Ein Märchen hat Gerd K. auf die Anklagebank des Landgerichts Saarbrücken gebracht. Es heißt „Wüstenödnis“. Auf Facebook findet man immer noch Videos, in denen Menschen es zu epischer Musik und schlecht generierten KI-Fotos von Sonnenaufgängen vorlesen. Darin geht es um verdorrte Ländereien, um Menschen, die sich versklavt haben, um etwas aus den heiligen Quellen der „Herren des Wassers“ abzubekommen. Ein solcher Machthaber sei auch Gerd, wie es in dem Märchen heißt. Doch Gerd K. wolle die Menschen nicht unterwerfen, sondern befreien.
An dieser Version der Geschichte hat die Staatsanwaltschaft in der Realität allerdings erhebliche Zweifel: Sie sieht Gerd K. – der mutmaßlich hinter dem Märchen steckt – stattdessen als den Strippenzieher eines riesigen Anlagebetrugs: 16.751 Menschen sollen darauf reingefallen und insgesamt 21.332.050 Euro an ihn gezahlt haben.
Gerd K. sieht das nicht so. Später wird er nach einem Wutanfall vor Gericht sagen: „Die Anschuldigungen sind alle haltlos, ich werde hier auf jeden Fall nicht vorbestraft rausgehen.“
Er zwinkert und winkt den Zuschauern zu
Der Sechzigjährige betritt den Gerichtssaal am ersten Tag wie ein Popstar, man sieht ihm nicht an, dass er seit über einem Jahr in U-Haft sitzt. Er hat grau melierte Haare, einen gut frisierten Seitenscheitel und ein weißes Hugo-Boss-Poloshirt an. In der Hand hält er eine Tasche mit Dokumenten und legt eine Bibel vor sich auf den Tisch. Er zwinkert und winkt dem Publikum zu.
Außer Gerd K. sind noch zwei Männer und zwei Frauen angeklagt, die zwischen 43 und 77 Jahre alt sind. Anders als ihr mutmaßlicher Anführer haben sie wenig Starallüren: Einer kommt im Jogginganzug, die meisten halten sich Aktenordner vor das Gesicht, um sich vor den Fotos zu schützen.
Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen banden- und gewerbsmäßigen Betrug sowie Verstöße gegen das Kreditwesengesetz vor. Zusammen sollen sie zwischen Mai 2021 und Mai 2025 unter Gerd K.s Führung ein organisiertes Schneeballsystem betrieben haben, bei dem sie den Anlegern hohe Renditen und garantierte Rückzahlungen versprachen. Das Geld sollte durch verschiedene Investments, vor allem aber durch den Handel mit digitaler Kunst vervielfacht werden – so die Theorie.
Rendite blieb aus
Wie in Gerds Märchen verkaufte die Gruppe dabei nicht nur die Hoffnung auf eine gute Rendite, sondern auch die Aussicht auf eine bessere Gesellschaft. Wer Teil dieser Vision sein wollte, musste sich ihrer Organisation anschließen, die sie „den Schwarm“ nannten – eine Gemeinschaft, die vor allem online stattfand und Weltrettungsideen in Produkte verpackte, um sie im Sprech von einem Teleshopping-Kanal zu verkaufen. Die Anleger, so die Staatsanwaltschaft, bestünden „in großen Teilen aus Esoterikern, Heilpraktikern, Reichsbürgern und Verschwörungstheoretikern“.
Während sich die Utopie von „Gerds Märchen“ wie ein kommunistisches Umverteilungsprogramm anhört, sollen von den 21 Millionen nur rund 5,7 an die Schwarmmitglieder zurückgeflossen sein. Mit dem restlichen Geld hätten die Angeklagten vor allem ihren luxuriösen Lebensstil finanziert. „Geflogen wurde First Class, Bargeldbündel wurden wie Requisiten mitgeführt, statt Taxen wurden Helikopter gebucht“, liest die Staatsanwältin vor. Hotels mit Butler-Service. Allein für eine fünftägige Reise nach Berlin soll Gerd K. im Adlon Kempinski 70.000 Euro bezahlt haben, in einer Sultan-Suite in Istanbul gleich 45.000 Euro pro Nacht.
Bevor sich Gerd K. zu den Taten äußert, lässt sich sein Mitangeklagter Lars C. ein. Er soll das Geflecht von Firmen und Konten für die Organisation verwaltet haben. „Ich habe Gerd K. immer wieder gesagt: Du musst den Scheiß mit der digitalen Kunst beenden“, sagt er. Insgesamt hört sich seine Einlassung so an, als ob er die gute Stimme des Schwarms gewesen sei, die versucht habe, die Gruppe zum Aufhören zu überreden. Auf Nachfrage der Staatsanwaltschaft gibt er allerdings zu, erhebliche Zweifel an der Seriosität der Finanzangebote gehabt und trotzdem weiter für die Gruppe gearbeitet zu haben.
Immer wieder schüttelt Gerd K. mit dem Kopf
Während er aussagt, sitzt Gerd K. neben ihm und schüttelt immer wieder den Kopf. Kurz vor der Pause schaut er ins Publikum und macht Handzeichen: Er formt mit dem Daumen und seinen Fingerkuppen einen Mund, der auf und zu geht, um zu zeigen: Lars C. spreche zu viel. Danach tut er so, als ob er auf dem Stuhl einschlafen würde.
Dabei gibt Lars C. interessante Einblicke in die Strukturen des Schwarms. Gerd K. habe lange ein Geschäft mit „Physio-Screen-Scannern“ verfolgt. „Das sind pseudowissenschaftliche Geräte, die scannen sollen, was im Körper nicht funktioniert, um das dann mit Frequenzen zu heilen“, sagt er.
Lars C. sagt, später habe Gerd K. auch Pläne für „Reinraumkliniken“ vorgelegt, Behandlungsräume, die komplett bakterien- und keimfrei sein sollten. Und er habe in Goldminen investieren wollen. Diese Bestrebungen seien allerdings alle ins Leere gelaufen und letztlich im Projekt des „Schwarms“ gemündet. Dabei verkauften sie Anlegern „Investments“ in digitale Kunst.
„Ja, und wie sollte man damit Geld verdienen?“, fragt der Richter. Lars C. überlegt kurz und sagt dann: „Keine Ahnung.“
Für das Anwerben neuer Leute wurde Geld in Aussicht gestellt
Schnell wirkt es, als habe Gerd K. vor allem sein überzeugendes Wesen verkauft, statt reale Produkte. Der Schwarm soll wie ein Multi-Level-Marketing-System funktioniert haben: Anlegern wurde neben einer hohen Rendite zusätzliches Geld für das Anwerben neuer Mitglieder in Aussicht gestellt. Einsteigen konnte man für zwölf Euro, musste aber schnell eine monatliche Gebühr von 120 Euro zahlen, um die Chance auf die ganz großen Gewinne zu haben. So könne man schnell 10.000.000 Euro verdienen.
Neue Mitglieder warb der Schwarm weltweit über Messengerdienste wie Telegram an. Eines dieser deutschen Netzwerke konnte die F.A.Z. einsehen: Die Nachrichten der Führungspersonen hören sich teils sektenhaft an: „GERD brachte Genialität in mein Leben, klärte den Weg, und nun ist alles so klar und einfach“ oder „Es gibt euch, es gibt ihn! Gott sei Dank! GERD, ihr seid GERD oder werdet GERD“.
Manchmal leiteten sie auch Akquisetipps oder Motivationsnachrichten von Gerd K. selbst weiter: „Wir sind sicher, ein legaler Tsunami des Erfolges aller Schwarmmitglieder. Und die Welt fühlt ihre Ohnmacht“, schreibt Gerd K. in einer Nachricht.
Infoveranstaltungen fanden in regelmäßigen Zoom-Calls statt
Regelmäßig fanden Zoom-Calls statt, um neue Mitglieder einzuschwören. Zugangslinks finden sich auch in der Telegram-Gruppe. Allerdings mit Sicherheitsvorkehrungen:
„ZUM SCHUTZ UNSERES SCHWARMS: Teilnahme nur mit Kamera und vollständigem Vor- und Zunamen.“
Das Filmen oder Mitschneiden dieser Meetings sei strengstens untersagt. Immer wieder soll Gerd K. gesagt haben, man dürfe über „den Schwarm“ nicht öffentlich sprechen. Angeblich mit der Begründung, die Exklusivität der Gruppe zu wahren. Heute wirkt es eher wie eine Schutzmaßnahme, um die Machenschaften vor öffentlicher Kritik abzuschirmen.
Der F.A.Z. liegt der Mitschnitt eines solchen „geheimen“ Info-Zoom-Calls des Schwarms aus dem Jahr 2023 vor. „Stellt euch vor, ihr seid wie Gerd: ein Finanzgenie. Ihr könnt es gar nicht verhindern, jeden Tag sprudelt das Geld nur so aus euch heraus und ihr wollt es jetzt verteilen“, beginnt ein Mann um die 60 die Videokonferenz. Sein Hintergrundbild bei Zoom: ein großer Fischschwarm. „Wir haben jetzt schon Personen im Schwarm, die zwanzig-, dreißig-, vierzigtausend Euro im Monat verdienen. Denen müssen wir jetzt erst mal beibringen, wie man damit umgeht“, sagt er noch.
Dann erklärt er das Geschäftsmodell: Die Anleger würden einen digitalen Pixel eines Fotos kaufen, ein „Micro-Micro-Pixel“. An dieser Stelle zeigt er ein Beispielfoto, auf dem man ein abstraktes Gesicht sieht, eindeutig von einer KI generiert. Was folgt, sind lange Rechnungen. Es gebe eine versprochene Rendite von fünf Prozent, aber dann komme das „Zauberwort“ ins Spiel, sagt er: „die Utopieerwartung“. Hinter diesem ausgedachten Begriff steckt die Hoffnung auf den ganz großen Gewinn. Und jeder investierte Euro würde diesen noch größer machen. Gerds Ziel sei es, 200.000 bis 300.000 Menschen „frei zu machen“, das bedeute bei ihm 10.000.000 Euro pro Person, heißt es im Videocall. „Unglaublich“, sagt eine der Zuhörerinnen.
„Das Wort Risiko wird hier miniminikleingeschrieben“
Auf die Frage, wann man denn damit rechnen könne, sagt der Mann: „Hier gibt es unregelmäßig regelmäßige Auszahlungen.“ Die Deutschen seien ja „ein Volk der Generalskeptiker“. „Hier wird das Wort Risiko aber miniminikleingeschrieben. (…) Man muss zulassen, dass da jemand ist, der ein großes Herz hat und gerade richtig Weihnachtsmann spielt“, sagt der Mann noch.
Nach der Präsentation sitzt Gerd K. zusammen mit dem Mitangeklagten F. vor der Kamera, um Fragen zu beantworten. Zu Wort meldet sich ein alter Herr mit einer „sehr schmalen Rente und vielen Schulden“. Er könne sich die 120 Euro im Monat nicht leisten. „Dann machst du den Sozialtarif“, sagt Gerd K., „das sind dann zwölf Euro im Monat.“ Darüber freut sich auch eine andere Frau: Ihre Freundin sei Putzkraft, habe drei Kinder und einen schwer kranken Mann zu Hause. Sie wolle beim Schwarm mitmachen, um ihren Kindern ein besseres Leben zu schenken.
Niemand fragt, woher das Geld komme, alle wollen nur wissen, wie sie möglichst schnell aufsteigen können, um zu profitieren. Einige berichten, sie hätten Probleme, neue Leute anzuwerben. Zu häufig kämen kritische Nachfragen. Gerd K. wirkt genervt davon. Das liege dann an ihnen, sagt er in der Videokonferenz. Sie müssten die Idee schon genau so verkaufen, wie er es schon etliche Male erklärt habe, dann könne nichts schiefgehen.
Direkt zu Beginn fängt Gerd K. einen Streit an
Am zweiten Prozesstag steht endlich an, worauf die zahlreichen Zuschauer seit Beginn warten: Gerd K. möchte sich einlassen. Er sitzt in der Mitte seiner beiden Verteidiger, mit roter Krawatte und einem Anzug, den auch ein Vorstand der Deutschen Bank tragen könnte. Hinter ihm steht ein Flipchart, das er für seinen Auftritt angefordert hat. Aber bevor der Richter den Saal betritt, fängt Gerd K. an, seinen Verteidiger Jens Schmidt anzuschreien: „Ich will hier doch nicht wie der Clown mit dem Flipchart in der Ecke stehen.“ „Man will mich hier doch eh nur als den Bescheuerten hinstellen“, legt er nach. Herr Schmidt reagiert ruhig, wirkt unbeeindruckt, als ob er so einen Wutanfall nicht zum ersten Mal bei Gerd K. erlebe. „Und ich mache hier auch nicht auf 63er“, ruft K. noch.

Hintergrund für den Streit scheint das Flipchart zu sein, das Gerd K. in die Mitte des Raumes und nicht auf die Tribüne stellen wollte. Außerdem wirft er seiner Verteidigung vor, den Paragraphen 63 anwenden zu wollen, ihn also als unzurechnungsfähig zu erklären. Tatsächlich ist ein Sachverständiger geladen, der Gerd K.s Verfassung während des Prozesses einschätzen soll, ihn aber nach Aussage von K. zunächst als zurechnungsfähig beurteilt habe. Nach Informationen der F.A.Z. war Gerd K. aber wirklich aufgrund einer psychischen Erkrankung in Behandlung.
Gerd K.s Stimme zittert, als er mit seiner Einlassung beginnt. Von seiner jüdischen Großmutter springt er zu digitaler Kunst und von dort zum „göttlichen Funken“, den er in den Menschen finde. Dabei bleibt unklar, wo er im Leben bislang gearbeitet hat. Mal hier, mal da, aber er habe immer ein „schweinegeiles Leben“ gehabt, sagt er. „Aus Ihrer Perspektive sehen Sie mich als Halbbeschränkten, aber ich sehe die Welt anders als Sie“, sagt er. Das alles sei kein Betrug gewesen. Wieso, das wolle er der Kammer nun erklären.
Das alles sei kein Betrug gewesen, sagt Gerd K.
Bei seiner stundenlangen Einlassung steht er durchgängig mit einem Filzstift vor dem Flipchart, auf das er zwischendurch Zahlen schreibt. Siebenmal fällt ihm der Stift dabei auf den Boden. Wenn Gerd K. über sein „Lebenswerk“ spricht, dann merkt man, wie sehr er dafür brennt. Nur fällt es schwer zu verstehen, was er damit genau meint. Häufig springt er, verliert sich in Details. Sein Verteidiger Schmidt rät, „ihn einfach mal machen zu lassen“.
„Einige sagen Sektenführer zu mir“, sagt Gerd K. „und ja, das ist nah dran, aber ich würde eher sagen, der Schwarm ist eine Glaubensgemeinschaft.“ Er glaube an das Göttliche in den Menschen und sie glaubten an ihn. „Die Leute lieben mich und so, wie die Fans von Michael Jackson ihm Unterwäsche zugeworfen haben, haben sie mir Goldbarren gegeben“, sagt er.
Ein wirtschaftliches Studium habe er nie absolviert, aber als er in die Welt der Finanzen eintauchte, da sei es gewesen „wie als Harry Potter nach Hogwarts kam“: pure Liebe. Über seine Geschäfte sagt er: „Normalerweise kriegt man Geld durch Arbeit. Aber ihr müsste immer schauen, dass ihr Geld für keine Arbeit bekommt.“
Er habe nie versprochen, Rendite auszuzahlen
Ein Versprechen, Menschen Rendite auszuzahlen, habe es niemals gegeben, sagt er, das sei immer nur eine Absichtserklärung gewesen. Außerdem hätten die Schwarmmitglieder ja Leistungen für ihr Investment bekommen. Zum Beispiel seine Beratungen auf Events oder Zoom-Calls, bei denen er seine Lebensweisheiten geteilt habe. Und sie hätten sich regelmäßig umsonst mit dem „Physio-Scanner“ behandeln lassen können.
Auf die Frage, wie er mit der digitalen Kunst Geld verdienen wollte, hat auch Gerd K. keine richtige Antwort. Es wirkt eher, als sehe er die Beiträge für „den Schwarm“ als Eintrittskarte in seinen „Gerd-Wirtschaftsraum“, wie er ihn nennt.
Vor dem Saal stehen einige Mitglieder des „Schwarms“. Auch nachdem, was sie heute gehört haben, glauben sie daran, dass Gerd K. vielleicht nur einen kleinen Fehler gemacht hat. Er sei ein ehrlicher Mensch, sagt eine Frau, das spüre sie. Vor allem aber hoffen sie, dass noch etwas von den 15,5 Millionen Euro übrig ist. Für den Prozess vor dem Landgericht sind bis Januar 2027 noch zwölf Termine angesetzt.
K. will noch weiter aussagen. Bei wichtigen Entscheidungen in seinem Leben, sagt er vor Gericht, habe er schon immer auf seine innere Stimme gehört. Das sei nicht direkt Gott, der zu ihm spreche, aber etwas Göttliches. Er wisse, dass das verrückt klinge, aber die Stimme habe ihm schon oft den richtigen Weg aufgezeigt. „Na ja, außer beim Geschäft“, sagt er. „Denn jetzt sitze ich ja hier.“
