Nach hundert Seiten dieses Romans steht die Hauptfigur im fünfzigsten Lebensjahr, der Zweite Weltkrieg liegt schon ein Jahrzehnt zurück, und die Bundesrepublik steckt mitten im Wirtschaftswunder. Allerdings auch inmitten einer wunderlichen Geschichtsvergessenheit. Oder besser: einer erschreckenden Kontinuitätsversessenheit, die sich nicht daran stört, was in der NS-Zeit geschehen ist. Im Gegenteil, einem in die friesische Stadt Jever zurückgekehrten Überlebenden der Schoa wird in jenem Jahr 1955 ins Gesicht gesagt: „Dich hätten sie auch man vergasen sollen.“ Seine Erinnerung daran steht nun in diesem Roman.
Dort steht sie, weil es genau so passiert ist. Der Romanautor Gerhard Henschel betreibt seit bald einem Vierteljahrhundert Autofiktion reinsten Wassers. 2002 erschien sein 750 Seiten starker Roman „Die Liebenden“, für den Henschel die reiche Korrespondenzhinterlassenschaft seiner damals bereits gestorbenen Eltern ausgewertet hatte. Außer den Namen der Familienmitglieder wurde nichts geändert; das ebenso zeitbild- wie psychologiesatte Buch war eine grandiose Familienbiographie.
Das eigene Leben als Gegenstand einer Romanreihe
Und so blieb es auch, als Henschel zwei Jahre später das eigene Leben zum Gegenstand einer Romanreihe machte, die seitdem auf zwölf Bände mit jeweils rund 600 Seiten angewachsen ist – Ende offen, denn der 1962 geborene Autor lebt ja weiter und ist beim Beschreiben gerade mal im neuen Jahrtausend angelangt. Zudem tummelt er sich literarisch auf diversen weiteren Feldern.

Das stellt selbst die begeistertsten Leser seines Zyklus (und davon hat Henschel einige) auf eine harte Geduldsprobe. Welches Publikum bleibt schon einem Buchprojekt mehr als zwanzig Jahre lang treu? Deshalb hat Henschel nun einen Spin-off-Band eingeschoben, mit dem sich womöglich neue Käufer finden lassen: Er handelt von einer der markantesten Nebenfiguren, der 1996 gestorbene Emma Lüttjes, Großmutter mütterlicherseits des Ich-Erzählers Martin Schlosser (vulgo Henschel), im Familienkreis nach ihrem Wohnort „Oma Jever“ genannt. So heißt auch der ihr gewidmete Roman, den man einen Quickie nennen kann: gerade einmal dreihundert Seiten für neunzig Lebensjahre, chronologisch aufgelistet. So rasant erzählt Henschel sonst nur in seinen Genreparodien.
Denkbar vertrautes Terrain
Wir bewegen uns auf denkbar vertrautem Terrain, denn die familiäre Konstellation kennen wir ja. Und natürlich auch so manches familiäre Faktum, vom schweren gesundheitlichen Schicksal der Eltern Martin Schlossers über die weitverstreuten Geschwister seiner Mutter bis zum Text der Todesanzeige von Oma Jever (die schon im 2024 erschienenen Band des Zyklus komplett zitiert worden war).
Keine Überraschung also, was die zweite Lebenshälfte der Protagonistin angeht, aber auch die erste, während der Romanzyklus naturgemäß erst einsetzte, als Emma Lüttjes schon älter war (im neuen Buch wird Martin Schlosser genau in der Mitte geboren). Da Henschel ein politisch denkender Autor mit festen Überzeugungen ist, musste ihn die Barbarei der Nazijahre und deren Beschweigen in der Nachkriegszeit besonders interessieren. Gerade aus der Sicht der Zeitzeugen, die seine Großeltern waren.
Die Gnade des später Geborenen
Hier liegt aber der blinde Fleck des Buchs. Oder sagen wir: die Gnädigkeit des später Geborenen. Henschel geht sehr gütig mit seinen Lüttjes um. Dabei verfügt er dank der familiären Erinnerungsüberlieferung über ein exaktes Bild des großelterlichen Mitläufertums, das sich etwa bei Oma Jever in Erleichterung artikulierte, als Hitler das Attentat vom 20. Juli 1944 überlebt hatte.
Aber Henschel deutet aus Bemerkungen wie der des Großvaters aus demselben Jahr, er sei nun bereits ein Viertel seiner Ehedauer als Soldat abwesend, Regimekritik: „Wenn er sich keine weitere Verschlechterung dieses Zahlenverhältnisses wünschte, konnte er eigentlich nur auf eine rasche Niederlage Deutschlands hoffen.“ Eigentlich . . . Aber was war da tatsächlich? Wir erfahren es nicht.
Das Schicksal der jüdischen Familie Levy
Das ist milde für den ansonsten so scharfzüngigen Zeitdiagnostiker Schlosser/Henschel, aus dessen Ich-Perspektive auch hier wieder erzählt wird. Der Roman ist zugleich die Geschichte der Rekonstruktion des Lebens von Oma Jever („Das verflixte Telefonieren! Es wurde immer billiger, und als Familienarchivar kann ich froh darüber sein, daß überhaupt noch einmal jemand zum Füller oder zum Kugelschreiber greift“, heißt es zum Jahr 1990/91), doch über das Dritte Reich in Jever erfährt man mehr aus dem Schicksal der – realen – jüdischen Familie Levy, das parallel erzählt wird. Wohl auch deshalb, weil Henschel den 1901 geborenen Fritz Levy noch erlebt hat, der als Einziger der Juden aus Jever dorthin zurückgekehrt war und dann in der Stadt wegen seiner Ausfälle gegen Passanten als Enfant terrible galt.
Eine Großmutter wie eine Werbefigur
Dabei war er es, dem noch 1955 das Vergasen gewünscht worden war. Anstandshalber verschwieg Fritz Levy in seiner Erinnerung daran, wer ihn da so beschimpft hatte. An dieser Stelle, die nicht die eigene Familie betrifft, betätigt sich Henschel dann als akribischer Rechercheur und kann einen konkreten Namen zumindest nahelegen. „Ob dieser Mann wohl derjenige welcher war?“, fragt er sich selbst – und lobt sich selbst: „Es sollten auch mal ein paar andere Nachgeborene in Jever den brieflichen Nachlaß ihrer Großeltern und Urgroßeltern zu Tage befördern.“
Dass Henschel es gemacht hat, ist ungeachtet seiner der Nahsicht geschuldeten Nachsicht ein großes Glück, denn die Nahsicht bringt auch die große Liebeserklärung hervor, die dieser Roman ist. Eine Liebeserklärung an die Persönlichkeit Oma Jevers und das Ambiente, das sie ihren Kindern und Enkeln schuf, „ein bundesrepublikanisches Idyll, belebt durch kleine Ausflüge und familientaugliche Fernsehsendungen“. Großes Glück der kleinen Dinge, die eine grundgütige bodenständige Frau ermöglichte: „Mit den berühmten Werbefiguren jener Jahre wie Klementine (Ariel), dem Tchibo-Onkel (Kaffee), Frau Antje (Käse aus Holland) oder Herrn Kaiser von der Hamburg-Mannheimer Versicherungs-AG hätte sie es locker aufnehmen können.“
Wer sich noch an diese Figuren erinnert, wird „Oma Jever“ lieben. Der Roman ist das Porträt eines Kleinbürgertums von Klasse.
Gerhard Henschel: „Oma Jever“. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2026. 320 S., geb., 23,– €.
