Welch ein Glück, dass Alexander Sörloth im Alter von zwölf Jahren plötzlich zu wachsen begann. „Groß, schnell und stark“ sei er geworden, wie er selbst sagt. So „groß, schnell und stark“, dass ihm seine Trainer beim Eisschnelllaufen nahelegten, sich lieber auf sein anderes Hobby zu konzentrieren, den Fußball. Dort würden ihm Größe und Gewicht eher einen Vorteil verschaffen und keinen Nachteil wie auf dem Eis. Gut, dass Sörloth dem Ratschlag folgte; die Welt hätte sonst auf diesen imposanten Stürmer verzichten müssen. Groß, schnell und stark ist Alexander Sörloth immer noch, auch im Alter von 30 Jahren.
So sehr, dass gegnerische Verteidiger vor ihm, dem 1,96 Meter großen und 90 Kilo schweren Athleten, zittern, auch wenn sie das natürlich nicht zugeben würden. Mindestens gehörigen Respekt dürften auch die Abwehrspieler der Elfenbeinküste haben, auf die Sörloth an diesem Dienstag mit Norwegen im Sechzehntelfinale trifft (19.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, bei MagentaTV und ARD). Für sie ist seine Präsenz ein weiteres Dilemma. Schließlich müssen sie sich neben Sörloth doch auf einen zweiten Brocken konzentrieren: den gewaltigen Erling Haaland. Zwei furchteinflößende Angreifer, kaum aufzuhalten, wenn sie einmal in Bewegung sind.
Mit dem Sturmduo Haaland und Sörloth verhält es sich wie mit einem Naturphänomen. Erklären kann man es nicht. Eigentlich sind sich beide viel zu ähnlich, um gemeinsam zu funktionieren. Große, robuste Mittelstürmer, die den gleichen Platz auf dem Feld für sich beanspruchen. Eigentlich. Denn im Nationalteam gibt Haaland gern den Satelliten, der sich in der Umlaufbahn um Sörloth herum bewegt.
Sörloth bindet Gegenspieler und öffnet Räume, in die Haaland dann reinlaufen kann. „Wir verstehen uns und wissen, in welche Räume der andere geht“, sagte Sörloth einmal nach einem Länderspiel, und Haaland bestätigte beim Doppelinterview: „Wir sprechen dieselbe Sprache, verstehen uns gut und arbeiten sehr gut zusammen.“ So gut, dass Haaland schon viermal treffen konnte bei dieser WM.
An ihrer Chemie hat sich über Jahre nichts geändert, auch wenn sich das Gleiche über Alexander Sörloth nicht sagen lässt. Der hat sich sehr verändert, vor allem in den vergangenen drei bis vier Jahren nahm seine Karriere so richtig Fahrt auf. Zuvor war er viel herumgekommen. Wo er nicht überall gespielt hatte: Norwegen, Holland, Dänemark, Belgien, England, Türkei. Aber erst Julian Nagelsmann eröffnete ihm bei RB Leipzig neue Perspektiven.
Bis dahin hatten seine Trainer nicht viel von ihm gefordert. Außer, dass er den Ball irgendwie ins Tor befördern sollte. In Leipzig aber waren die Aufgaben viel komplexer, dort sollte Sörloth Verteidiger anlaufen, Pressing auslösen und in der Defensive mitarbeiten. Dazu kam, dass sämtliche Angriffe choreographiert waren, Lauf- und Passwege also im Vorfeld abgestimmt. Ein jeder wusste, was er zu tun hatte. Nur Sörloth nicht.
Der kam sich vor wie ein Hauptschüler unter angehenden Doktoranden. Trotzdem saugte er alles auf, was Nagelsmann ihn lehrte, und wandte sein Wissen auf den nächsten Stationen an. Zuerst bei Real Sociedad in San Sebastián, dann beim FC Villarreal. In der spanischen Provinz entwickelte er sich zu einem kompletten Stürmer, einem, der viel weiß und der viel kann. Und der von großem Ehrgeiz getrieben ist, ähnlich wie sein Sturmpartner Haaland.
Nach einem Länderspiel, in dem er gerade zwei Tore geschossen hatte, ärgerte sich Alexander Sörloth. „Es hätten drei sein sollen. Dad hat gegen die auch zweimal getroffen.“ Dad, sein Vater, ist Göran Sörloth, auch er norwegischer Nationalspieler einst, auch er Stürmer. Inzwischen ist sein Sohn Alexander bei Atlético Madrid angekommen, in Europas Elite. Trainer Diego Simeone schätzt ihn wegen seiner Arbeitseinstellung und seiner Effektivität. Bei der Weltmeisterschaft hat Alexander Sörloth bisher noch nicht getroffen. Das erste Spiel der K.-o.-Runde wäre ein guter Zeitpunkt dafür.
