Aber ihr Protest war erfolglos. Die FIFA verweist darauf, dass es sich um eine lokale Initiative handelt, der Fußballverband habe damit nichts zu tun. Hedda McLendon schon. Zwei Tage vor dem Spiel nimmt sie im 14. Stock eines Hotels neben dem Stadion Platz, wo das Medienzentrum in Seattle ist. McLendon ist Teil des WM-Organisationskomitees in Seattle und hat den „Pride Match Day“ mitgeplant.
Frau McLendon, Sie hatten den Pride-Spieltag in Seattle geplant, lange bevor der Spielplan feststand. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie gesehen haben, dass an diesem Spieltag Ägypten gegen Iran antritt?
Ganz am Anfang, als Seattle sich als Ausrichterstadt bewarb, haben wir besprochen, warum wir die WM ausrichten sollten. Für uns ging es um Inklusion in dieser Stadt und um Zusammenhalt. Als wir den Spielplan erhielten, waren wir erst mal begeistert, auch wegen des Spiels am Freitag des Pride-Wochenendes. Wir wollten die Welt willkommen heißen und allen ermöglichen, während ihres Aufenthalts Pride in Seattle zu erleben. Als wir erfuhren, dass es Iran gegen Ägypten sein würde, waren wir begeistert, zu wissen, wer kommen würde. Wir sehen darin eine Gelegenheit, allen, einschließlich der iranischen und ägyptischen Fans, zu zeigen, wie „Pride“ in Seattle ist. Zumal in Seattle und in Vancouver eine riesige iranische Community lebt. Wir hatten also eher das Gefühl: Eine unserer Einwanderergemeinschaften kann hier ein Spiel erleben, und viele von ihnen gehören zur LGBT-Community.
Die Begegnung hat Ihre Planungen doch bestimmt verkompliziert. Der iranische und der ägyptische Fußballverband legten Protest bei der FIFA ein.
Als Iran und Ägypten merkten, dass sie Teil eines Pride-Spiels sein würden, gab es eine Menge Vorberichterstattung. Ich glaube, dabei wurde vor allem deutlich, wer welche Rolle spielt: Die FIFA betreibt das Stadion, sie ist für das Spiel zuständig. Im lokalen Organisationskomitee geht es uns vor allem um Seattle und das Erlebnis der Fans. Wir legen den Schwerpunkt darauf, einige der Dinge hervorzuheben, die diese Stadt einzigartig machen – darunter auch das Pride-Wochenende. Also fragten wir uns, wie wir die LGBT-Community in den Vordergrund rücken können. Wie stellen wir sicher, dass sie von der Weltmeisterschaft profitieren? In gewisser Weise spielt es für uns also keine Rolle, ob Iran gegen Ägypten spielt oder jemand anderes. Wir feiern Pride am kommenden Wochenende, wir werden nächstes Jahr und in den kommenden Jahren Pride feiern. Uns ging es darum, wie wir die Bühne der Weltmeisterschaft nutzen können, um der Welt zu zeigen, wie das aussieht – und das ist aufregend. Wir freuen uns darauf, die ägyptischen und iranischen Fans hier willkommen zu heißen, und wir freuen uns darauf, ihre Flaggen und die Regenbogenflaggen in der ganzen Stadt und im Stadion zu sehen.
Gab es von den Verbänden oder der FIFA Versuche, diese Pläne zu stoppen?
Ich glaube, den Verbänden ist klar geworden, dass sie in der Zeit einer besonderen Feierlichkeit nach Seattle kommen. Und die FIFA hat uns nicht gebeten, irgendetwas zu ändern. Sie hat klargestellt, dass alle Flaggen, die für sexuelle Orientierung oder sexuelle Identität stehen, als Menschenrechtsflaggen gelten und im Stadion erlaubt sind. Das war hilfreich, und wir freuen uns, dass im Grunde jede LGBTQ-Flagge im Stadion gezeigt werden darf. Wir gehen davon aus, dass die Leute Flaggen mitbringen werden. Es gibt Pride-Spieltage auch schon sehr lange in Seattles Sport. So gut wie jede Profi- und Halbprofi-Sportliga, sei es Basketball, Fußball oder Rugby, veranstaltet hier Pride-Spieltage. Wir dachten also: Natürlich machen wir das während der WM, das ist ein Bestandteil unserer Sportkultur.
Das Spiel soll der Welt zeigen, wofür Seattle steht?
Ich glaube, es wird einen kleinen Einblick geben in das Leben in Seattle, insbesondere für die LGBT-Gemeinschaft. Wir sind in dieser Hinsicht auch insofern besonders, als die LGBT-Community in Seattle eine rechtlich geschützte Gruppe ist. Ähnlich wie Afroamerikaner oder Senioren kann die Community deshalb in bestimmten Bereichen nicht diskriminiert werden. Außerdem ist Seattle sehr vielfältig. In dieser Stadt und diesem Landkreis werden viele Sprachen gesprochen. Wir haben eine große Einwanderer- und Flüchtlingsgemeinschaft. In dem Sinne wird das Stadion ein Mikrokosmos unserer Stadt sein, in der viele Sprachen gesprochen werden und Vielfalt gefeiert wird.
LGBTQ-Rechte werden derzeit auch in den USA angegriffen. Hat das für Sie auch eine Rolle gespielt?
Ja, das stimmt. Hier in Seattle haben wir tatsächlich einen großen Zustrom von Angehörigen der LGBT-Gemeinschaft, insbesondere der Trans-Community. In einem Bundesstaat zu leben, in dem man gesetzlich geschützt ist, in dem es in Ordnung ist, sich zu outen, auf der Straße zu feiern und als LGBTQ-Unternehmer tätig zu sein, ist selbst in diesem Land einzigartig. Für uns als Gastgeberstadt war es deshalb definitiv wichtig, das zum Teil des Gesamterlebnisses in Seattle zu machen.
Was haben Sie rund um das Spiel geplant?
In der ganzen Stadt wird es eine Reihe von Public-Viewing-Veranstaltungen geben, die im Zeichen des „Pride Match Day“ stehen. Einige Stadtteile in Seattle, in denen bisher noch nie Pride gefeiert wurde, werden ihre Straßen sperren und Pride feiern, wir haben ein Pride-Match-Bier und einen Pride-Match-Schal. Bei vielen der Public-Viewing-Partys werden DJs und Dragqueens dabei sein, die als Moderatoren durch das Programm führen. Es finden den ganzen Tag über etwa zehn davon statt. Und im Stadion werden die Leute die Pride-Flaggen sehen.

Wir können uns vorstellen, dass viele Leute sagen: Macht das doch, ohne es zum Fußball zu tragen. Was sagen Sie dazu?
Ich glaube, Fußball und die WM sind für alle da. Kinder spielen Fußball, Senioren spielen Fußball, es gibt Blindenfußball, es gibt Amputiertenfußball. Es ist der Sport, der die Welt vereint. Es gibt wahrscheinlich kaum Turniere oder Mannschaften, in denen niemand aus der LGBT-Community ist oder jemand, der sich über seine sexuelle Identität Gedanken macht. Es gibt eine sehr große homosexuelle Präsenz, vor allem im professionellen Frauenfußball. Für uns ist das ein Teil des Fußballs – es geht darum, dass es ein Sport ist, der verbindet. Und mehr noch als bei jeder anderen Sportart ist es für uns auch ein wichtiger Teil von Seattle. Genau das wollen wir den Menschen zeigen: dass es Teil dessen ist, wer wir sind, und Teil unserer Kultur.
Haben Sie Sorge, dass die Differenz zwischen dem, was die beiden Verbände sich vorstellen, und dem, was Sie sich für dieses Spiel vorstellen, eher zu einer angespannten als zu einer festlichen Atmosphäre führt?
Das Schöne an der Weltmeisterschaft ist, dass sie die Menschen zusammenbringt. Jeder, der schon einmal bei einer WM war, erzählt davon, wie verbindend das Erlebnis war. Wir möchten, dass alle zusammenstehen, sich hier in Seattle willkommen fühlen und mitfeiern. Und mit Blick auf Fans, die vielleicht an einem Ort leben, an dem Pride nicht so gefeiert wird wie bei uns. Wir möchten, dass sie neugierig darauf sind, diesen Teil von Seattle zu erleben. Sie können nach Hause zurückkehren und entscheiden, dass das nicht das ist, was sie wollen. Aber solange sie hier sind, hoffen wir, dass sie aufgeschlossen sind und dass alle beim Fußball zusammenkommen.
Hedda McLendon ist „senior vice president of legacy“ des Seattle FWC26, des Organisationskomitees der WM-Spiele in der Großstadt im Bundesstaat Washington. Bevor sie die Aufgabe übernommen hat, war sie neun Jahre lang Angestellte des King County, zu dem Seattle gehört, und war für die kommunale Behörde unter anderem mit dem Umgang mit der Covid-19-Pandemie betraut.
