Streng genommen ist die deutsche Mannschaft nicht in New York gewesen bei dieser WM. Ihr Quartier für das Spiel gegen Ecuador lag wie das Finalstadion auf der anderen Seite des Hudson, in New Jersey. Aber auch dort kann man an den Spieltagen etwas erleben, was diesem Turnier bislang aus Sicht der deutschen Mannschaft eine Überschrift gibt: die Stop-and-Go-WM. Kaum hatte die Vorrunde begonnen, schien sie wieder vorbei, weil der zweite Sieg zum Gruppensieg gereicht hatte.
Als Rudi Völler am Samstag in Winston-Salem darüber sprach, hob der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gleich zweimal hervor, wie besonders das sei, auch angesichts der Erwartungen von vor drei Wochen. Er zeigte sich zugleich voller Zuversicht, dass die Mannschaft nun, im K.-o.-Spiel gegen Paraguay an diesem Montag nahe Boston (22:30 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker, bei Magenta und ZDF) sofort wieder auf „Go“ schalten kann.
„Messer am Hals“
Auch Andreas Rettig, der Geschäftsführer Sport des Verbands, kündigte an, dass das Team nun, mit dem „Messer am Hals“, das „Slowakei-Gesicht und nicht das Ecuador-Gesicht“ zeigen werde. Das aus jener Partie im November, als die Mannschaft in einem schwierigen Moment ganz plötzlich das Gaspedal voll durchgetreten hatte.
Es ist nicht auszuschließen, dass den Deutschen das wieder gelingt. Sie sind, da hat Völler recht, zu fast allem fähig: Sie haben Mittel, an einem sehr guten Tag jeden Gegner zu schlagen, an einem schlechteren aber kann es auch gegen einige schiefgehen. Das ist eine Erklärung dafür, warum sich vor diesem Turnier kein klares Bild eingestellt hat, was ihr zuzutrauen ist. Besser ist der Eindruck seitdem allerdings nicht geworden.
In einer freundlichen Lesart kann man sagen, dass Julian Nagelsmann gegen Ecuador in voller Absicht den New Yorker Verkehr simuliert hat: Indem er seiner Mannschaft eine Art Testbremsung verordnete, nicht nur in Sachen Personal, sondern auch in puncto Strategie: Möglich, dass das extrem tief stehende Spiel der Deutschen schon ein Vorgriff auf ein mögliches Achtelfinale gegen Frankreich war.
Zuzutrauen wäre es Nagelsmann, dass er seiner Mannschaft das zutraut. Und auch, dass er die WM von ihrem Ende her denkt. Allerdings müsste man dann auch erkennen, dass diese Bremsung alles andere als ein Sicherheitsgefühl vermittelte. In einer weniger freundlichen Lesart bedeutet das: Der Versuch, seine Mannschaft wie eine (variable) Spitzenmannschaft aussehen zu lassen, hat eher das Gegenteil bewirkt.
Sicher, die deutsche Mannschaft wird, wenn sie noch weit kommen will, Phasen überstehen müssen, in denen sie sich zurückzieht. Aber wenn sie etwas gewinnen will, muss sie das auf ihre Art und Weise tun. Allerdings wirkt auch das Offensivspiel bislang ähnlich blockiert wie die Straßen zur Rushhour in Manhattan. Kein Durchkommen, jedenfalls nicht mit den bisherigen Mitteln.
Man kann hoffen, dass sich irgendwann die Lücke auftut. Allerdings sollte man bis auf Weiteres auch die andere Möglichkeit in Betracht ziehen: Dass die deutsche Offensive für die Anforderungen dieser WM nicht robust genug ausgestattet ist und dass sie darunter leidet, dass das für die Mannschaft insgesamt gilt.
Das erste K.-o.-Spiel ist aber nicht nur deshalb ein Crashtest für das deutsche Team, weil Paraguay wie die Elfenbeinküste und Ecuador zu den kantigeren Teams bei dieser WM gehört. Auch sonst dürfte man ein klareres Bild als bislang von ihr bekommen: Ob es nun, wenn es darauf ankommt, wirklich auf Anhieb von der Stelle kommt. Möglich allerdings, dass die französischen Verkehrspolizisten selbst dann nur müde lächeln.
