Musik- und Konzertfilme fluten das Kino. Charli xcx hat sich und das Popsystem in der Mockumentary „The Moment“ satirisch gespiegelt, James Cameron Billy Eilish auf Konzerttour begleitet, und der Linkin-Park-Film kommt bald. Natürlich sind diese Filme, manche mehr als andere, immer auch ein Marketingstunt.
Das gilt sicher auch für Steven Knights (Drehbuch), Will Lovelaces und Dylan Southerns Musikdoku „Oasis: Don’t Look Back In Anger“ über die Reunion-Tour der Brüder Liam und Noel Gallagher, die gerade auf dem Filmfest in Venedig Premiere gefeiert hat und von Donnerstag an für nur fünf Tage im Kino läuft, bevor sie auf Disney+ streambar ist. Eine seltsame Auswertung für einen Film, der ganz klar für die große Leinwand gemacht ist.
15 Jahre kein einziges Wort
In den Neunzigern galten Oasis als eine der größten Rockbands der Welt mit ihrer proletarisch-rotzigen Art und ihrem eigenen, an die Beatles angelehnten, aber deutlich härteren Sound. Die Entzweiung nach teils öffentlich ausgetragenen Streitereien war ein Erdbeben im Popmusik-Zirkus, 15 Jahre sollen die Brüder kein Wort miteinander gewechselt haben. Da erscheinen das Rockpathos und mythenbildende, ja, sakrale Geplänkel im Film schon fast folgerichtig. Ebenso die Predigt, die ein Pfarrer den wiedervereinten Brüdern widmet. Habemus Papam!
Der Film beginnt bei einem Konzert in Paris, bei dem ein Ansager dem ungeduldigen Publikum erklärt, dass der Auftritt nicht stattfinden könne und Oasis sich getrennt hätten. Historisches Material wird immer wieder reinmontiert, doch es ist eine gute Entscheidung, dass der Film nicht den medialen Streit kleinteilig rekonstruiert, sondern überwiegend in der Gegenwart bleibt.
Vor der ersten Probe an zur Reunion-Tour ist die Anspannung von Noel und der Band mit Händen zu greifen. Wird Liam kommen? Er kommt, und genau dann ist der Film am besten: wenn er die Brüder zu Wort und Musik kommen lässt und sich der Prozess der Wiederannäherung in die Bilder schreibt. Gibt es zu Beginn kaum Interaktionen zwischen ihnen, so kommen sie sich nach und nach näher, bis sie erzählen, dass ihre Kinder nun beste Freunde seien.
Narrativ hangelt sich der Film an verschiedenen Tour-Auftritten in Cardiff, Manchester, Südkorea oder Brasilien entlang. Da krachen Songs in Liveversionen von der Leinwand, dass die Kinosessel vibrieren – in Venedig war „Don’t Look Back In Anger“ der lauteste Film. Natürlich ist der Titelsong darunter und wird mit den Erinnerungen einer Überlebenden des Terroranschlags auf das Ariana-Grande-Konzert in Manchester 2017 kontextualisiert, wo Trauernde ihn bei einer Gedenkfeier singen. Auch andere Fans werden porträtiert, etwa eine Brasilianerin, die ihren Hund nach dem zweiten Gitarristen Paul „Bonehead“ Arthurs benannt hat.
Diese erzählerischen Umwege sind teils redundant, zumal in dem hagiographischen Duktus. Zugleich passen sie in das Bild, das der Film zeichnet: Es geht um vorurteilsfreie, weltumspannende Gemeinschaft, um Happenings, wie sie Oasis nun auch jüngeren Generationen mit ihrer Musik und mit ihren Konzerten schenken. „Oasis: Don’t Look Back In Anger“ hat starke Momente, in denen es gelingt, die Emotionen der teils vor Glück weinenden Fans ins Kino zu übertragen. Und diese Geschichte einer Versöhnung passt natürlich perfekt in unsere kriegerischen Zeiten.
