Wer Weltmeister werden will, muss auch Glück haben. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat gleich in ihrem Auftaktspiel Glück gehabt. Nicht, weil sie gegen Curaçao gewonnen hat. Weil sie gegen Curaçao gespielt hat.
Mit einem deutschen 7:1-Sieg hat diese Weltmeisterschaft angefangen, die so groß ist, dass auch der 82. der Weltrangliste mitspielen darf. Und weil erstmals auch acht Gruppendritte in die K.-o.-Runde weiterkommen, ist die Wahrscheinlichkeit wegen der sieben Tore schon sehr hoch, dass dieses Turnier aus deutscher Sicht anders als 2018 und 2022 ausgehen wird.
Es gibt einige Gemeinsamkeiten zwischen dem WM-Vorrundenaus in Russland und dem WM-Vorrundenaus in Qatar. Doch anders als auch in diesen Wochen wieder erzählt wurde, ist die vielleicht wichtigste weder die Störung durch Politisches noch durch Atmosphärisches gewesen (auch wenn alles mit allem zusammenhängt), sondern das Ergebnis des ersten Spiels, das für die Deutschen jeweils mit einer Niederlage endete. 2018 gegen Mexiko, 2022 gegen Japan.
So viel Platz werden die Deutschen nicht mehr bekommen
So einen Gegner hat die Nationalelf am Sonntag im Stadion in Houston nicht gehabt. Das war wichtig. Denn es lässt sich nach diesen 90 Minuten trotz der sieben Tore nicht mit letzter Überzeugung sagen, dass sie dieses erste Spiel gewonnen hätte, wenn der Gegner nicht Curaçao, sondern die Elfenbeinküste oder Ecuador gewesen wäre.
So viel Platz, wie Felix Nmecha und Florian Wirtz in der sechsten Minute für ihren Doppelpass vor dem 1:0 gehabt haben, werden die Deutschen gegen Ecuador nicht haben. Und wenn sie sich schon gegen die Stürmer Curaçaos nicht immer geschickt anstellten (so wie Nico Schlotterbeck vor dem zwischenzeitlichen 1:1 in der 21. Minute), wie soll das denn gegen die Stürmer der Elfenbeinküste werden?
Nach dem 2:1 durch Schlotterbeck – es brauchte dafür in der 38. Minute einen Eckball, was aber keine Kritik sein soll, weil Standardsituationen im Fußball der Gegenwart ein wichtiges Stilmittel sind – sah man dann den Abstand, den es zwischen der Nummer neun und der Nummer 82 der Weltrangliste eben gibt. Mit sechs Toren war der realitätsgetreu dargestellt. Und so konnte man auch zu diesem Ergebnis kommen: Durch dieses Auftaktspiel gegen diesen Auftaktgegner haben die Deutschen vor allem Zeit gewonnen.
Sie haben 90 Minuten gehabt, in denen der Torhüter Manuel Neuer das erste Mal mit der Mannschaft spielen, in denen er sich unter Wettkampfbedingungen mit den Innenverteidigern Tah und Schlotterbeck abstimmen konnte. In denen der Spielmacher Jamal Musiala weiter das Schlängeln üben konnte, auch wenn dieses trotz seines Tores zum 4:1 in manchen Situationen noch immer nicht wie das Musiala-Schlängeln, sondern eher wie das Snake-Schlängeln auf einem alten Nokia aussah.
Auf diese 90 Minuten werden nun fünf Tage folgen, in denen sich Team und Trainer mit einem ersten Glücksgefühl auf das Spiel gegen die Elfenbeinküste am kommenden Samstag vorbereiten können. Und auch wenn sie gegen Curaçao am Ende kein Glück gebraucht haben, lässt sich nach dem ersten Spiel aber doch sagen, dass ein bisschen Glück schon verbraucht worden ist.
