Seltsame Laute, sie klingen nach Hundegebell, dazwischen hört man hessisches Gebabbel. Das ist Michael Quast, es wird geprobt, während noch die Eisheiligen ihrem Namen alle Ehre machen. Aber jetzt wird es warm und sollte es regnen: Außer der ersten Reihe sind Bühne und Zuschauerbereich am Westcoast-Gelände in Griesheim überdacht, wenn es dort wieder heißt „Barock am Main“.
Mit der Premiere der von Wolfang Deichsel frei und doch formstreng ins Hessische übertragenen Komödie „Schule der Frauen“ schließt sich in diesem Jahr der Kreis, denn 2013 war dies das erste Stück, mit dem die Volksbühne unter der Leitung von Michael Quast ihre Pforten öffnete. Und Quast und seine Regisseurin Sarah Groß genießen wieder einmal die poetische Qualität der Übersetzung. „Ich bin so glücklich, dass wir endlich mal wieder Deichsel spielen“, sagt Groß, „bei dem stimmt einfach alles, der hat die Commedia dell’Arte so genau studiert, das spürt man.“ Deshalb sei es ihr auch so wichtig gewesen, vor den Bühnenproben „sehr intensiv das rhythmische Sprechen“ zu üben, das sei bei Deichsels Molière-Fassungen die Grundlage für alles. Auch Michael Quast glaubt, dass ein großer Teil des Erfolgs von „Barock am Main“ immer das Stilbewusstsein gewesen sei: „Die Zuschauer genießen den Formwillen, sie spüren das.“
„Die Schule der Frauen“ ist neben „Der eingebildete Kranke“, „Der Tartüff“ und „Der Menschenfeind“ eines von nur vier Molière-Stücken, die der 2011 verstorbene Wolfgang Deichsel in den Sechziger- und Siebzigerjahren in Versform in die südhessische Mundart übertragen hat. Schon 1970 wurde es am Theater am Turm uraufgeführt und später zahlreiche Male nicht zuletzt von den Volkstheater-Ikonen Liesel Christ und Günter Strack gespielt. Es steht nicht nur für die Wiederbelebung des Volkstheaters, sondern auch für den Startschuss von „Barock am Main“ vor nunmehr zwanzig Jahren im Garten des Höchster Bolongaro-Palasts, der aber wegen Renovierungsarbeiten nach wie vor nicht bespielt werden kann.
Lieber Bolongaro-Palast als schroffe Industriekulisse
Obwohl Michael Quast die schroffe Industriekulisse an der Westcoast und den einmaligen Spielort direkt am Wasser lobt, wäre er doch froh, im nächsten, spätestens übernächsten Jahr wieder im Bolongaro-Palast zu spielen, er vermisst vor allem das dort mögliche Einbeziehen der Fassade in das Spiel auf der Bühne. Da überdies lange nicht klar war, ob die Westcoast als Spielort wieder zur Verfügung stehen würde, hatte Quast schon zwei Auswärtsgastspiele verabredet: „Barock am Main“ gastiert in diesem Jahr nicht nur in Heusenstamm, sondern erstmals auch zwei bereits ausverkaufte Wochen lang bei den Bad Hersfelder Festspielen. In Griesheim beginnt „Barock am Main“ daher schon am 30. Mai. Knapp 9000 Gäste können zwei Wochen lang auf der neuen, vergrößerten Tribüne mit 530 Plätzen das Stück erleben.
Etwas mehr als fünf Wochen dauern die Proben, und während auf der Bühne minutiös die Choreographie durchgearbeitet wird, werden Kostüme geschneidert und Perücken entworfen. Heute könne man oft kaum glauben, dass im Barock wirklich so gespielt wurde, aber die Perücken, sagt Sarah Groß, seien oft so voluminös gewesen, dass die Schauspieler sich kaum bewegen konnten: „Wenn wir das exakt so spielen würden wie im Barock, würden die Leute denken, wir übertreiben jetzt maßlos.“ Alle Kostüme seien aber „sehr genau nach barocken Vorbildern geschneidert, nur da und dort spitzen wir mal etwas zu.“

Als nach kurzem Gespräch die Probe weitergeht, muss wieder das Wachhund-Bellen der beiden tumben Domestiken gemeinsam mit ihrem Herrn synchronisiert werden. Quast spielt den reichen Bürger Arnold, im Molière’schen Original Arnolphe, der das verwaiste Bauernmädchen Agnes zum Mündel genommen und in ein weltfernes Kloster gesteckt hat im irrigen Glauben, sich damit eine ideale Ehefrau zu erschaffen. Als das Stück beginnt, lebt Agnes in Arnolds Anwesen, betreut und bewacht von dem einfältigen Dienerpaar.
Arnold ist besessen von der Angst, später einmal von seiner Frau betrogen zu werden, denn: „E Frau, die klug is, kann ihrn Mann betrüche.“ Kurz bevor er Agnes endlich ehelichen kann, muss er erleben, wie diese sich in den jungen Horazius verliebt und darüber hinaus weitaus weniger naiv ist als erhofft. Horazius, Sohn eines Geschäftsfreunds von Arnold, berichtet diesem ganz treuherzig von seiner erwiderten Liebe zu Agnes, und Arnold erlebt nun genau das, was er immer verhindern wollte: die Hölle der Eifersucht.
Bei aller Konzentration doch entspannte Probenatmosphäre
„Die fixe Idee, die er hat, geht kaputt“, sagt Quast. Zwar werde am Ende, wie immer bei Molière, die Ordnung wiederhergestellt, aber es wird klar, dass das immer ein schwankender Boden ist. Das steht alles so auch bei Molière, aber Deichsel hat das noch verstärkt, vor allem wird unübersehbar, dass die junge Frau sich von ihrem künftigen Mann Horazius keineswegs domestizieren lässt. So kommt auch in dieser Komödie wieder ironische Gesellschaftskritik im scheinbar so harmlosen Gewand der Commedia dell’Arte daher.
Arnold hat seine Diener, gespielt von Ulrike Kinbach und Alexander J. Beck, nun auserkoren, seinen Nebenbuhler zu verprügeln. Wenig später kommen sie zitternd aus der Bühnengasse, im Übereifer haben sie etwas zu fest zugeschlagen und Horazius vermeintlich ins Jenseits befördert. „Soll ich hier vielleicht auch etwas mit der Laterne zittern?“, fragt Quast hinunter zu Sarah Groß. „Eigentlich bist du ja wütend, aggressiv, aber probieren wir mal, wie’s aussieht“, sagt sie. Das Paar versteht sich ohne viel Worte, „wir streiten aber schon manchmal auch, sind uns aber meistens einig – und im Zweifel hat sie das letzte Wort, das muss ich aushalten“, sagt Quast.
Man spürt das große Vertrauen, die Gewissheit, dass hier niemand sein Ego durchsetzen will. Die Probenatmosphäre ist bei aller Konzentration entspannt, es wird viel gelacht. Groß springt ab und zu auf die Bühne, spielt die Laufwege vor, immer wieder wird gemeinsam überlegt, ob die Gesten passend sind, nicht zu groß, nicht zu klein. „Wir haben den Ehrgeiz, dass man auch in der 16. Reihe mitbekommt, was wir da machen, wir spielen immer so groß wie irgend möglich“, sagt Michael Quast und freut sich auf die Endproben im Originalkostüm: „Es ist immer ein besonderer Kick, wenn wir die Kostüme zum ersten Mal anhaben. Ich liebe das.“
„Barock am Main“, Premiere am 30. Mai, 20 Uhr, an der „Westcoast“, Stroofstraße, Frankfurt-Griesheim. „Heusenstammer Sommer“ vom 24. bis 28. Juni, Bad Hersfelder Festspiele 4. bis 19. Juli.
