Das Unheimliche ist auch jetzt, vier Tage vor dem Ende dieses ewig langen Thomas-Tuchel-Sommers, noch nicht verflogen. Seit fast acht Wochen steht der Trainer im Mittelpunkt des englischen WM-Projektes, der Erfolg ist da, aber gerätselt und diskutiert wird immer noch. Bereits vor dem Turnier erzählte der ehemalige Nationalspieler Gary Lineker von einem Informanten aus Deutschland, der Tuchel als „zu 60 Prozent ein Genie und zu 40 Prozent einen Psychopathen“ charakterisiert habe. Auch wenn Tuchel selbstverständlich kein Psychopath ist, konnte nicht einmal der Einzug ins Halbfinale, wo England am Mittwochabend auf Argentinien trifft (21.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, bei ARD und bei Magenta TV), diese These vollständig entkräften. Tuchel bleibt ein Phänomen, kaum durchschaubar, widersprüchlich. Und damit höchst unterhaltsam.
Es gibt kaum einen Trainer, der so gehaltvoll spricht – über seine Spieler, seine Strategien, vor allem aber über die oftmals entscheidenden Kräfte, die sich nur schwer greifen lassen: atmosphärische Dynamiken, Energien innerhalb und außerhalb des Teams oder emotionale Faktoren. Wer Tuchel zuhört, kann viel über das Spiel lernen, aber oft überfordert er seine Zuhörer damit. Wie nach dem Viertelfinalspiel gegen Norwegen, als sein erstes Interview noch am Spielfeldrand mit dem britischen TV-Reporter Gabriel Clarke einen regelrechten Debattensturm auslöste.
Problematische Kommunikation
„Das Ergebnis ist großartig, wir sind unter den letzten vier, das ist phantastisch, aber ich bin mit der Leistung in keiner Hinsicht glücklich“, sagt Tuchel. In keiner Hinsicht? Das verwirrt nicht nur Clarke, der dann auch noch den Fehler begeht, sich nach der Mentalität des Teams zu erkundigen. „Wie können Sie nach der Mentalität fragen?“, erwidert Tuchel geradezu angewidert. „Das ist pure Mentalität, die kannst du in Flaschen füllen und verkaufen.“ Seine Kritik gilt allein dem Spielerischen.
Das furiose Interview erinnert eindrucksvoll daran, wie dieser Trainer andere Leute vor den Kopf stoßen kann. Es gibt Erzählungen aus Tuchels Zeiten in Mainz, Dortmund, Paris und München über Vorfälle ähnlicher Art. Tatsächlich kann Tuchel ungerecht sein, was sich gut an einem anderen Interview dieser WM-Wochen illustrieren lässt: Nach einem hart erarbeiteten Sieg gegen Kongo im Sechzehntelfinale klingt Tuchel nämlich auf den Hinweis auf spielerische Mängel völlig anders als am Samstag: „Das ist noch nicht der Moment, um zu leuchten und glamouröse Leistungen zu erwarten.“
Die „beste Version“ des Teams werde erst gegen andere große Nationen sichtbar werden, die offensiver agierten. Nach einem vergleichbaren Spielverlauf gegen die sehr tief stehenden Norweger hätte er ähnlich argumentieren können, geht aber plötzlich auf seine Mannschaft los. Wirklich konsistent ist diese Art der Kommunikation nicht.
Tuchel übt eine Faszinationskraft aus
Leute, die mit Tuchel gearbeitet haben, sagen, es sei nicht so einfach, diesen Trainer immer richtig zu verstehen und Konflikte zu vermeiden, was mutmaßlich auch Jude Bellingham bestätigen würde. Der neben Harry Kane wichtigste Spieler des Teams gerät immer wieder in solche Missverständnissituationen mit Tuchel hinein. Nach dem Viertelfinale widerspricht er – ohne Tuchels genaue Worte zu kennen. Seither schwirrt dieser angebliche Konflikt nun durch die Öffentlichkeit. Umso erstaunlicher ist, dass Tuchel trotz der berüchtigten englischen Medien und ungeachtet der skeptischen Experten einfach immer weiter ohne Angst vor Missverständnissen und Schlagzeilen spricht.
Wie gut es ihm gelingt, die damit entstehenden Störkräfte zu kontrollieren, ist von außen schwer zu sagen. Erkennbar ist allerdings, dass Tuchel anders als Top-Level-Trainer wie Jürgen Klopp oder Pep Guardiola auf der höchsten Ebene immer nach spätestens zweieinhalb Jahren von seinen Klubs entlassen wurde. Die Zusammenarbeit mit dem Zweiundfünfzigjährigen ist zumindest herausfordernd, in Dortmund sagt mancher: schwer erträglich. Münchens Aufsichtsrat Uli Hoeneß behauptet, Tuchel habe sich nach Misserfolgen „nie selbst hinterfragt, sondern da war immer die Mannschaft schuld“. Aber oft gibt der Erfolg Tuchel recht, und in den guten Momenten übt dieser Mann eine große Faszinationskraft aus.
Zum Beispiel auf die Autoren des Männermagazins „GQ“, die in einem langen Text über die Semiotik von Tuchels Vintage-Rolex sinnieren. Der „Guardian“ zitiert in einem Porträt genüsslich die Rosinen aus den Kommentaren unter den Tuchel-Texten der Zeitung. „Nosferatu bei einem Golfwochenende“ oder „Trainer in Ladendieb-Chic in New England: Kapuze, Mütze und sehr teure Skinny-Jeans“. Gefeiert wird auch ein Kabinenvideo, in dem Tuchel zunächst von Declan Rice und John Stones veräppelt wird und dann fröhlich mit dem Team tanzt.
Der Anti-Nagelsmann
Es gehört zum Schicksal eines derart extrovertierten Trainers, auf diese Art betrachtet zu werden. In gewisser Weise ist es eine Form der Anerkennung, wenn jenseits der eigentlichen Facharbeit mit dieser Mischung aus Humor, Bewunderung und Zweifeln über Protagonisten diskutiert wird. Aber Zweifel sind eben Teil des Wettbewerbs, bis das Finale absolviert ist. Wobei schon jetzt klar ist, dass Tuchel sehr viel erreicht hat.
Deutsche Kommentatoren beschreiben den Schwaben gern als Anti-Nagelsmann, weil er im Gegensatz zum entlassenen Bundestrainer sehr fleißig Ligaspiele besucht und in zahlreichen persönlichen Gesprächen enge Verbindungen zu seinen Spielern aufgebaut hat. „Brotherhood“ ist ein Schlüsselbegriff des WM-Projekts, das offenkundig gut mit Leben gefüllt wurde.
Selbst die nicht ganz einfache Beziehung zu Jude Bellingham ist zumindest intensiv und voller Energie. „Er ist sehr diszipliniert in dem, was er will, und scheut keine Konfrontation, wenn es sein muss“, sagt Kapitän Harry Kane. Genau hier liegt ein zentrales Erfolgsgeheimnis dieses Trainers: Tuchel ist ein Kraftwerk, in seiner Umgebung entstehen immer wieder starke Energien, genau das wollen die Engländer.
In der Erzählung der jüngeren englischen Nationalmannschaftsgeschichte war Tuchels Vorgänger Gareth Southgate derjenige, der die Zeit der Machtspiele und Indiskretionen rund um das Team beendete. Southgate veränderte das Klima, aber der Hunger nach dem ganz großen Erfolg, die Gier nach dem letzten Schritt, fehlte in den Augen vieler Beobachter. Mit dem Deutschen soll dieses fehlende Puzzlestück gefunden sein, zumindest vorerst. Denn wie nachhaltig das Projekt funktioniert, ist mittlerweile fast zweitrangig. Inzwischen geht es darum, noch zweimal zu gewinnen und anschließend nicht nur unheimlich, sondern auch unsterblich zu sein.
