„Julio hat mit vier Jahren angefangen zu spielen, und seitdem bestimmt der Fußball sein Leben.“ Diese Worte stammen aus dem vergangenen Jahr von Luis Enciso, dem Vater von Julio Enciso, Paraguays Spielmacher, der nun bei der Weltmeisterschaft auf die DFB-Elf im Sechzehntelfinale (Montag 22.30 Uhr MESZ, im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei MagentaTV) trifft.
Er wuchs im Süden eines der am dünnsten besiedelten Länder Südamerikas (6,4 Millionen Einwohner) auf und kickte im örtlichen Futsal-Verein, in dem sein Vater, von Beruf Tischler, ihn drei Jahre lang trainierte. Papa Enciso hat seinem Sohn vor allem Werte wie Fleiß, Disziplin und Ehrlichkeit vermittelt.
Der heute 22 Jahre alte Julio Enciso galt immer schon als echter Kämpfer. Er war 15 Jahre und 52 Tage alt, als er in der ersten Liga sein Debüt bei den Profis gab. Mit nur 17 Jahren begann er auch für die A-Nationalmannschaft aufzulaufen, für die er in 33 Länderspielen vier Tore erzielt hat. „Er hat sich seinen Platz ganz allein erkämpft, indem er sehr hart gearbeitet hat“, sagt José Chamot, sein ehemaliger Coach beim paraguayischen Klub Libertad: „Er war ein mutiger und kreativer Spieler, der sowohl als Nummer zehn als auch als rechter oder linker Flügelspieler eingesetzt werden konnte.“
„In Brighton war ich nicht glücklich“
Ein Jahr später ging er nach Europa und schloss sich Brighton & Hove Albion an. Enciso kostete elf Millionen Euro, ist bisher der teuerste Transfer in der Geschichte Paraguays. Nach einer vielversprechenden ersten Spielzeit unter der Leitung von Roberto De Zerbi zog er sich zu Beginn der Saison 2023/24 einen Riss des Außenmeniskus im linken Knie zu. Über ein halbes Jahr fiel er aus.
Unter Fabian Hürzeler konnte er nicht mehr wirklich Fuß fassen und wurde im Januar 2025 an Ipswich Town verliehen – parallel soll auch Borussia Dortmund Interesse gezeigt haben. Er verfügt über einen gewaltigen Schuss, der ihm das schönste Tor der Premier-League-Saison 2022/23 gegen Manchester City eingebracht hat, doch in Spielen hat er diese Stärke bisher noch nicht regelmäßig genug unter Beweis gestellt. Insgesamt verlief sein Abenteuer in England durchwachsen. „In Brighton war ich nicht glücklich, aber ich habe gekämpft, um den Anschluss nicht zu verlieren.“
Vor einem Jahr wechselte der in Caaguazú geborene geniale Techniker von Brighton ins Elsass zum Racing Club Straßburg, wo er relativ zügig zu seiner alten Form zurückfand. Dort hat ihm der englische Trainer Gary O’Neil mehr Freiheit gelassen. Dadurch gelang es ihm, sein Potential besser auszuschöpfen. „Julio ist ein technisch versierter Spieler. Er probiert gerne Neues aus und ist einfallsreich, aber wir müssen ihn dazu bringen, verantwortungsbewusster zu spielen. Er muss besser auf den Ball aufpassen, damit er ihn nicht so oft verliert“, gab O’Neil im Frühling zu bedenken.
Auch Paraguays Nationalcoach lobt und kritisiert den Spieler: „Er ist nicht nur ein durchschlagskräftiger und aggressiver Spieler, sondern hat auch viel Persönlichkeit“, bemerkt Gustavo Alfaro: „Er glaubt an sich selbst, das ist seine größte Stärke, aber manchmal ist er auch zu aggressiv in manchen Zweikämpfen, da muss er sich noch ein Stück besser im Griff haben.“
Enciso sorgt in Straßburg für Unruhe
Zu Beginn des Jahres sorgte er in Straßburg für Unruhe, als er sich mit seinem Mitspieler Joaquín Panichelli um die Ausführung eines Elfmeters im französischen Pokal stritt. Enciso nahm sich den Ball, ohne jemanden zu fragen und obwohl sein argentinischer Teamkamerad der designierte Schütze war. Nach einer klaren Ansage des Trainerstabs gehorchte er, doch danach zeigte er sich völlig lustlos und bockig. Auch in der Kabine soll er immer wieder schlechte Laune verbreitet haben und seine Kollegen nicht immer grüßen.
Die Kritik an ihm als Fußballer konzentriert sich vor allem auf die Ungenauigkeit seiner Pässe und die Schwierigkeiten, gegen dicht gestaffelte Abwehrreihen den Unterschied zu machen, wie beispielsweise in der Gruppenphase dieser WM. Trotz seines offensichtlichen Talents werden ihm manchmal sein junges Alter und seine Impulsivität auf dem Spielfeld vorgeworfen.
Bei diesem interkontinentalen Vergleich hat er sich trotzdem durch sein großes Laufpensum zu einer festen Größe entwickelt. Beim letzten Gruppenspiel gegen Australien (0:0) erlebte Enciso eine Schrecksekunde, als er in der zweiten Halbzeit ein Zweikampfduell gegen den australischen Verteidiger Alessandro Circati verlor und dabei seinen Lauf nicht mehr abbremsen konnte, sodass er schließlich in die Werbetafeln krachte. Mithilfe seines Gegners kam der Flügelspieler schließlich wieder auf die Beine und konnte das Spiel zu Ende bestreiten, weshalb er auch gegen die Deutschen in der Startelf stehen dürfte. Die größten Hoffnungen von Paraguay ruhen nun auf ihm.
