Die Zukunft eines Landes entsteht nicht erst in Fabriken, Start-ups oder Ministerien. Sie beginnt dort, wo neues Wissen entsteht, geprüft, weitergegeben und mit anderem Wissen verbunden wird. Die Universität ist der zentrale Ort dafür.
Deutschland spricht viel über Wachstum, Innovation und technologische Souveränität. Doch seine Universitäten behandelt es noch immer zu oft nach den Regeln von Verwaltung, Gleichverteilung und Regionalpolitik. Das passt nicht zu einer Welt, in der die besten Hochschulen global um Talente, Ideen und Ressourcen konkurrieren. Sie tun das nicht um ihrer selbst willen, sondern in geradezu existenzieller Notwendigkeit in Zeiten wachsender technologischer, kultureller, politischer, medizinischer, geostrategischer, ökologischer, ökonomischer und sozialer Herausforderungen.
Deutschland braucht deshalb zweierlei: eine starke Hochschullandschaft in der Breite und einige wenige Universitäten, die international an der Spitze bestehen können. Breite und Spitze sind gleichermaßen notwendig. Aber sie folgen nicht derselben Logik. Wer Spitzenleistungen erwartet, muss Spitzenbedingungen schaffen: verlässliche Finanzierung, größere Autonomie, bessere Betreuungsverhältnisse, schnellere Entscheidungen und weniger Regulierung.

„Universitas semper reformanda!“ muss deshalb ein ebenso politisches wie wissenschaftliches Programm sein. Universitäten sind keine Kostenstellen unter vielen. Sie sind Teil jener Infrastruktur, aus der neues Wissen, wirtschaftliche Dynamik und gesellschaftliche Handlungsfähigkeit entstehen. Aber damit das funktioniert, müssen auch die Universitäten sich ändern. Dazu gehört die Einsicht, dass Wissen entscheidet, aber Wissen allein nicht genügt.
Es geht darum, Wissen zur Wirkung zu bringen. Gerade in Umbruchzeiten entsteht Wachstum nicht mehr dadurch, dass das Bestehende bloß innerhalb der bisherigen Logiken optimiert und Wissen nur als Besitzstand verwaltet wird. Es entsteht dort, wo neues Wissen zu neuen Produkten, Verfahren, Unternehmen und gesellschaftlichen Lösungen führt.

Der unbequeme Befund ist: Wissenschaftlich ist Europa inzwischen mit den USA zwar auf Augenhöhe. Doch aus dieser wissenschaftlichen Stärke entsteht zu selten technologische Führerschaft. In entscheidenden Zukunftstechnologien fällt Europa gegenüber den USA zurück, was im Übrigen auch eine geopolitische Bedeutung im Hinblick auf die Autonomie und Handlungsfähigkeit Europas hat. Wissensproduktion allein erzeugt weder Wohlstand noch soziale Innovationen, weder neue gesellschaftliche Arrangements noch klügere Debatten. Es braucht vielmehr geeignete Strukturen, damit aus Erkenntnis Wirkung wird. Welche Verantwortung die Universitäten dabei selbst tragen, ist zunächst eine Frage ihres eigenen Anspruchs und Selbstverständnisses – und damit für die Universitäten eine der zentralen Fragen unserer Zeit.
Was Universitäten können — und was sie nicht gut genug können
Es gibt kaum einen anderen Ort, an dem so unterschiedliches Wissen, so unterschiedliche Perspektiven und so vielfältige Wissenskulturen aufeinandertreffen wie an Universitäten: wo eine Entdeckung in der Physik auf eine mathematische Methode trifft, eine medizinische Frage auf Informatik, ein technologischer Umbruch auf Recht, Ökonomie, Geschichte und Ethik, wo ökonomische Schieflagen auf ihre psychologischen und sozialen Implikationen und Konflikte auf ihre historischen und kulturellen Bedingungen hin befragt werden. In dieser komplementären Vielfalt schaffen Universitäten die besten Voraussetzungen für Innovation in einer Welt, deren Herausforderungen sich nicht an Fakultätsgrenzen halten.

Anders als reine Forschungseinrichtungen bilden Universitäten idealerweise nicht nur junge Menschen aus, sondern erschaffen ein Ökosystem, in dem jede Generation von Lernenden mit weit mehr als ihrem eigenen Fach konfrontiert wird. Das die Chancen, die Herausforderungen, die inneren Konflikte und nicht zuletzt die Stimmung der jeweiligen gesellschaftlichen Situation abbildet, jeweils gebrochen durch unterschiedliche fachliche Perspektiven, aber unter einem Dach – universitas litterarum et scientiae eben. Universitäten sind auch Orte des für innovatives Denken so wichtigen internationalen Austausches, weil sie Studierende, Forschende, Lehrende aus unterschiedlichen Ländern und kulturellen Hintergründen zusammenbringen. Keine anderen Institutionen in der Welt leisten all das in dieser Größenordnung oder mit dieser Qualität.
Bisweilen geht die Auseinandersetzung der Universität mit gesellschaftlichem Wandel sogar an die Grundfesten der Universität selbst. Die derzeit vermutlich bedeutendste technologische Herausforderung, die KI-Revolution, ist nicht nur Gegenstand von Forschung und Lehre, sondern eine Herausforderung für das Kerngebiet dessen, wofür Universitäten stehen: der radikale Strukturwandel von Wissen durch generative Textproduktion und agentische Prozesssteuerung. KI ist für Universitäten nicht nur ein Entwicklungs- und Transferthema, sie verändert ihren Kern, nämlich den Status und die Zurechenbarkeit des Wissens und sogar die Bedingungen, wie wir in Zukunft das Denken lernen – und das in einer Entwicklungsdynamik von weltweiten Ausmaßen mit starken kulturellen, gesellschaftlichen und ökonomischen Folgen.

Wissenstransfer ist deshalb heute anspruchsvoller als je zuvor. Es geht längst nicht mehr nur darum, vorhandenes Wissen in Produkte oder Verfahren zu überführen. Neue Wertschöpfung entsteht zunehmend bereits dort, wo Wissen erzeugt wird – und häufig gerade an den Schnittstellen verschiedener Disziplinen. Eine neue Technologie allein schafft noch keine Innovation. Sie muss sich in Geschäftsmodelle übersetzen lassen, regulatorisch tragfähig sein, gesellschaftliche Akzeptanz finden und in Organisationen und Institutionen funktionieren. Künstliche Intelligenz, neue medizinische Therapien oder biotechnologische Verfahren machen deutlich, dass technologische, ökonomische, rechtliche, medizinische und gesellschaftliche Fragen kaum noch voneinander zu trennen sind.
Darin liegt eine bislang zu wenig genutzte Stärke der Volluniversitäten. Sie vereinen jene fachliche Breite und wissenschaftliche Tiefe, die für solche komplexen Innovationsprozesse gebraucht werden. Doch Vielfalt allein erzeugt noch keine Innovation. An vielen Universitäten bleiben Fächergrenzen zugleich Karrieregrenzen: Wissenschaftliche Anerkennung entsteht weiterhin vor allem innerhalb hoch spezialisierter Disziplinen, während Zusammenarbeit über diese Grenzen hinweg oft organisatorisch mühsam ist und akademisch wenig belohnt wird. Wer das Innovationspotential der Volluniversitäten heben will, muss deshalb bessere Strukturen schaffen, die interdisziplinäre Zusammenarbeit weiter erleichtern, gleichzeitig unternehmerisches Denken vermitteln und Transfer als eigenständige wissenschaftliche Leistung wirklich anerkennen. Hier haben Technische Universitäten vielerorts einen Vorsprung, von dem Volluniversitäten lernen können.
Dass wir die Bedeutung der Universitäten hier auch über ihren Beitrag zur Wertschöpfung begründen, bedeutet dabei keineswegs, ihren Zweck auf kurzfristige ökonomische Verwertbarkeit zu reduzieren. Forschung und Lehre dienen der Erkenntnis, der Bildung und der Fähigkeit einer Gesellschaft, sich selbst zu verstehen – und man sollte nicht unterschätzen, dass all dies mittelfristig dazu beiträgt, soziale und kulturelle Bedingungen zu ermöglichen, in denen ökonomische Wertschöpfung und neue gesellschaftliche Arrangements im Hinblick auf Produktivität, Arbeit, Lebenszufriedenheit, Leistungsbereitschaft und sozialen Ausgleich zusammengedacht werden können.
Universitäten sind nicht primär dafür da, kurzfristig Verwertbares zu produzieren. Das würde genau jene Grundlagenforschung und jene Formen der Erkenntnis gefährden, aus denen die wirklich transformativen Innovationen entstehen.
Die gegenwärtigen Umbrüche zeigen, dass sich Erkenntnis und Anwendung immer weniger scharf voneinander unterscheiden lassen. Die KI-Revolution ist dafür das sichtbarste Beispiel: Ihre wirtschaftliche Wirkung hängt ebenso von Informatik und Mathematik ab wie von Recht, Medizin, Ökonomie, Psychologie, Sozial- und Geisteswissenschaften. Selbst die großen Sprachmodelle, die als technologische Speerspitze der KI gelten, sind das Ergebnis jahrzehntelanger Forschung in verschiedenen Fächern und zu unterschiedlichen Themen: in Mathematik und Informatik, im maschinellen Lernen und in der Künstlichen Intelligenz ebenso wie in der statistischen Sprachverarbeitung und Computerlinguistik. Ihre Entstehung zeigt damit beispielhaft, warum wissenschaftliche Durchbrüche oft dort entstehen, wo Disziplinen aufeinandertreffen.
Die besondere Chance der Volluniversität liegt deshalb nicht darin, eine Technische Universität zu imitieren. Sie liegt darin, ihre wissenschaftliche Breite produktiv zu machen – indem sie unterschiedliche Wissensformen dort zusammenführt, wo aus Erkenntnis Innovation und aus Innovation gesellschaftliche und wirtschaftliche Wertschöpfung entstehen können. Volluniversitäten sind nicht deshalb wichtig, weil sie von allem etwas haben. Sie sind wichtig, weil die großen Transformationen unserer Zeit selbst nicht disziplinär sind.
Innovation setzt auch die Fähigkeit einer Gesellschaft voraus, tiefgreifenden Wandel zu bewältigen. Die politischen Erfolge populistischer Kräfte in vielen Demokratien zeigen, wie schwierig das sein kann. Menschen reagieren auf Umbrüche nicht nur mit Neugier und Hoffnung, sondern auch mit der Sorge vor dem Verlust von Sicherheit, Status und Kontrolle. Demokratisch gewählte Politiker müssen Veränderungen deshalb erklären, legitimieren und Mehrheiten dafür gewinnen; autoritäre Systeme können sie eher verordnen.
Deshalb gehören Psychologie, Soziologie, Politikwissenschaft, Philologien, Geschichte, Recht und Ethik ebenso zur Innovationsfähigkeit eines Landes wie Natur-, Lebens- und Technikwissenschaften. Wer Transformation ermöglichen will, muss nicht nur wissen, was technisch möglich ist, sondern auch verstehen, wie Gesellschaften Veränderung wahrnehmen, aushandeln und tragen.
Die zentrale Forderung: Differenzierung an der Spitze
Die deutsche Universitätslandschaft ist nach innen orientiert. Ihr Referenzrahmen ist sie selbst — traditionell wettbewerbsarm und aufgrund der Länderhoheit zu großen Teilen Regionalpolitik. Der Referenzrahmen für Spitzenforschung ist aber der weltweite Wettbewerb um Köpfe, Ideen und Ressourcen.
Deutschland braucht beides: eine breite, leistungsfähige Hochschullandschaft, die Bildungschancen eröffnet und Millionen Menschen qualifiziert – und einige wenige Universitäten, die in Forschung und Innovation mit Stanford, Oxford, der ETH Zürich oder den führenden Universitäten Asiens konkurrieren können. Beides ist notwendig, folgt aber nicht derselben Förderlogik. Breite verlangt Zugänglichkeit und regionale Präsenz; internationale Spitze verlangt Konzentration, kritische Masse, langfristig verlässliche Ressourcen und hochattraktive Standorte.
Diese beiden Logiken vermischt die deutsche Wissenschaftspolitik zu häufig. Wer Spitzenförderung nach dem Prinzip möglichst gleichmäßiger Verteilung organisiert, schafft Gleichmäßigkeit – aber keine Weltspitze.
Wissenschaftliche Exzellenz erzeugt wirtschaftliche Anziehungskraft. Rund um führende Forschungsuniversitäten konzentrieren sich Talente, Risikokapital und unternehmerische Netzwerke; aus dieser kritischen Masse entstehen neue Technologien und Unternehmen. Die großen Innovationsökosysteme von Stanford und Boston über Oxford und Cambridge bis Zürich zeigen, wie stark sich wissenschaftliche und wirtschaftliche Exzellenz gegenseitig verstärken. Deutschland kann es sich deshalb nicht leisten, seine wenigen international konkurrenzfähigen Spitzenstandorte finanziell so auszustatten, als müssten sie lediglich im nationalen Hochschulsystem bestehen. Ihr Wettbewerbsmaßstab ist global.
Die deutsche Exzellenzinitiative seit 2005 hätte den Gedanken der Differenzierung etablieren sollen — ist aber vor den erforderlichen Konsequenzen zurückgeschreckt. Ihre Logik besteht darin, bestehenden Institutionen Exzellenzbereiche hinzuzufügen, statt Institutionen als Ganze zu verändern. Exzellenz als Add-on. Hinzu kommt der stille Konsens, dass am Ende jede Region etwas bekommen soll. In einem föderalen System ist dieser Anspruch politisch nur zu verständlich, und Regionalförderung hat durchaus ihre Berechtigung. Aber im Hinblick auf die Frage nach internationaler Wettbewerbsfähigkeit liegen hier Zielkonflikte vor. Unterschiedliche legitime Ziele muss man mit unterschiedlichen Mitteln bedienen – sonst droht Gefahr, keinem der Ziele wirklich gerecht werden zu können.
Dass die bisherige Exzellenzförderung überwiegend projektförmig und zeitlich befristet bleibt, hat auch föderale und finanzverfassungsrechtliche Gründe. Artikel 91b des Grundgesetzes erlaubt Bund und Ländern zwar ausdrücklich, Hochschulen in Fällen überregionaler Bedeutung gemeinsam zu fördern. Wer aber institutionelle Spitzenbedingungen will, muss die vorhandenen Spielräume konsequenter nutzen – und zugleich darüber diskutieren, ob sie für einen dauerhaften internationalen Spitzenwettbewerb ausreichen.
Was das Geld angeht
Ökonomisch sind Ausgaben für Bildung und Forschung Zukunftsinvestitionen, auch wenn sie haushalterisch vielfach als konsumtive Ausgaben erscheinen. Aber mit höheren Budgets allein lassen sich manche grundlegenden Probleme nicht lösen. Ein ineffizientes System wird durch zusätzliche Milliarden nur zu einem teureren ineffizienten System. Es geht nicht allein um mehr Mittel, sondern um ihren Einsatz. Es geht um ein besseres Konzept.
Ein zentrales Element zur Verbesserung eines überregulierten Systems ist Autonomie: die Fähigkeit, Strukturen und Prozesse, Selbstverständlichkeiten und Bewährtes grundlegend infrage zu stellen, abzuschaffen und neu zu gestalten – experimentell, risikoaffin und verantwortungsvoll. Zur Forderung nach Autonomie gehört aber zwingend ihr Gegenstück: mehr Wettbewerb und echte Rechenschaft. Autonomie ohne Rechenschaft wäre Besitzstandswahrung. Rechenschaft ohne Autonomie ist bloße Verwaltung. Universitäten, die mehr Freiheit verlangen, müssen schneller entscheiden, mutiger berufen, offener kooperieren und sich an ihren Ergebnissen messen lassen.
Woher zusätzliche Mittel freilich kommen sollen, ist damit noch nicht beantwortet. Aber eines muss klar sein: An Forschung und Lehre zu sparen, um kurzfristig Haushalte zu entlasten, ist ökonomisch kurzsichtig. Deutschland wird seinen Wohlstand künftig noch stärker aus Wissen, Innovation und neuen Technologien erwirtschaften müssen. Es kann nicht beklagen, dass ihm neue Wachstumsfelder fehlen, und zugleich an den Institutionen sparen, aus denen sie entstehen sollen. Wer ausgerechnet dort kürzt, wo neues Wissen entsteht und in Innovation übersetzt wird, spart an der Grundlage künftiger Wertschöpfung.
Deshalb gehört zur Debatte über die Zukunft der Universitäten zwingend auch eine Debatte über ihre Finanzierung. Dazu können eine andere Prioritätensetzung in den öffentlichen Haushalten ebenso gehören wie nachgelagerte Beiträge derjenigen, die von einer akademischen Ausbildung besonders profitieren – vorausgesetzt, solche Modelle halten niemanden vom Studium ab. Wir plädieren hier nicht für ein bestimmtes Finanzierungsmodell. Aber wer mehr Leistung von den Universitäten erwartet, muss auch beantworten, wie diese Leistung dauerhaft finanziert werden soll.
Was zusammenwachsen muss
Die außeruniversitären Forschungseinrichtungen sind eine Stärke des deutschen Systems. Stärke impliziert aber nicht Unantastbarkeit. Nicht nur Universitäten müssen offen für Reformen sein, sondern das gesamte Wissenschaftssystem. Historisch entstandene Zuständigkeiten und parallele Infrastrukturen müssen sich daran messen lassen, ob sie Erkenntnis, Kooperation und internationale Wettbewerbsfähigkeit heute noch bestmöglich fördern. Die Frage darf nicht lauten: Welche Organisation erhält wie viel? Sie muss lauten: Welche Konstellation bringt für eine bestimmte Aufgabe die besten Köpfe und die richtige Kombination von Fächern und Kompetenzen sowie Infrastruktur so zusammen, dass international sichtbare Wertschöpfung entsteht?
Der Weg dorthin führt sicher nicht über Revierkämpfe, sondern nur über gemeinsame Visionen, gemeinsame Berufungen, gemeinsam betriebene Großgeräte, offene Daten- und Technologieplattformen, Zusammenarbeit über Fächergrenzen hinweg und eine Finanzierung, die Spitzenpositionen im internationalen Wettbewerb belohnt. Ein Teil der deutschen Spitzenforschung wird institutionell außerhalb der Universitäten erbracht und deshalb in Hochschulrankings nicht vollständig den Universitäten zugerechnet. Das erklärt mit, warum internationale Wettbewerber in diesen zwar unvollkommenen, aber wirkungsmächtigen Rankings häufig vor deutschen Universitäten liegen, ohne wissenschaftlich zwingend stärker zu sein.
Dass eine stärkere Verzahnung außeruniversitärer Forschungseinrichtungen mit Universitäten beiden Seiten Gewinn bringen kann, ist kein Geheimnis, aber es ist auch keine triviale Aufgabe, denn wissenschaftlich herausragende Köpfe und Strukturen gibt es auf beiden Seiten. Hier gilt es, Synergiezuwachs über kluge Angebote zu katalysieren, ohne funktionierende Spitzenstandorte zu beschädigen oder kreative Freiheit einzuschränken.
Was nicht geopfert werden darf
Sparzwänge sind Priorisierungszwänge. Also schlagen wir vor, was aus unserer Sicht nicht zur Disposition stehen darf:
Die Internationalität. Forschung ist international, oder sie verliert an Qualität. Wie sich jedes Jahr auf der Wissenschaftsmesse GAIN erleben lässt, katalysieren DAAD und Humboldt-Stiftung mit überschaubaren Mitteln Bindungen und Karrierewege, die über Jahrzehnte tragen. Wer sie kürzt, sollte belastbar zeigen können, dass dasselbe Geld anderswo mehr bewirkt. Hinzu kommt eine Gelegenheit, die sich womöglich bald wieder schließt: Die USA verspielen gerade einen großen Teil ihrer Anziehungskraft auf internationale Talente. Europa reagiert darauf zu zögerlich. Wer jetzt nicht aktiv, offen und unbürokratisch um diese Menschen wirbt, die eine neue wissenschaftliche Heimat suchen, wird sich in zehn Jahren fragen, warum das ausgeblieben ist.
Der herkunftsneutrale Zugang. BAföG und Spitzenforschung sind keine Alternativen; sie erfüllen verschiedene Aufgaben. Ein Land, das Talente wegen ihrer sozialen Herkunft verliert, handelt so kurzsichtig wie eines, das seine besten Einrichtungen aus falsch verstandener Gleichheit schwächt. Studienförderung muss einfacher, verlässlicher und zielgenauer werden. Sie darf nicht zugunsten geringer Einsparpotentiale beschnitten und muss zugleich unbürokratischer werden. Das BAföG und Stipendienprogramme hatten in Zeiten der volkswirtschaftlich und gesellschaftlich so wichtigen Bildungsexpansion früherer Jahrzehnte eine wichtige Funktion – für das Hochschulsystem im Ganzen, aber auch für Milieus, die ohne diese Unterstützung nie auf die Idee gekommen wären, akademische Wege zu gehen. Statt dies als bloße staatliche Wohltaten abzutun, wäre es an neue Herausforderungen anzupassen. Chancengerechtigkeit beginnt im Übrigen lange vor der Universität, nämlich schon in der frühkindlichen Bildung. Das ist ein eigenes Thema, aber es gehört genannt.
Die Breite. Wer die Spitze stärkt, muss damit die Breite nicht schwächen. Er muss nur aufhören, so zu tun, als sei beides dasselbe. Damit wird auch die Breite von Zielen entlastet, die sie aufgrund ihrer Rahmenbedingungen gar nicht erreichen kann. Es braucht einen Paradigmenwechsel von einer hierarchieorientierten Denkart zu einer Idee funktionaler Differenzierung von Wissenschaftsinstitutionen.
Wofür wir plädieren, ist ein wissenschaftspolitisches Projekt, das ein ökonomisches Standortkonzept sein muss, eine kulturelle Strategie zur Beförderung von Innovation, Risikobereitschaft und Selbstverantwortung, eine soziale Strategie, die Teilhabe unabhängig von Herkunft ermöglicht, eine wissenschaftliche Strategie zur Entfesselung neuer Fragen und Antworten in allen Disziplinen. Deshalb muss der Vorrang des Regionalproporzes ebenso auf den Prüfstand wie Parallelstrukturen und halbherzige Förderprogramme. Die erste Regel einer neuen Wissenschaftspolitik muss deshalb lauten: Nicht alles, was besteht, muss bleiben. Aber das, woraus Neues entstehen kann, darf nicht beschädigt werden.
Was konkret zu tun ist
Erstens ein Wettbewerb um internationale Spitze, mit wenigen echten Gewinnern – und Verlierern. Nicht Exzellenzcluster als Zusatz, sondern Förderung, die Institutionen als Ganze verändert — über mindestens zehn Jahre, mit erheblichem Volumen und ohne regionalen Ausgleichsvorbehalt. Zwei Formate sind denkbar: ein institutioneller Wettbewerb mit wenigen Gewinnern oder ein fächergruppenspezifischer, bei dem Fakultäten und Cluster über Standorte hinweg gefördert werden — auch gemeinsam mit außeruniversitären Einrichtungen. Das erste Format würde helfen, extraordinäre Spitzenorganisationen zu schaffen, welche die Interdisziplinarität auf eine neue Stufe heben könnten. Das zweite Format ist politisch weniger polarisierend und wissenschaftlich-disziplinär womöglich zielgenauer. Wir halten beide für aussichtsreiche Wege.
Aufgrund der wirtschaftlichen Lage muss ein solcher Wettbewerb allerdings auch Konsequenzen haben. Wer ernsthaft priorisieren will, kann nicht sämtliche bestehenden Strukturen dauerhaft finanzieren. Nach einer transparenten, international besetzten Evaluation müssen deshalb auch die am wenigsten leistungsfähigen Einrichtungen und Strukturen zur Disposition stehen: Sie müssen geschlossen, zusammengeführt oder grundlegend neu ausgerichtet werden können. Dadurch frei werdende Mittel dürfen wiederum nicht im allgemeinen Haushalt verschwinden, sondern müssen gezielt dort eingesetzt werden, wo international konkurrenzfähige Wissenschaft bereits stattfindet oder überzeugend entstehen kann. Priorisierung, die niemals etwas beendet, ist keine Priorisierung.
Zweitens institutionelles Vertrauen. In echten, harten, internationalen Begutachtungen nach klaren Kriterien erfolgreich evaluierte Hochschulen werden für mehrere Jahre von einem erheblichen Teil kleinteiliger Berichts-, Genehmigungs- und Nachweispflichten befreit. Kontrolle wird nicht abgeschafft, sondern gebündelt und professionalisiert.
Drittens ein Moratorium für neue Transferstrukturen. Das gesamte deutsche Transfersystem muss evaluiert werden. Neue Mittel fließen in Proof-of-Concept-Finanzierung, professionelle Gründungsunterstützung, Wachstumskapital und schnellere regulatorische Verfahren. Zugleich verpflichten sich die Universitäten ihrerseits: Gründungs- und Transferausbildung gehören als Angebot ins Curriculum, nicht in Sonderprogramme oder private Netzwerke.
Viertens Wissenschaftspolitik nach Funktionen statt nach Institutionen. Universitäten, außeruniversitäre Forschung, Hochschulen für angewandte Wissenschaften und Unternehmen haben unterschiedliche Aufgaben und Stärken. Die Komplementarität dieser Unterschiede bietet enorme Synergiepotentiale, Gleichmacherei würde sie zerstören. Nicht jede Einrichtung muss alles tun. Aber für große strategische Aufgaben müssen sie leichter zusammenarbeiten können. Das ist kein Abwertungsprogramm für irgendeine Einrichtungsart, sondern die Voraussetzung dafür, dass jede das tun kann, was sie am besten kann, und auch dafür, innerhalb dieser unterschiedlichen Typen angemessen differenzieren zu können.
Fünftens eine gemeinsame Innovationsstrategie von Wirtschafts- und Forschungspolitik.Wir sind uns der Besonderheiten des deutschen föderalen Systems, der Kultur- und Bildungshoheit der Länder sowie der begrenzten Handlungsmöglichkeiten für den Bund bewusst. Gerade deshalb muss das Verhältnis von Bundes- und Landeskompetenzen dort neu gedacht werden, wo es Kooperation, Konzentration oder Geschwindigkeit behindert. Zuständigkeiten sind kein Selbstzweck. Die institutionelle Architektur muss der Aufgabe folgen – nicht die Aufgabe der institutionellen Architektur.
Semper reformanda
„Universitas semper reformanda!“ ist aus unserer Sicht ein politisches Programm, das die Potentiale der Universitäten und der deutschen Forschungslandschaft insgesamt besser nutzen will. Die Universität ist der Ort, an dem eine Gesellschaft erforscht und lernt, was sie noch nicht weiß. Sie ist der Ort, an dem aus Wissenschaftsfreiheit echte Erkenntnis wird. Und sie sollte künftig noch mehr zu einem Ort werden, an dem Erkenntnis gesellschaftlich wirksam wird. Das Verhältnis von Erkenntnis und gesellschaftlicher Wirksamkeit neu zu denken und an den Herausforderungen unserer Zeit auszurichten, ist zunächst eine Aufgabe der Universitäten selbst. Aber dafür brauchen sie mutige Partner im Bund und in den Ländern. Und eine politische Risikobereitschaft, die in Zeiten wachsender Knappheit tatsächlich Prioritäten setzt, Nachrangiges nachrangig behandelt und das Notwendige schützt und stärkt.
Das ist ein politisch anspruchsvoller Weg. Aber wer der Priorisierung ausweicht, riskiert eine Abwärtsspirale, aus der herauszukommen ungleich schwieriger sein dürfte.
