Zur Feier des Tages gab es Geschenke. 40 E-Autos, Marke BYD, wurden akkurat aufgereiht an der Seitenlinie des Fußballplatzes, eines für jedes Teammitglied von Usbekistans Nationalmannschaft. Staatspräsident Schawkat Mirsijojew, der das Land seit 2016 autoritär regiert, hatte angesichts der ersten WM-Qualifikation der Auswahl aus dem zentralasiatischen Flächenland einen springen lassen.
Einige Wochen später legte er nach, spendierte sich, dem Land und dem Team außerdem noch einen WM-Trainer mit Weltruf. Der Italiener Fabio Cannavaro, als Spieler einst Weltmeister und Weltfußballer, als Trainer seit elf Jahren allerdings eher leidlich erfolgreich, führt die Mannschaft seit Oktober. Die Erwartungen an das Team und seinen Starcoach sind vor dem ersten WM-Auftritt am Donnerstag (4.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und bei MagentaTV) gegen Kolumbien enorm.
Denn trotz all der Präsente, die es rund um das finale Qualifikationsspiel gegen Qatar im Juni 2025 gab, ist es keineswegs so, dass Usbekistan mit dem Erreichten schon zufrieden wäre. Anders als bei vielen anderen WM-Debütanten ist Dabeisein nicht alles – das Erreichen der K.-o.-Phase ist das Minimalziel.
Eine bemerkenswerte Entwicklung
Ganz abwegig ist es nicht, dass dieser gar nicht so kleine Fußballzwerg in einer Gruppe, zu der außerdem die Demokratische Republik Kongo und Portugal gehören, wenigstens als Gruppendritter weiterkommen könnte. Denn auch wenn der Modus der asiatischen WM-Qualifikation durch die Ausweitung des Teilnehmerfeldes verändert wurde, kann man sagen: Mit den gezeigten Leistungen hätte sich das Team als einer der wenigen Neulinge wohl auch ohne die Reform qualifiziert. Von 16 Qualifikationsspielen verlor Usbekistan nur eines, wurde damit souverän Gruppenzweiter hinter Iran.
Usbekistans Fußball hat in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung genommen. Und das, anders als bei anderen Außenseiterteams dieser WM, nicht indem man Spieler mit usbekischen Wurzeln in der Diaspora ausfindig machte und einbürgerte. Die Entwicklung ist vielmehr organisch.
Bei der U-17-Weltmeisterschaft vor drei Jahren beispielsweise trotzte die usbekische Auswahl erst in der Gruppenphase Spanien ein 2:2 ab, schlug dann sensationell England im Achtelfinale und schied erst durch ein 0:1 gegen Frankreich aus. Ein Jahr später schaffte die U 23 durch Platz zwei bei der Asienmeisterschaft erstmals die Qualifikation für das Fußballturnier der Olympischen Spiele. Und wieder ein Jahr später war es die A-Nationalmannschaft, der mit der WM-Qualifikation eine Premiere gelang.

Einer, der die Entwicklung Usbekistans im Fußball gut beurteilen kann, ist Hans-Jürgen Gede. Der heute 69-Jährige kickte in den Siebzigerjahren einst für den FC Schalke 04 in der Bundesliga, danach aber vor allem mehr als 300-mal für Fortuna Köln in Liga zwei. Nach seiner Spielerkarriere arbeitete er in verschiedensten Funktionen auf der ganzen Welt, von 2003 bis 2005 auch als Nationaltrainer in Usbekistan. Erst war Gede eine Art Schattencoach, weil der Verband nach außen gerne einen Landsmann präsentieren wollte. Später bekam er den Titel auch ganz offiziell.
Der Fußball profitiert vom Aufschwung in Usbekistan
Genau 20 Jahre danach kehrte Gede nun noch einmal nach Usbekistan zurück. Bis Ende Mai war er für ein halbes Jahr in beratender Funktion für den Topklub Neftchi Fergana tätig. „Es ist Wahnsinn, wie modern das geworden ist“, sagt Gede am Telefon und meint damit nicht nur den Fußball. Die U-Bahn, die Züge, die Hochhäuser: Usbekistans Hauptstadt Taschkent sei zu einer modernen Metropole geworden. „Es boomt dort, viele ausländische Firmen stecken ihr Geld rein“, sagt Gede. Und weil Fußball mit großem Abstand Nationalsport Nummer eins sei, habe dieser auch spürbar vom allgemeinen Aufschwung profitiert.
Staat und Verband hätten „sehr viel Geld investiert“ in den Fußball und damit vor allem die Infrastruktur verbessert. „Sie haben versucht, Akademien wie in Europa aufzubauen, Trainer und Spieler aus dem Ausland verpflichtet, mehr Rasenplätze angelegt“, sagt Gede. Einige seiner Nationalspieler von vor 20 Jahren seien inzwischen Trainer in Usbekistans erster Liga, in der die Topklubs etwa das Niveau eines deutschen Zweitligavereins hätten. „Die sind modern eingerichtet, auch vom Kopf her, von den Ideen, wie sie Fußball spielen wollen“, sagt er.
Ob das alles bei der ersten WM-Teilnahme schon dazu führen wird, dass das Nationalteam die Gruppenphase übersteht, da ist der Deutsche allerdings etwas skeptischer, als es in Usbekistan Politik, Verband und Fans sind. „Ich denke, Fabio Cannavaro ist realistisch genug, um das richtig einzuschätzen“, sagt Gede. Immerhin hatte der Italiener zuletzt einen Spielstil angekündigt, der nach klassischem Außenseiterfußball klingt. „Usbeken sind zäh und geben niemals auf. Gegen sie zu spielen, ist eine echte Qual“, sagte Cannavaro. Die Nationalspieler von Fergana berichteten Gede, dass der neue Nationalcoach viel Wert auf eine physische und kompakte Defensivarbeit legt.
Dafür hat Cannavaro sogar einen echten Starspieler zur Verfügung: Abdukodir Khusanov. Der 22-Jährige ist als Verteidiger Stammspieler bei Manchester City, sein Marktwert wird auf mehr als 50 Millionen Euro geschätzt – der Rest des Kaders kommt nicht einmal auf die Hälfte. „So einen Fußballer hatte Usbekistan noch nie“, sagt Gede. Ein „Anführer ohne Starallüren“, an dem sich im Team alle orientierten. „Das zeigt, dass sie da inzwischen eine richtig gute Jugendarbeit machen“, sagt Gede. Dass einer wie Khusanov gerade jetzt auftaucht, scheint jedenfalls kein Zufall zu sein.
