Die Hitze macht Gertrud Saul Angst. Die Rentnerin erfüllt zwei Kriterien, die Hitze gefährlich machen: Mit ihren 73 Jahren zählt sie zu den Älteren, und sie hat eine medizinische Vorbelastung. Anfang des Jahres hatte sie einen Eingriff am Herzen. Die jüngste große Hitzewelle mit Temperaturen von mehr als 40 Grad hat sie nicht gut verkraftet. „Bematscht“ habe sie sich gefühlt, nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie war schwach, ihr war übel, der Puls niedrig. Nachts hatte sie manchmal Angst, auf die Pulsuhr zu gucken: Wie tief kann der eigentlich sinken, bevor man stirbt? „Wenn man allein lebt, gibt es kein Korrektiv, keinen, der einem mal den Kopf zurechtrückt“, sagt sie. Keinen, der sie auch mal beruhigt, meint sie. Gertrud Sauls Mann ist seit zwölfeinhalb Jahren tot.
Saul hat in der Zeitung gelesen, dass 5000 Menschen an der jüngsten Hitzewelle gestorben seien. „Furchtbar“, sagt sie. Sie will keine Hitzetote werden.
Gertrud Saul spürt die Hitze nicht nur auf der Haut, wenn ihr der Schweiß herabrinnt, oder an ihrem niedrigen Puls. Auch auf ihrem Schrittzähler. Und bei ihren sozialen Kontakten. „Die Hitze hat mein Sozialleben plattgemacht“, sagt sie. Saul ist das, was man „rüstig“ nennt, eigentlich. Die frühere Buchhalterin ist eine „eifrige Opern- und Theatergängerin“. Eine Wandergruppe hatte sie auch und einen Buchklub.
Im Dunkeln kommen Wellen von Panik
Doch bei mehr als 40 Grad, da geht gar nichts mehr, und selbst aus Leuten wie Gertrud Saul werden einsame, ängstliche, immobile Menschen. Zwei Karten für Theatervorstellungen ließ sie verfallen. Ihre Rollläden zog sie herunter, nicht ein Lichtstrahl fiel noch herein. Dann saß sie auf ihrem Lieblingssessel im Stockdunklen und wartete, dass die Hitze aufhört. In der dunklen Wohnung fühlte sie sich eingeschlossen, die Luft war abgestanden. Immer wieder mal überkamen sie Wellen von Panik. „So sieht der Alltag aus zu diesen Zeiten.“
Gertrud Saul lebt in einer Dreizimmerwohnung im Norden von Frankfurt, in Harheim. Die glitzernden Bankentürme sind weit weg. Das Flüsschen Nidda schlängelt sich durch das Viertel, es gibt viele Einfamilienhäuser. Hinter Sauls Haus wiegt der Wind eine Wiese, goldgelb ist sie, noch ein paar Stufen vor verbrannt. Darin zirpen die Zikaden, in der Ferne rauscht die Autobahn. Saul lebt gern dort, normalerweise läuft sie eine Viertelstunde zur S-Bahn und kann in der Stadt einkaufen, in die Oper gehen oder ins Café.

Bei der jüngsten Hitzewelle traute Saul sich den Weg zur Haltestelle durch die sengende Sonne nicht mehr zu. Einkaufen gehen wollte sie auch nicht, die 20 Minuten, die sie sonst zum Supermarkt spaziert, erschienen ihr unüberwindbar. Bewirten können sie einen deswegen gerade nicht, sagt Saul am Telefon, wenn man sich mit ihr verabredet. Wasser gibt es. Für sich selbst hat sie vorgesorgt: Sie kauft jetzt immer zwei Brote und friert sie geschnitten ein.
Die Grünen fordern Klimaanlagen, Saul will aber keine
Saul weiß: Sie könnte Getränke und Essen auch beim Lieferdienst bestellen. Oder einen Ventilator im Internet ordern. Aber diese Welt ist ihr fremd. „Dann kann ich den ja gar nicht vorher anschauen“, sagt sie.
Aber sie muss sich umstellen, irgendwie. Denn auch jetzt ist es wieder zu warm. Ab 30 Grad wird es für Gertrud Saul zu „heftig“, und sie verrammelt ihre Festung. Rollläden runter, Fenster zu und warten, dass es vorüber geht. An diesem Tag, Höchstwert 34 Grad, ist sie morgens um 5.25 Uhr zu einer Runde Nordic Walking aufgebrochen. Sie braucht die Bewegung eigentlich dringend, denn Saul ist Diabetikerin. Doch wenn es so heiß ist wie jetzt, kann sie sich tagsüber kaum bewegen.
Und die sozialen Kontakte? „Manchmal stelle ich fest, dass ich mehrere Tage kein Wort gesprochen habe.“ Dabei redet Saul gern. Sie liest viel, sie interessiert sich für die Welt um sie herum. Doch sie kann an ihr schwerer teilhaben, wenn es so heiß ist. „Wenn ich in der dunklen Wohnung sitze, fällt mir die Decke auf den Kopf.“ Eine nahe, schattengeschützte Bushaltestelle würde sie sich wünschen, mehr Grün, mehr Bäume. „Und für die anderen mehr Schwimmbäder“, sagt sie. Dass sie selbst an einem heißen Tag den Weg ins Freibad schafft, glaubt sie nicht.
Hitze hat Gertrud Saul auch früher mal erlebt. Aber seltener. So selten, dass sie sich noch an den Hitzesommer 2003 erinnert, als sie ihre Füße im Büro in einen leeren Mülleimer mit Eiswasser steckte, damals in der Buchhaltung. „Mit dem Klimawandel können wir ja nicht davon ausgehen, dass es bei einer Hitzewelle bleibt“, sagt sie. Sie fürchtet, dass sie ihren Alltag dann nicht mehr stemmen kann: einkaufen, putzen, auch mal ins Theater. Sie fürchtet, dass mit der Hitze der Sessel im abgedunkelten Wohnzimmer ihr neues „normal“ wird.
