Es sagt schon einiges über die Ausmaße dieses ersten Mammuts unter den WM-Endrunden, dass 24 Tage nach dem Eröffnungsspiel ab diesem Samstag gerade einmal die Achtelfinalspiele auf dem Plan stehen. Noch 2022 in Qatar stand nach 24 Tagen bereits fest, wer im Finale spielen würde. Bei etlichen anderen Austragungen in der bald 100-jährigen Turnier-Geschichte war zu diesem Zeitpunkt sogar klar, wer Weltmeister wurde.
In den USA, Mexiko und Kanada geht es dagegen nach 88 Spielen mit jener Runde weiter, die seit immerhin 40 Jahren lediglich den Auftakt der K.-o.-Phase markierte. Ermüdungserscheinungen bei Spielern wie Zuschauern sind eingepreist. Es hat sich in den ersten Wochen dieser Fußball-Weltmeisterschaft schließlich das Narrativ festgesetzt, dass sich die Erweiterung des Teilnehmerfeldes aller Kritik zum Trotz als eine hervorragende Idee entpuppt hat.
Weil etwa Kap Verde gegen Spanien 0:0 spielte und nun Argentinien in die Verlängerung zwang, Curaçao ein 0:0 gegen Ecuador schaffte oder die DR Kongo ein 1:1 gegen Portugal, galt das als Beweis, dass die sogenannten Fußball-Zwerge längst konkurrenzfähig sind.
Weil neun der zehn afrikanischen Teams das Sechzehntelfinale erreichten, galt das als Beweis, dass der von den zusätzlichen Startplätzen am meisten profitierende Kontinent längst aufgeholt hat.
Weil so viele WM-Debütanten und WM-Rückkehrer den Menschen in ihrer Heimat große Freude bereiteten, galt das als Beweis dafür, dass die größte Fußball-Party der Welt mit noch mehr Partygästen noch ausgelassener wird.
Der oberflächliche Blick
So kann man das sehen. Allerdings nur, wenn der Blick auf die Spiele selbst oberflächlich bleibt. Wer genauer hinsieht, stellt dagegen fest, dass es bislang kaum echte Überraschungen gab (die Deutschen sind die unrühmliche Ausnahme).
Dass die Achtungserfolge der Teams aus Kap Verde oder dem Kongo mit ihren in Europa geborenen und ausgebildeten Profikickern keineswegs aus dem Nichts kommen. Dass alle wirklich kleinen Nationen dagegen chancenlos ausgeschieden sind. Dass viele Duelle mit ihnen den Charme einer Erstrundenpartie im DFB-Pokal hatten. Dass selbst ein K.-o.-Duell zwischen Kanada und Südafrika kaum deutsches Zweitliga-Niveau erreichte.

Zu Beginn der Spielrunde, in der die allermeisten WM-Turniere erst so richtig begannen, sieht es nun außerdem so aus, wie es in den allermeisten WM-Turnieren zu Beginn jener Spielrunde aussah: Europäer und Südamerikaner sind weitgehend unter sich, dazu kommen im Achtelfinale noch die beiden besten afrikanischen Teams und die Gastgebernationen.
Mehr Variablen führen eben zu keinem substantiell anderen Ergebnis, wenn der Wert jener Variablen nahe Null ist. Mehr Spiele bei der WM bedeuten in erster Linie nur, dass die allermeisten dieser WM-Spiele weniger wichtig sind.
Der Modus einer WM-Endrunde ist keine heilige Kuh. Er ist seit jeher im Wandel und seit jeher kamen dabei von Zeit zu Zeit mehr Teilnehmer dazu. Womöglich war es deshalb tatsächlich eine hervorragende Idee, nunmehr 48 Mannschaften in 104 Spielen um den Titel spielen und damit noch mehr Menschen am unvergleichlichen WM-Zauber teilhaben zu lassen. Man sollte nur nicht den Fehler machen, zu behaupten, dass die jüngste Erweiterung die WM besser gemacht hat. Sie hat sie nur größer gemacht.
