
Im WM-Spiel Brasilien gegen Marokko (1:1) gab es einen Moment, der vielen im Gedächtnis blieb. Der Ball landete bei einem 18-Jährigen, der mit dem Rücken zum Tor stand und im Mittelfeld von brasilianischen Gegenspielern bedrängt wurde. Anstatt den Ball einfach zurückzuspielen, drehte er sich um, durchbrach die Abwehrreihe mit einem feinen Pass und trieb seine Mannschaft weiter nach vorn.
Gegen die Seleção bestritt Ayyoub Bouaddi sein erstes WM-Spiel, es war erst sein vierter Länderspieleinsatz. Und 90 Minuten lang, in einem ausverkauften Stadion, in dem die Mehrheit in die gelben Trikots der Brasilianer gekleidet war, war er es, der das Spiel immer wieder bestimmte.
Marokko gelangen frühe Ballgewinne, es zeigte kurze, präzise Spielzüge und drängte das brasilianische Team von Carlo Ancelotti immer wieder zurück. In der 21. Minute gingen die Nordafrikaner dann mit einer Aktion in Führung, die man in Nachwuchsakademien wohl noch lange vorführen wird: zwei Pässe, ein Tor, eine Weltklasse-Aktion. Der Motor dieser Dominanz Marokkos war Ayyoub Bouaddi, geboren in Creil, einer Stadt im Pariser Norden.
„Ich habe selten eine solche Reife bei einem Jugendlichen gesehen“
Für das erste Pflichtspiel im Nationaltrikot, auf einer Position, auf der sonst Spieler aktiv sind, die reichlich Champions-League-Erfahrung mitbringen, ist das fast schon unverfroren. Ayyoub Bouaddi gilt als technisch versierter Fußballer mit viel Übersicht. In Deutschland fiel er schon vor eineinhalb Jahren im Champions-League-Achtelfinale seines französischen Klubs OSC Lille gegen Borussia Dortmund auf. Damals sagte der ehemalige französische Nationalspieler Patrick Vieira: „Ayyoub ist zwar erst 17 Jahre alt, aber er spielt wie ein Dreißigjähriger. Ich habe selten eine solche Reife bei einem Jugendlichen gesehen.“
Vieira zeichnete das Bild eines jungen Spielers, der auch in schwierigen Situationen gelassen bleibt und der die technische Präzision und die Spielintelligenz mitbringt, die ein Spielmacher braucht. Bouaddi, der unter dem Trainer Bruno Genesio beim OSC Lille ausgebildet wurde und bald unter dessen Nachfolger Davide Ancelotti spielen wird, gehört zu einer neuen Generation von Mittelfeldspielern in Frankreich: selbstbewusst, taktisch versiert, zweikampfstark und immer darauf bedacht, das Spiel nach vorn zu treiben.
Solche Spieler exportiert der französische Fußball mittlerweile am laufenden Band ins Ausland. Diesen aber hat Frankreich verloren: Wenige Wochen vor der WM entschied sich Bouaddi, für Marokko, das Land seiner Eltern, aufzulaufen, nachdem ihn der französische Nationaltrainer Didier Deschamps bisher nicht berücksichtigt hatte.
Bouaddi durchlief sämtliche französischen Jugendnationalmannschaften, von der U16 bis zur U21. Er wurde schon 2024 in die U21 hochgestuft und kam dort auf zehn Länderspiele. Noch im März stand er mit dem Team für Frankreich auf dem Platz. Dann wurde innerhalb weniger Wochen alles anders, auch durch die Ernennung Mohamed Ouahbis zum neuen Nationaltrainer Marokkos. Wie schon in den Fällen von Brahim Díaz (Real Madrid) und Eliesse Ben Seghir (Bayer 04 Leverkusen) zeigte sich: Marokko versteht es mittlerweile, in letzter Minute Talente in der Diaspora zu entdecken und für sich zu gewinnen – selbst wenn es sie einem zweifachen Weltmeister wegschnappen muss.
Bouaddis herausragende Qualitäten wecken bereits das Interesse etlicher europäischer Spitzenklubs: Real Madrid, Manchester City, der FC Arsenal und Bayern München verfolgen genau seine erstaunliche Entwicklung. „Klubs, die nicht bereit sind, eine dreistellige Millionensumme für Ayyoub auszugeben, haben 0,0 Chance, ihn in diesem Sommer zu verpflichten“, sagte vor Kurzem der Präsident des OSC Lille, Olivier Létang. Erst einmal will Bouaddi, der in Lille einen Vertrag bis Juni 2029 besitzt, aber bei der WM so lange wie möglich für Marokko glänzen.
