Wunschtraum eines Fußballfans: aufs Feld rennen und dort alles zum Guten wenden, wenn er sein Team benachteiligt glaubt oder gar den Geist des Fußballs und des Fairplays mit Füßen getreten sieht. Genau das geschieht beim 4:1-Sieg Frankreichs gegen Kuwait 1982. Giresse trifft, das Tor wird gegeben, da stürmt der Präsident des kuwaitischen Verbandes, Prinz Fahed Al-Ahmad, mit einer seiner Ehefrauen wütend aufs Feld. Ein großes Tohuwabohu beginnt, die Guardia Civil greift ein, und das Unglaubliche geschieht: Der Schiedsrichter nimmt das Tor zurück.
Leider geschah das im falschen Spiel. An anderen Tagen der WM 1982 konnte man sich als Fußballromantiker im Tagtraum ertappen, bei einer freundlichen Fußball-Fee drei Wünsche freizuhaben. Dreimal das Geschehen anhalten zu können, zu resetten wie im Videospiel. Erstens beim „Nichtangriffspakt“ zwischen Deutschland und Österreich – wie gern hätte man jeden Einzelnen auf dem Platz mit einem sauberen Vollspannstoß auf den Gluteus maximus überzeugt, endlich Fußball zu spielen!
23 Fouls an Maradona
Dann im Halbfinale gegen Frankreich: Wie passend wäre es gewesen, Torwart Toni Schumacher nach seinem brutalen Foul an Patrick Battiston aus einem sonst wunderbaren Fußballspiel zu entfernen. Der niederländische Schiedsrichter Corver hätte es tun können und müssen, begriff das aber zu spät.
Und nicht zuletzt auch, Wunsch Nummer drei, Corvers rumänischem Kollegen Rainea jene Rote Karte zu zeigen, die er gegen Claudio Gentile im Spiel Italien gegen Argentinien neunzig Minuten in der Tasche ließ. Und das, nachdem er Gentile die Gelbe schon in Minute eins, nach dem ersten Foul am einundzwanzigjährigen Diego Maradona, gezeigt hatte. Bei der blieb es, trotz 22 weiterer Fouls von Maradonas Manndecker, die er pfiff, und Dutzenden anderen, die er übersah; wie den Unterarmschlag gegen die Kehle, der den Wunderknaben niederstreckte.
„Fußball ist nichts für Ballerinas“, verteidigte sich der Verteidiger, dessen Name der irreführendste der Fußballgeschichte ist. Gentile heißt: freundlich, liebenswürdig. Die Kollegen nannten ihn lieber Gaddafi. Und das nicht nur, weil er in Libyen auf die Welt kam. „Gentile, du musst alles treten, was sich bewegt“, schärften die Trainer dem Foul-Virtuosen ein, so dessen früherer Mitspieler Carlo Ancelotti: „Alles treten, auch den Ball. Wenn es der Ball ist, ist es eine Zugabe.“

Der Sieg gegen Argentinien macht Italien zum Herausforderer des Favoriten Brasilien, der bei der WM die Fußballwelt begeistert und sich selbst auch. „Für eine solche Mannschaft zu spielen“, schwärmt Anführer Sócrates, „ist wie ein Rendezvous mit der Frau, die du liebst.“ Gegen Gentile zu spielen, ist allerdings ein Rendezvous mit dem Bruder der Frau – der einen absolut nicht leiden kann.
Das Opfer ist Spielmacher Zico, an dem der Italiener zerrt, bis das Trikot reißt. Halb nackt hält Zico es dem Schiedsrichter hin. Der winkt ab. Selbst Gentile kann die Brillanz der Brasilianer nicht völlig zerstören. Doch die schlagen sich selbst. Dreimal lassen sie Paolo Rossi, den wegen eines Wettskandals gesperrten, für die WM begnadigten Torjäger, frei abschließen – zweimal nur gelingt ihnen der Ausgleich. Für Zico ist es „der Tag, an dem der Fußball starb“.
Danach fällt Italien der Finalsieg gegen matte Deutsche leicht. Die Bewachung Pierre Littbarskis unterfordert Gentile alias Gaddafi. Warum nicht zur Abwechslung mal etwas Konstruktives? So stürmt er los und gibt die Vorlage zum 1:0.
