Wie so viele Vogelkundler kann sich auch Jens Hering für Fußball begeistern. Statt mit der ausgeschiedenen deutschen Nationalmannschaft fiebert der Fan des RB Leipzig bei der Weltmeisterschaft 2026 nun mit den afrikanischen Mannschaften mit. Einer seiner Favoriten ist Kap Verde. Das Team des gerade einmal 600.000 Einwohner zählenden Inselstaats hat es als absolute Überraschungsmannschaft ins Sechzehntel-Finale mit den 32 besten Mannschaften des Turniers geschafft. In der Nacht von Freitag auf Samstag trifft es auf den aktuellen Weltmeister Argentinien.
Hering wiederum spielte einige Jahre Fußball bei Motor Oberfrohna in seiner sächsischen Heimatstadt Limbach-Oberfrohna, in der er auch heute noch lebt. Seine Karriere am Ball wurde aber durch einen schweren Unfall während seines Militärdiensts bei der Nationalen Volksarmee jäh beendet. Heute konzentriert er sich auf die Vogelforschung. Beruflich ist er seit Jahrzehnten im Naturschutz in Sachsen auch für die Ornithologie zuständig, arbeitete im Beirat der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft und ist Vorstand des Vereins Sächsischer Ornithologen. Obendrein widmet er einen Großteil seiner Urlaube gemeinsam mit seiner Frau Heidi der Vogelforschung in Afrika.
Dabei spielt auch der Fußball eine wichtige Rolle. „In den unzugänglichsten Dörfern verfolgen die Menschen die Champions League in Europa – und kennen zum Beispiel die Aufstellung von Bayern München oft besser als viele Deutsche“, erzählt Hering. „Auch wenn sie gar keinen echten Ball haben und zwei Bananenstauden als Torpfosten herhalten müssen, spielen die Kinder auf jedem freien Platz Fußball.“
Zum Dank führten die Kinder sie in die Kaffeeplantagen
Offensichtlich hatten die Fußballgötter ihre Hand im Spiel, als Jens und Heidi Hering mit dem befreundeten Ehepaar Ralf Pilz und Erika Seifarth in den Nullerjahren auf der Kapverden-Insel Fogo zum Wandern waren: „Ralf hatte etliche aufblasbare Bälle im Gepäck“, erinnert sich Hering. Solche einfachen Geschenke kamen bei den Kindern gut an. Zum Dank führten sie die Europäer in die Kaffeeplantagen, in denen Jens Hering auf eine faustdicke Überraschung stieß.
An den steilen Flanken der vulkanischen Inselgruppe, die sonst von einem tropischen Halbwüstenklima geprägt ist, wuchs einst ein dichter Dschungel. Dort lebte der Kapverdenrohrsänger. Als die Portugiesen im 15. Jahrhundert die vorher unbewohnten Inseln entdeckten und in Besitz nahmen, musste die dichte Vegetation Nutzpflanzen weichen, von denen die Nachkommen der Portugiesen und ihrer Sklaven noch heute leben.
Mit dem Dschungel verschwand auf den meisten der neun heute bewohnten Inseln auch der Rohrsänger. Überlebt haben nur 1500 bis 2000 Vögel auf der Hauptinsel Santiago und sehr wenige Exemplare auf der Insel São Nicolau. Der Vogel ist zudem auf dem Tausend-Escudo-Geldschein zu sehen – als inoffizieller Nationalvogel.
Die Passatwinde bringen viel Wasser mit auf die Insel
Die Vulkaninsel Fogo ist nur etwa halb so groß wie das Stadtgebiet von Berlin. Sie wird aber von einem aktiven Vulkan gekrönt, der fast so hoch ist wie die Zugspitze. Der nur auf den Kapverden lebende Singvogel war auf Fogo unbekannt. Offensichtlich hatte sich mit dem Verschwinden des Dschungels auch der Rohrsänger verabschiedet. So dachten zumindest viele Vogelkundler. Die aus Nordosten aus der Sahara wehenden Passatwinde nehmen auf ihrem langen Weg über den Atlantik aber so viel Wasser auf, das sich, wenn die Luft an den Vulkanflanken aufsteigt, abregnet und die Plantagen der Menschen gut bewässert.

In diese Anbaugebiete führten die Fußball-verrückten Kinder die Familie Hering und deren Freunde. „Dort wachsen nicht nur Kaffeepflanzen, sondern auch Mango- und Papayabäume, Bananenstauden und andere Nutzpflanzen“, sagt Hering. „Und die dichte Vegetation ähnelt vielleicht ein wenig dem Dschungel, der früher dort wuchs.“
Von einem Aufnahmegerät spielte er den Gesang eines Rohrsängers
Der sächsische Vogelforscher machte die Probe aufs Exempel: Als er von einem Aufnahmegerät den Gesang eines Kapverdenrohrsängers abspielte, kam prompt ein Pärchen des Singvogels angeflogen, um sich den vermeintlichen Eindringling genauer anzuschauen. „Offensichtlich hat diese Art also in den Kaffeeplantagen einen Ersatzlebensraum gefunden und auf Fogo entgegen aller bisherigen Annahmen überlebt“, folgert Hering.
Er begann, nach weiteren Kapverdenrohrsängern zu suchen – und hatte bald 32 Reviere des dort unbekannten Vogels aufgespürt. Das Ergebnis wollte er drei Jahre später gemeinsam mit dem Ornithologen Elmar Fuchs auf einer wissenschaftlichen Expedition genauer untersuchen. Gemeinsam lüfteten sie einige Geheimnisse des Kapverdenrohrsängers. Um die 500 Brutpaare leben wohl auf Fogo, vermutet Hering. Damit vergrößert sich der bisher bekannte Bestand der seltenen Singvögel kräftig.
Statt auf den verloren gegangenen Urwaldbäumen bauen die Vögel ihre Nester nun vor allem in Astgabeln von Mangobäumen inmitten der Kaffeeplantagen. Dort wechseln sich dann Männchen und Weibchen beim Brüten ab – die Vögel praktizieren also Gleichberechtigung. Und bescheren Kap Verde so eine weitere Sensation neben den Fußballspielen auf Dorfplätzen und bei internationalen Turnieren.
