Was ist das Spiel des Tages?
Algerien gegen Österreich (4 Uhr, ZDF). Unser Turnierbaumonkel,
der Kollege Lenz Jacobsen, warnt schon seit Tagen vor dieser Partie.
Denn die Verhältnisse in der Gruppe J sind taktisch interessant: Platz 1
gehört sicher Argentinien, Platz 4 Jordanien. Algerien und Österreich spielen also um Platz 2 und 3. Der Gewinner der Partie wird es im Sechzehntelfinale mit Spanien zu tun bekommen. Es ist eine Partie, die beide Seiten also (wohl) lieber verlieren wollen, wenn auch nicht zu hoch. Droht also eine Neuauflage der »Schande von Gijón«?
Damals, bei der WM 1982, schlossen Österreich und Deutschland nach
einer frühen deutschen Führung, die beiden Teams zum Weiterkommen
reichte, einen fußballerischen Friedensvertrag. Sie ließen solche
anstrengenden und unnötigen Dinge wie Angriffe, Torschüsse oder das
Betreten der gegnerischen Hälfte einfach weg. Sie können das Spiel im Internet in voller Länge sehen, ich empfehle das dringend, wenn Sie in heißen Nächten nicht einschlafen können. In der kommenden heißen Nacht können Sie natürlich auch einfach nach Kansas schalten, um die Neuauflage zu sehen.
Wer wird heute wichtig?
Der
Männer-BH. Oder wie soll man dieses Kleidungsstück sonst nennen? Man
sah es in den letzten Tagen immer mal wieder neckisch aufblitzen, wenn
Spieler sich umzogen oder das Trikot wechselten: eine enganliegende
Weste, die einem Unterhemd ähnelt, aber unter der Männerbrust endet und
den Bauch freilegt. Warum aber tragen Fußballspieler einen BH? Dieser Halter stützt keine Büsten, sondern das Spiel, mit Daten. Er misst Herzfrequenz, Laufdistanz, Geschwindigkeit, Beschleunigung, Zweikampfverhalten. Es ist ein DB, ein Daten-Brassière.
Auf der Website der Fifa kann man sich in ganzen Ozeanen von Daten verlieren. Wussten
Sie zum Beispiel, dass kein Team so schnell läuft wie die Deutschen
(6,37 Stundenkilometer, fast einen Stundenkilometer schneller als die
gelassenen Argentinier)? Dazu haben sie auch die meisten Sprints und die
meisten Läufe in hohem Tempo. Die meisten Sprints absolvierte, Sie werden es nicht glauben: Leroy Sané.
Die
Webseite verrät auch, dass am heutigen Spieltag gleich vier der fünf
schlechtesten Turnieroffensiven zu sehen sein werden: Panama, Kongo,
Ghana und Usbekistan. Insofern werden wohl eher weniger DBs im Jubel entblößt.
Kennen Sie den schon?
José Fajardo. Der panamaische Stürmer
kam erst mit 24 zum Profifußball. Er stammt aus Colón, wo die
berühmteste Wasserstraße der Welt auf den Atlantik trifft, und verdiente
früher sein Geld an besagtem Panama-Kanal, um seine Familie zu unterstützen. »Das Leben ist nicht leicht«, sagte er einmal. »Man muss leiden. Ich versuche, den Leuten aus meiner Stadt ein Vorbild zu sein.« Mit dem Leiden hat er wohl recht:
Panama steht auf dem letzten Platz in Gruppe L, kein Sieg, kein Tor,
kein Punkt, und im letzten Spiel ist England (23 Uhr, MagentaTV) der
haushohe Favorit. Morgen ist die Vorrunde zu Ende und Panama – so viel ist jetzt schon klar – ausgeschieden. Heute ist die letzte Gelegenheit, sich dieses Team anzuschauen. Und Fajardo und seine Teamkollegen haben die letzte Gelegenheit, den panamaischen Fans ein Highlight zu bescheren. Vielleicht ein Tor? Vielleicht sogar einen Punkt? In jedem Fall werden sie stolz darauf sein, für 90 Minuten den Platz mit Topstars wie Harry Kane oder Jude Bellingham zu teilen.
Was machen die Deutschen?
Abwarten und (Mate-)Tee trinken. Denn der nächste Gegner steht fest: Auf die deutsche Mannschaft wartet im Sechzehntelfinale Paraguay (Montag, 22.30 Uhr, ZDF). Zeit, den Gegner zu analysieren. Paraguay spielt fußballerisch auf einem ähnlichen Level wie die Vorrunden-Gegner Cote d’Ivoire oder Ecuador. Aber das Team hat eine interessante Vergangenheit als Favoritenschreck
bei vergangenen Turnieren. 2010 schaffte es Paraguay sogar ins
Viertelfinale. Und 2002, vor einem Vierteljahrhundert, trafen
Deutschland und Paraguay schon einmal aufeinander, im Achtelfinale. Es
war ein Spiel zweier großer Torhüter.
Auf der paraguyanischen Seite José Luis Chilavert, ein glatzköpfiger Hüne, ein Freistöße und Elfmeter schießender Torwart. Er fraß in diesem Spiel deutsche Abschlüsse, als wäre er Pac-Man. Auf der anderen Seite Oliver Kahn, der an diesem Tag so aussah, als wäre sein Blutdruck noch einmal 50 Millimeter höher als sonst. Er faustete wütend Bälle weg, die er früher festgehalten hätte (»Vielleicht wollte er uns zeigen, dass er auch großartig fausten kann«,
sagte Günter Netzer danach in der Analyse). Kurz vor dem Spielende traf
Oliver Neuville zum 1:0-Sieg. Der paraguayische Trainer, Cesare
Maldini, sagte danach über die Deutschen, sie seien technisch nicht
besonders, aber lebten nun mal von einer unglaublichen Athletik. Jaja, der deutsche Fußball, bisschen unorthodox, bisschen wild, vielleicht nicht ganz so von der Taktik geprägt.
