte „Drive-In“-Gelände zu gelangen. Sie habe ihren Kindern eine bessere Zukunft als in ihrem verarmten Heimatland bieten wollen, erzählt sie, sie selbst habe in einer Kindertagesstätte gearbeitet. Jetzt sitzt sie mit verschleiertem Gesicht in einem rosafarbenen Bademantel am Straßenrand und hofft, dass jemand auch für die Malawier hier einen Bus organisiert. Wie es dann in Malawi weitergehen soll, weiß sie nicht. „Ich habe keine andere Wahl. Wir sind nicht mehr sicher. Die Situation ist nicht gut.“
Südafrika ist immer schon ein Einwanderungsland mit einer langen und porösen Grenze gewesen. Wie Fathima und Nigel sind viele Migranten schon vor Jahren nach Südafrika gezogen, haben Familien gegründet und eine Existenz geschaffen. Doch eine hohe Arbeitslosigkeit, die lahmende Wirtschaft und steigende Preise schüren die Frustration vor allem unter jüngeren Südafrikanern. Diese Generation spürt auch nicht mehr die gleiche Verbundenheit wie ihre Eltern und Großeltern mit anderen afrikanischen Staaten, die während der Zeit der Apartheid Exilsüdafrikaner aufnahmen. Empfänglicher ist sie für Videoclips in den sozialen Medien und die Botschaften von Populisten, die Einwanderer für die vielfältigen Probleme im Land verantwortlich machen.
Verbitterung über die hohe Arbeitslosigkeit
Nach der letzten Volkszählung im Jahr 2022 lebten 2,4 Millionen Ausländer in Südafrika, das sind etwa vier Prozent der Bevölkerung. Doch jeder, den man in Durban fragt, ist überzeugt, dass die tatsächliche Zahl viel höher ist und sich ein großer Teil ohne gültige Papiere im Land befindet. Manche sprechen von „irregulären“, manche von „illegalen“ Migranten, einige gleich von „Kriminellen“. Die Grenzen verschwimmen, wobei auch legale Einwanderer über Anfeindungen berichten.
Die Verbitterung über die hohe Arbeitslosigkeit sei verständlich, sagt Loren Landau, ein Migrationsexperte an der Johannesburger Wits-Universität. Aber Einwanderer seien dafür nicht maßgeblich verantwortlich. Gesamtwirtschaftlich betrachtet sei die Einwanderung sogar positiv. Wichtiger wäre es, strikter gegen Arbeitgeber vorzugehen, die Migranten zu Löhnen unter dem gesetzlichen Mindestniveau beschäftigen und gegen Arbeitsgesetze verstoßen, statt Migranten zu verjagen.
Das Narrativ, die „illegale Einwanderung“ sei ein großes Problem, hat sich jedoch mittlerweile über Bevölkerungsgruppen und Parteigrenzen hinweg festgesetzt. 2008 hatte der seit 1994 regierende Afrikanische Nationalkongress (ANC) noch die fremdenfeindlichen Angriffe entschieden verurteilt. Ein Jahr später wurde Simbabwern sogar eine spezielle Aufenthaltsgenehmigung gewährt, aufgrund der prekären Situation in ihrer Heimat. Heute erhalten die Anhänger von afrophoben Gruppen den stärksten Gegenwind von der linkspopulistischen Oppositionspartei Economic Freedom Fighters. Deren Chef Julius Malema rief schwarze Afrikaner aller Staaten jüngst zur Einigkeit auf.
In Umlazi hat an diesem Nachmittag niemand Lust auf solche Debatten. Ngizwe Mchunu ist nach seiner flammenden Rede auf dem Hügel heiser. Trotzdem ist er besonders erfreut darüber, einer deutschen Zeitung ein Interview zu geben. Nach einem freundlichen Austausch über Deutschland sagt er: „Wir tun hier genau das, was ihr in Deutschland gemacht habt, als ihr illegale Immigranten aus dem Land verjagt habt.“ Korrupte Grenzpostenbeamte und die Behörden ließen in Südafrika viele Menschen ohne Papiere ins Land. „Und wenn sie dann hier sind, dann tun sie nicht immer das Richtige“, formuliert er mit etwas mehr Bedacht.
„We will make South Africa great again“
Es sei nun an der Zeit, dass die Bürger die Dinge selbst in die Hand nähmen, geht der Monolog weiter, während seine Kameraleute eifrig filmen. So stehe es in der „Freedom Charter“, die der ANC 1955 verabschiedet hat. „Und daran halten wir uns.“ Dass sich die Charta auf den Widerstandskampf gegen die weiße Minderheitsregierung bezog, lässt er unerwähnt. Stattdessen beteuert er, „friedlich“ gegen „illegale“ Migranten vorzugehen. Etwas später macht er eine effektvolle Pause und skandiert: „We will make South Africa great again.“
Ob es den vielen Zuschauern oder dem abgewandelten Zitat des US-Präsidenten geschuldet ist, Mchunu kommt nun richtig in Schwung. Auf die Frage, ob in seinem Plan etwas schiefgegangen sei angesichts der Zustände auf dem „Durban Drive-In“, antwortet er: „Nein, nichts ist schiefgegangen, ganz im Gegenteil.“ Kein Politiker könne mehr bestreiten, dass sich so viele Menschen illegal in Durban aufhielten. „Wir rufen die Bürgermeister anderer Städte dazu auf, Durban zu folgen.“ Es sei ganz einfach: In jeder Stadt sollte es einen Platz geben, wo sich illegale Einwanderer versammeln. Dann könnten ihre Herkunftsländer dorthin kommen und diesen „Müll“ zurückholen. Seine Gefolgsleute nicken begeistert.
Die letzte Frage, was genau am 30. Juni passieren wird, lässt Mchunu offen. Während viele an dem Tag Gewalt befürchten, haben einige südafrikanische Organisationen auch schon friedliche Gegendemonstrationen angekündigt.
