Im Oktober 2023 saß Julian Nagelsmann vor seinem ersten Spiel als Bundestrainer im Presseraum des Rentschler Field in East Hartford. Es war eng, es war stickig, aber trotzdem verströmte dieser Moment etwas von Leichtigkeit und Aufbruch. Es war nicht nur der Neuanfang unter einem neuen, frischen Bundestrainer, es lag auch an dem Mann, der neben ihm auf dem Podium saß.
Mit Jamal Musiala verbanden sich schon länger große, ja größte Hoffnungen für den deutschen Fußball. Nun aber sollte die Zeit für etwas wirklich Großes im Nationalteam gekommen sein. Auch weil Florian Wirtz nach einer schweren Verletzung bereit schien für eine magische Verbindung.
Die Brüder im Freigeiste
Musiala schwärmte vom Zusammenspiel mit Wirtz, der für ihn fußballerisch eine Art Bruder im Freigeiste ist, Nagelsmann wiederum sagte über Musiala, er solle sich von den Hoffnungen auf ihn, auf diese Verbindung nicht erdrücken lassen: „Er soll sich nicht verkopfen, sondern der Straßenkicker bleiben, der er ist.“
Am nächsten Tag sah das Spiel gegen die USA zwar nicht ganz so leicht aus wie vielleicht erhofft, Musiala genoss dennoch viele Freiheiten und nutzte sie zu einem Tor zum Endstand von 3:1.
Vor einer Woche saß Julian Nagelsmann vor dem letzten Testspiel vor der Abreise Richtung Chicago im großzügigen Presseraum im Trainingscamp in Herzogenaurach. Mit ihm saß Jamal Musiala auf dem Podium, und auch von diesem Moment sollte etwas ausgehen. Ein Zeichen des Neuanfangs, der Befreiung von einer Last.
„Ich freue mich richtig“, sagte Musiala gleich zu Beginn, er sei „gefühlt sehr lange nicht dabei“ gewesen, weshalb er die spielerische Freude vom Trainingsplatz ein bisschen mit in die Pressekonferenz gebracht zu haben schien. „Ich habe richtig Spaß hier“, sagte er. Und dass er es schon „vermisst“ habe, mit Florian Wirtz zu zocken.
Es war leicht, und wahrscheinlich ein bisschen zu leicht, das als kostbaren Moment der Befreiung zu interpretieren, wenngleich Musiala selbst in diesem Augenblick dazu beigetragen hatte: mit einem Jubel, der größer war als die Bedeutung des Treffers.

Wenn man es sich nicht so leicht machen wollte, konnte man aber auch in diesem Spiel Indizien für eine andere Lesart finden. Dass der Musiala aus dem Sommer 2026 zwar manchmal an den von früher erinnert, aber längst noch nicht derselbe ist wie der aus dem Herbst 2023 und auch nicht wie der aus dem Sommer 2025, bis das passierte, weshalb er so lange nicht dabei war. Als die Bayern in Atlanta nicht nur das Viertelfinale der Klub-WM verloren, sondern für ziemlich lange einen ihrer besten Spieler: Wadenbeinbruch und Sprunggelenkluxation.
Die 14 Monate, die es beim Nationalteam wurden, sind nicht nur gefühlt eine lange Zeit, das ist mehr als eine ganze Saison, die ihm mit der Mannschaft fehlt und die – mehr noch – er dem Nationalteam fehlte. Der eigentliche Punkt, um den sich alles dreht, ist aber ein anderer: wie viel dem aktuellen Musiala zum alten fehlt.
Das Musiala-Delta – es könnte auch das deutsche Delta bei dieser Weltmeisterschaft werden. Das darüber entscheidet, wie weit Nagelsmanns Team kommen kann. An diesem Samstag, wenn die DFB-Elf und ihr Trainer im Soldier Field von Chicago wieder auf die USA treffen (20.30 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zu DFB-Länderspielen und bei RTL), ist die nächste Gelegenheit zur Vermessung.
Für Nagelsmann ist klar, dass es bei aller Breite in der Offensive ganz besonders auf Spieler wie Wirtz, wie Kai Havertz, wie Musiala ankommen wird. Weil nur sie Momente schaffen können, die eine ganze Mannschaft befreien.
Wie viel Prozent braucht Musiala – oder wie viele Monate?
Der Bundestrainer hat mehr als einmal betont, wie wichtig Musiala für ihn ist, und nachdem er im März noch gesagt hatte, dass die Zeit knapp würde und dass er auch in diesem Fall 100 Prozent von seinem Spieler erwarten müsse, gilt das inzwischen auch, wenn er noch nicht wieder ganz der Alte ist. „Wenn er mit 70 Prozent spielt, ist er trotzdem besser als viele andere auf der Welt, weil er ein außergewöhnlich guter Spieler ist“, sagte Nagelsmann. Das Ziel sei, beim ersten WM-Spiel bei 100 Prozent zu sein. „Wenn er vorher bei 98 ist, bin ich auch zufrieden.“
100, 98, 70: Die Frage ist, ob das, was Musiala fehlt, überhaupt sinnvoll in Prozent zu messen ist. Oder auch in Monaten. Unter Fußballspielern gilt die Faustregel, dass man bei einer schweren Verletzung ungefähr so lange braucht, wie man ausgefallen ist, um zurück zu alter Form zu kommen. Bei Musiala waren es fünf Monate, bis er wieder trainierte, sechs, bis er im Januar gegen Leipzig auf den Platz zurückkehrte.
Das zeigt vor allem: wie knapp alles ist. „Es war einfach eine sehr schwere Verletzung, es hat lange gedauert, mit ein paar Problemchen hinterher“, sagte Nagelsmann. Wichtig sei, dass er weiter „wie ein Straßenkicker spielt und intuitiv viele Dinge macht“, dass er „nicht darüber nachdenkt, dass er eine schwere Verletzung hatte“.
Wenn man Musiala zuletzt spielen sah, ob im Trikot der Bayern, in den Champions-League-Duellen mit Madrid und PSG oder im Pokalfinale oder auch bei der Nationalmannschaft, auch bei dem einen Training in Herzogenaurach, das offen für die Medien war, dann konnte man auch ein anderes Gefühl bekommen: dass es gar nicht am Nachdenken liegt, es nicht die Gedanken an die Verletzung sind, die ihn blockieren. Es ist ja nicht so, dass Musiala den engen Situationen aus dem Weg ginge, er ist auch gut in das Spiel seiner Mannschaften integriert.
Eine ganz besondere Kopf-Körper-Verbindung
Aber immer dann, wenn man denkt, jetzt könnte ein Musiala-Moment gekommen sein, fehlt etwas: ein bisschen Koordination, ein bisschen Kontrolle, vor allem aber, so wirkt es, die Intuition, schon von ganz allein das Richtige zu tun. Als wäre mit dem Knochen und dem Knöchel noch etwas anderes kaputtgegangen: eine ganz besondere Kopf-Körper-Verbindung, die vorher wie selbstverständlich funktionierte, nun aber nicht so einfach wiederherzustellen ist.
Mit Musiala ist es deshalb womöglich anders als mit anderen Spielern, die nicht bei hundert Prozent waren, als sie in ein Turnier gegangen sind, die Schweinsteigers, Khediras, auch Neuers. Er hat keine Möglichkeit, das, was fehlt, mit harter Arbeit zu reparieren oder mit einem noch muskulöseren Spiel. Er kann nur weitermachen und hoffen, dass mit jedem Spiel, mit jedem Kontakt die alte Verbindung wieder ein bisschen besser funktioniert.
Wie lange es aber wirklich dauert, ob das ein linearer Prozess ist, das kann weder er selbst noch der Bundestrainer mit Gewissheit sagen. Im Moment scheint es dann zu funktionieren, wenn die Räume so weit sind wie im Mediensaal in Herzogenaurach. Aber noch nicht, wenn die besseren Gegner dafür sorgen, dass es enger zugeht als im Presseraum des Rentschler Field.
Es könnte sich für Nagelsmann und sein Team deshalb schon als Vorteil erweisen, dass die WM so lange dauert und dass sie mit Curaçao eine vergleichsweise sanfte Eröffnung bereithält. Aber ob sie für die Deutschen lang genug geht, damit das Delta bei Musiala verschwindet, oder ob andersherum das Delta bei Musiala so schnell schrumpft, dass die WM für die Deutschen so lange dauert wie erhofft – das ist längst noch nicht gesagt.
