Till Backhaus hat beim Wal übernachtet. In Neudorf auf der Insel Poel hat er sich ein Zimmer genommen, hat sich so die Fahrt nach Hause und ins Büro in Schwerin gespart. Er ist ohnehin jeden Tag hier draußen an der Ostsee derzeit. Mit dem Fernrohr steht er dann manchmal vorne am Steg des kleinen Ostseehafens, mit Blick in Richtung seines Wals. „Hope“ nennt er ihn nur noch, ebenso wie die Aktivisten, die das Tier zu retten versuchen. Denn der Wal, sagt Backhaus, gäbe uns schließlich immer wieder Anlass zur Hoffnung.
Dort, wo das Wasser in der Ferne in der Sonne flimmert, liegt der Buckelwal. Seit Wochen schon. Vermutlich muss er sterben. Das ganze Land nimmt Anteil. Nachrichtenseiten haben Newsticker eingerichtet, Fernsehsender übertragen live. Dabei macht der Wal an den meisten Tagen nichts. Selten dreht er sich, selten schwimmt er ein wenig. Und stets liegt er danach wieder im flachen Wasser auf dem Sand.
Mehrmals am Tag gibt Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Backhaus draußen am Steg Auskunft über das, was sich tut oder eben nicht tut. Er habe immer noch Hoffnung, sagte er am Dienstag. Der Wal sei zwar kurzatmig, aber am Vortag habe er sich ungefähr fünf Kilometer bewegt. Ein Stück raus in die Bucht, dann aber leider auch wieder zurück. Nun liege er wieder etwas abseits der Fahrrinne auf dem Sand.

Backhaus ist ein politisches Urgestein, Umweltminister in Mecklenburg-Vorpommern seit 1998 und damit so lange in einem Ministeramt wie sonst niemand aktuell in Deutschland. Ruhig und wenig beachtet führt er normalerweise sein Amt. Durch den Wal erhält er bundesweit plötzlich viel Aufmerksamkeit. Und wirkt wie ein Getriebener der Walaktivisten.
Wissenschaft könne sich auch mal irren
Einen kranken Patienten nennt Backhaus den Wal. Wie einen solchen behandeln die Helfer und Aktivisten das Tier. Sie füttern es mit Makrelen, cremen ihm den Rücken mit Zinksalbe ein, decken es mit Tüchern ab, um es gegen die Sonne zu schützen. Spülen ihm den Sand unter dem Bauch weg, damit er besser liegt. Nun wollen sie große Sandsäcke rings um den Wal aufstellen, um ihn davon abzubringen, sich weiter ins flache Wasser zu bewegen.
Buckelwale sind scheue, riesige Wildtiere. Das Exemplar in der Wismarer Bucht ist ungefähr zwölf Meter groß. Die Tiere kommunizieren über Tausende Kilometer miteinander, sind extrem geräuschempfindlich, meiden die Menschen normalerweise. Einst waren Buckelwale fast ausgerottet, seit den Sechzigerjahren sind sie geschützt, seitdem hat sich die Population stark erholt und liegt fast wieder auf einem Niveau wie vor der Bejagung. Dass sich zunehmend Buckelwale in die Ostsee verirren, wo sie nicht hingehören, ist also ein gutes Zeichen. Es gibt sie wieder.

Der Buckelwal, den die Aktivisten mal „Hope“, mal „Timmy“ nennen, ist verletzt und stark geschwächt. Meeresbiologen vermuten, er legt sich immer wieder auf Sand, um nicht zu ertrinken. Erstmals gestrandet war er in der Bucht von Lübeck. Da leitete der Tierschutzaktivist Robert Marc Lehmann die „Rettungsaktion“ an. Rasch galt er als „Walflüsterer“, schwamm zu dem Tier, sprach mit ihm. Bagger schaufelten rings um den Wal Sand weg, schoben ihn in Richtung Meer. Später sagte ein Lokalpolitiker, Lehmann sei vor allem an Selfies interessiert gewesen. Seine Prognosen hätten sich zu 100 Prozent als falsch herausgestellt.
Von der Lübecker Bucht schwamm der Wal Ende März ein wenig weiter in die Bucht von Wismar und legte sich dort wieder auf den Sand. Umweltminister Backhaus ließ zur Erleichterung wohl aller Meeresbiologen einen Sperrbereich einrichten. Nur noch Fachleute, unter anderem des Deutschen Meeresmuseums und des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung ITAW, durften sich nähern. Sie erstellten im Auftrag von Backhaus ein Gutachten. Ergebnis: Ein Rettungsversuch berge ein zu hohes Risiko, dass man dem kranken und verletzten Tier schweren Schaden zufügt. Man solle das Tier in Ruhe sterben lassen, verkündete Backhaus Anfang April.
Kurz danach vollzog er eine Kehrtwende. „Ich glaube an dieses Tier“, sagte er da. Wissenschaft könne sich auch mal irren. Einer privaten Initiative, gesponsert von einem Multimillionär und einer Unternehmerin, wurde ein neuer Rettungsversuch erlaubt. Zur Gruppe gehören Tierärztinnen, ein Autor und ein Influencer, die teils angeblich mit dem Wal kommunizieren können, aber kein Meeresbiologe. Eine der Teilnehmerinnen, die mittlerweile im Streit wieder abgereist ist, hatte die persönliche Mailadresse von Backhaus veröffentlicht, mit einem Aufruf, Druck auf den Minister auszuüben, damit er die Rettung erlaube.
Es gebe Gruppen, die über soziale Medien gezielt den Fall des Wals emotionalisierten, sagt Backhaus im Gespräch. Dazu gebe es Anzeigen im dreistelligen Bereich, gegen ihn selbst und seine Familie – auch Morddrohungen. „Dass das so ausartet, haben wir nicht erwartet.“
Backhaus spricht voller Ehrfurcht über das majestätische Tier
Ist Backhaus dem Druck der Aktivisten also erlegen? „Nein, natürlich nicht“, sagt der Minister. Die Tätigkeiten der Initiative stünden nicht im Widerspruch zu dem Gutachten. „Das Gutachten gilt für mich.“ Demnach sei es zulässig, den Wal vorsichtig zum Schwimmen zu bewegen. Die Initiative habe zugesichert, dem Tierwohl entsprechend zu handeln. Das Konzept der Initiative sei „minimalinvasiv“.
Daran haben Fachleute große Zweifel. Schließlich will die Initiative den Wal auf einem Netz bis in die Nordsee transportieren. Viele Hundert Kilometer weit also. Fragt man Meeresbiologen dazu, schütteln sie die Köpfe. „Wir sind auch fassungslos und haben damit absolut nichts zu tun“, sagt die Direktorin des ITAW, Ursula Siebert. Mehr will sie nicht sagen, sie habe viele Termine. Wissenschaftler haben wegen des Wals reihenweise Anschuldigungen erhalten. Als das Meeresmuseum erklärte, Interesse an dem Kadaver und Skelett des Wals zu haben, um daran zu forschen, löste das einen Shitstorm aus.

Auch im Ausland sorgt das Vorhaben der privaten Initiative für Fassungslosigkeit. „Ich halte das für eine schreckliche Idee“, sagt der Meeresbiologe Michael Hansen vom Öresund Aquarium der Universität Kopenhagen. Er sei überrascht, dass die Behörden den Rettungsversuch zugelassen hätten. So erleide das Tier, das im Sterben liege, noch viel mehr Stress, als es ohnehin schon habe. Er verstehe, dass viele Menschen den Drang verspüren, etwas zu tun, besonders wenn es um große Tiere in Not gehe, sagt Hansen. Manchmal aber sei es das Beste, was wir für ein solches Tier tun können, nichts zu tun. „Das spricht irgendwie unsere Gefühle an. Aber unsere Gefühle sind oft nicht die beste Grundlage für solche Entscheidungen. Das hinterlässt bei uns ein Gefühl der Hilflosigkeit, aber hin und wieder müssen wir vielleicht akzeptieren, dass wir nicht alles kontrollieren können und sollten“, sagt Hansen. Der Tod sei ein natürlicher Teil des Lebens.
Soll man den Wal also sterben lassen? Backhaus sagt dazu: „Stellen Sie sich mal vor, die Evolution wäre andersherum verlaufen. Hier sitzt der Wal und entscheidet, bei Ihnen alles abzuschalten.“ Manchmal gebe es eine Art Wunder, da seien Menschen auf einer Palliativstation, alles scheine aussichtslos, doch dann plötzlich lebten diese Menschen wieder. Er habe einen zutiefst humanistischen Ansatz, sagt Backhaus. Demjenigen, dem es am schlechtesten geht, werde geholfen. „Das mache ich hier.“ Auch der Wal habe ein Recht auf Hilfe.
Backhaus spricht voller Ehrfurcht über das majestätische Tier und davon, wie er ihm in die Augen geschaut und ihn habe vokalisieren hören. Wale gebe es seit rund 40 Millionen Jahren. „Und seit wann gibt es Menschen?“ Er schwärmt davon, welches Sozialverhalten die Wale hätten und welche Intelligenz. „Da können sich viele eine Scheibe abschneiden.“ Backhaus ist Jäger, hat einen Angelschein – auch wenn er seit Jahren nicht zum Jagen und Angeln kommt. Zu Hause hat seine Familie Alpakas, Ponys, Hühner, Hund und Schildkröten. Alles tierwohlgerecht, wie er betont.
Ministerpräsidenten kamen und gingen – Backhaus blieb
In Mecklenburg-Vorpommern sorgt der Wal für wenig Aufregung. Viele im Land sind Angler und Jäger, wissen also, dass Tiere auch mal sterben. Die Aktivisten kommen von außerhalb. Eine Frau, die vor Wismar in Richtung Wal schwamm, bis die Polizei sie stoppte, kam aus Bayern. Die Tierärztinnen der Gruppe kommen aus Hawaii, Föhr und Hessen.
Backhaus sitzt zu dem Gespräch in einer Gaststätte am Wasser in Neudorf. Ein kleiner, braun gebrannter Mann mit kurzen, grauen Haaren und skeptischem Blick. Gegenüber der Presse ist er vorsichtig, mit Bürgern nahbar und freundlich. Stellt man ihm eine Frage, reagiert er oft mit einer Gegenfrage. Um zu testen, was sein Gegenüber weiß.
Zu DDR-Zeiten studierte er Agraringenieurwesen, arbeitete danach in einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft in Neuhaus. In der Umbruchzeit begann er, sich politisch zu engagieren, saß für die SPD in der ersten frei gewählten Volkskammer. Seit 1998 ist er Umweltminister in Schwerin. Die Ministerpräsidenten im Nordosten wechselten ebenso wie die Koalitionen. Backhaus blieb. Er ist 66 Jahre alt, trotzdem tritt er bei der Landtagswahl im September noch einmal an.
Für seine SPD ist es ein schwieriger Wahlkampf. Meinungsforscher sahen die Partei von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig zuletzt bei maximal 26 Prozent, deutlich hinter der AfD. 2021 hatten die Sozialdemokraten noch 40 Prozent erzielt. Die Wahlkämpfer müssen ankämpfen gegen einen großen Unmut in der Bevölkerung über die Russland- und die Migrationspolitik sowie gegen das allgemeine Gefühl im Land, nicht mehr sagen zu können, was man denke.
Backhaus sagt, die SPD müsse die Wähler wieder davon überzeugen, dass sie für Freiheit, Demokratie und Frieden stehe. Dafür sei er selbst einst auf die Straße gegangen. Auch für Meinungsfreiheit müsse sich die Partei einsetzen. Man solle sich doch nur mal ansehen, was im Bereich der öffentlich-rechtlichen Medien, ja der Presse insgesamt passiere. Es gelte auch, das „Haus Europa“ weiterzuentwickeln, auch brauche es endlich eine gemeinschaftliche Initiative, diesen schrecklichen Krieg in der Ukraine zu beenden.
Er habe lange mit seiner Familie beraten, ob er noch einmal zur Wahl antrete, sagt Backhaus. Er wolle helfen, das Land vor einer Strömung zu bewahren, die man nicht haben wolle. Das Wort AfD nimmt er nicht in den Mund. Er wolle sich am Wahltag, dem 20. September, nicht den Vorwurf machen, dass er mit Verantwortung dafür trage, dass sein Bundesland unregierbar werde, sagt Backhaus. „Dass mir dann noch dieser Wal in die Quere kommen würde, damit habe ich nicht gerechnet“, sagt Backhaus. Aufmerksamkeit jedenfalls erhält er dafür. Ob die Menschen in seinem Bundesland seinen Einsatz für den Wal honorieren, wird die Wahl zeigen.
