Marketingexperten nennen es zielgruppenorientierte Werbung. Was in Stadien der Fußball-Weltmeisterschaft über die gigantischen Großbildleinwände mit hoher Auflösung flimmert, sagt viel über die aus, die da in den Arenen auf den teuren Plätzen sitzen. Aus Bundesligastadien sind zwar auch Werbespots für Fluglinien bekannt, bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko, den USA und Kanada wird aber für ein exklusives Airline-Produkt geworben: die First Class.
Weil ein Großteil jener Fans, die die Stadien füllen, eben die notwendigen finanziellen Mittel für die teuren Eintrittskarten haben. Und wer so gut betucht ist, bucht eben auch öfter mal First Class oder das Business-Class-Ticket. Besonders auffällig ist das Publikum im Aztekenstadion. Auch am Dienstagabend beim souveränen 2:0-Sieg gegen Ecuador schaute ganz überwiegend die finanziell potente Oberschicht zu. Das mexikanische Stadionpublikum ist weiß. Es ist eine ganz andere Klientel als die, die in der U-Bahn in Mexiko-Stadt anzutreffen ist. Anders als auf den Tribünen in Mexiko-Stadt, Guadalajara oder Monterrey sind hier viele indigene Mexikaner anzutreffen.
In Mexiko selektiert die wirtschaftliche Lage
Ganz so falsch ist das mit der inklusiven WM nicht, tatsächlich ist die ganze Fußball-Welt in Mexiko, den USA und Kanada vertreten. Und doch müssen die Fans, die dabei sein wollen, an mächtigen Türstehern vorbei: an den US-Einwanderungsbehörden, die Weiße bevorzugen, aber Afrikanern, Haitianern und Iranern die Einreise verwehren. Und in Mexiko selektioniert die wirtschaftliche Lage.
„In Mexiko werden die hohen Eintrittspreise deutlich stärker als in vielen anderen Gastgeberländern diskutiert. Nicht nur als Verbraucherproblem und eine Frage der Kommerzialisierung. Die Preisfrage wird unmittelbar mit sozialer Ungleichheit verknüpft und der Frage, für wen eine WM im eigenen Land noch zugänglich ist“, sagt Florian Huber, Leiter der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung, in Mexiko-Stadt der F.A.Z.
Viele Partien würden von wohlhabenden Fans aus den USA, Kanada, Europa, aber auch Lateinamerika besucht, während sich viele mexikanische Familien bei der Heim-WM keinen Stadionbesuch leisten könnten, stellt Huber fest. „In Mexiko dominiert die Wahrnehmung, dass eine Heim-WM eigentlich ein Fest für die Bevölkerung sein sollte – viele empfinden jedoch, dass sie stattdessen vor allem für zahlungskräftige Fans und internationale Besucher zugänglich geworden ist“, sagt Huber.
Das Beispiel Brasilien zeigt, wie es weitergehen wird
In Mexiko richte sich die Kritik vor allem gegen die FIFA und ihre Vermarktungsstrategie, nicht aber gegen das Turnier selbst. Die Mannschaft steht im Achtelfinale. „Die Begeisterung unter den Mexikanern ist nach vier gewonnenen Spielen ungebrochen, wie deren Siegesfeiern mit bis zu 800.000 Menschen auf der Avenida Reforma gezeigt haben“, sagt Huber.
In den Vereinigten Staaten wird zwar auch über die hohen Preise diskutiert, aber hier sind die Sportfans andere Eintrittspreise gewohnt. In den Play-off-Spielen der großen Sportligen gehen die Preise auch durch die Decke und übersteigen bisweilen die FIFA-Preise sogar. Hier findet eine ökonomische Selektion eher saisonal statt. Für die einfachen Ligaspiele sind bezahlbare Karten zu bekommen, in der Knock-out-Runde aber bleiben gut betuchte Fans unter sich. Infantino hat schon bei seiner Auftaktpressekonferenz mit dem Verweis auf dieses Modell argumentiert.
Um die Frage beantworten zu können, was in Mexiko von dieser WM bleiben wird, ist ein Blick nach Brasilien hilfreich. Dort wurden für die Fußball-WM 2014 neue Stadien aus dem Boden gestampft. Das legendäre Maracanã-Stadion wurde für Hunderte Millionen Euro kernsaniert.
„Es war klar, dass die Veranstaltungen wie WM und Olympia für ein komplett weißes Elitepublikum gedacht waren und nicht für das Publikum, das wir bis dahin von den Spielen der großen Vereine in Rio gewohnt waren“, sagte der Fußball-Historiker David Gomes aus der WM-Final- und Olympiastadt Rio de Janeiro im Nachgang der Großereignisse der „Deutschen Welle“. „Wenn wir uns die großen Bilder aus dem Maracanã ansehen, wie die historischen Fotos aus den 50er-Jahren bis zur Jahrhundertwende, dann sehen wir viele schwarze und arme Zuschauer auf der Tribüne.“
Heute aber dominiert ein anderes Publikum die Tribünen. Vor allem bei Top-Spielen von Flamengo oder der brasilianischen Nationalmannschaft ist es überwiegend weiß. Der Rest schaut die Top-Spiele lieber in der Favela zu Hause. Mehr als eine Handvoll Spiele ist in Maracanã für dieses Publikum nicht mehr drin.
