Auf dem Podest liest man die Aufschrift „Pierrot Automate“, oben steht eine entsprechend gekleidete Figur mit langem weißen Gewand und spitzem Hut. Von links schiebt sich ein bärtiger Kahlkopf ins Bild. Spöttisch grüßt er zum Automaten herauf, dann entdeckt er eine Kurbel, die aus dem Podest ragt, ergreift sie begeistert und setzt mit ihr den Pierrot in Gang. Der schwenkt die Arme, dreht den Kopf hin und her und lässt sogar einen Stab von der linken zur rechten Hand wechseln. Der Kahlkopf dreht weiter und registriert verdutzt, dass der Automat in die Höhe schießt, die Beine hebt und dann den Stock in beide Hände nimmt. Er saust herab, mitten auf den kahlen Kopf – das Werk empört sich gegen den, der es in Bewegung setzt.
„Gugusse und der Automat“ heißt der kurze Film aus dem Jahr 1897, der ein Jahrhundert lang verschollen war. Er stammt von dem genialen Unterhalter Georges Méliès, der eigentlich Künstler werden wollte, stattdessen Maschinist in der väterlichen Schuhfabrik wurde und sein dabei erworbenes Wissen in ein Illusionskunstvarieté einbrachte, das er 1888 in Paris kaufte und nach seinen Vorstellungen formte – das „Théâtre Robert-Houdin“. Méliès, der während einiger Lehrjahre in London eine Schwäche für Zaubertricks und mechanische Apparate entwickelte, zeigte seinem Publikum von Anfang an neben Darbietungen menschlicher Künstler auch Automatenvorführungen.
Vom Schöpfer der „Reise zum Mond“
Vor allem aber erkannte er, welche Rolle der gerade erfundene Film für das Unterhaltungsbedürfnis seines Publikums spielen konnte. Er eignete sich die erforderlichen Techniken an und entwickelte neue wie das Stop-Motion-Verfahren. So ausgerüstet, drehte er mehrere Hundert Kürzest- und Kurzfilme, darunter der ikonisch gewordene „Die Reise zum Mond“ von 1902, in dem sich das ganze Weltall gegen den Besuch menschlicher Astronauten wehrt und sich darum bemüht, sie wieder loszuwerden.
Aus dieser Zeit sind nicht viele Méliès-Filme auf uns gekommen: Ein knapp einminütiges Werk zeigt eine Seeschlacht vor Griechenland, indem mit einer beweglichen Bühne das Auf und Ab eines Schiffsdecks bei Wellengang nachgestellt wird und einer der Matrosen seinen Tod theatralisch auskostet. Andere mischen Grusel mit Komik und zeigen die Handschrift des Regisseurs, indem spukhafte Ereignisse – Gegenstände bewegen sich im Raum, Möbel verschwinden plötzlich und tauchen ebenso plötzlich wieder auf – durch Filmtricks dargestellt werden.
Was macht die Uhr am Bildrand?
Méliès, der ein eigenes Studio für sein Schaffen gründete, setzte darauf, Filmkopien zu verkaufen, während seine Konkurrenten ein Verleihsystem etablierten und ihn damit wirtschaftlich aus dem Rennen nahmen. Allerdings ist so auch zu erklären, warum bisweilen noch verschollen geglaubte Filme von ihm auftauchen, die angekauft und irgendwo vergessen wurden. So auch „Gugusse und der Automat“, der nun zusammen mit anderen Filmen in einer zeitgenössischen Kopie aus dem Nachlass eines Wanderkinobetreibers in Pennsylvania zum Vorschein kam und von der Library of Congress restauriert worden ist.
Der Fund ist auch deshalb so bedeutend, weil er dezent sein eigenes Medium zum Thema macht. Am linken Rand steht nicht zufällig eine große Uhr. Sie deutet an, welchen Zusammenhang all das hat, der Mechaniker, der Automat, der Betreiber, der Film. An Automaten hatte man sich um die Wende zum 20. Jahrhundert schon seit mehr als 150 Jahren gewöhnen können, zugleich wuchs das Unbehagen an einer Illusionskunst, die alle Grenzen zwischen Mensch und Maschine zu verwischen droht.
Wir sind auch darin bis heute Erben dieser Zeit, indem wir die Frage nach dem Eigenleben der von uns geschaffenen Technik immer wieder stellen. Ist aber Méliès’ Gugusse der Mechaniker, der über den Automaten gebietet, der ihn gar erschaffen hat? Sein Name, der „Clown“ oder „Spaßmacher“ bedeutet, spricht eher für eine Zauberlehrling-Geschichte, also für die ungeschickte Aneignung eines fremden Kunstwerks.
Mag also sein, dass in dem simplen Film auch ein autobiographischer Verweis seines Urhebers steckt, der sich ein mechanisch grundiertes Medium aneignet, das er weiterentwickelt, bis er plötzlich von dessen Auflehnung überrumpelt wird. „Georges und der Automat“: Auch das wäre ein Titel.
