Der Blick des Autors der „Fundsachen“ ist in diesem Fall zugegebenermaßen etwas begrenzt. Unterwegs zum Spiel Brasilien gegen Serbien, sieht er an jedem warmen Juniabend in Moskau noch keinen Anlass zur Besorgnis. Vom deutschen Spiel gegen die Koreaner in Kasan ist auf dem Monitor im vollen U-Bahn-Waggon zwar kein Spielstand zu sehen. Doch Deutschland ist fast durchweg in Ballbesitz. Und vor allem: spielt so langsam, wie ein Team nur spielt, wenn es führt.
Nach Ausstieg am Spartak-Stadion, Fußweg und Einlasskontrolle kommt endlich das Pressezelt in Sicht, in dem man auf einem Bildschirm wenigstens die letzten Minuten des deutschen Spiels zu sehen hofft. Nur noch wenige Meter … da „explodiert“ es fast, das Zelt, solch tosender Jubel bricht darin aus. Hat Deutschland unter den Journalisten aus aller Welt so viele Fans? Fragt man sich irritiert.
Torwart Neuer an der Eckfahne
Das Erste, was dann, drinnen angekommen, auf dem Bildschirm erscheint, ist noch befremdlicher. Manuel Neuer verliert nahe der gegnerischen Eckfahne einen Zweikampf. Ein Koreaner schießt den Ball siebzig Meter nach vorn, ein anderer läuft durch die menschenleere deutsche Hälfte und schiebt ihn ins torwartlose Tor. Es sind die letzten Sekunden des Weltmeisters Deutschland.
Zehn Siege in zehn Qualifikationsspielen, 43:4 Tore, der Sieg im Confed Cup, Platz eins der Weltrangliste – im Trainingslager in Südtirol wirkte Jogi Löw einen Monat zuvor wie jemand, der über Wasser gehen kann. Eine „Uns-kann-keiner-Schwingung“ ging von ihm aus. Dann, nach der Auftaktniederlage gegen Mexiko, lässt sich der Bundestrainer an der Promenade von Sotschi, an einen Laternenpfahl gelehnt, fotografieren wie ein unbesorgter Tourist.
Doch dann fällt ihm auf die Füße, dass er eine alte Vorsichtsregel ignoriert hat. Nämlich die, bei einer WM für Notfälle vorzusorgen, indem man die ganze Bandbreite an Werkzeugen mitnimmt. Notfälle wie ein finales Vorrundenspiel, in dem ein Sieg zwingend nötig ist. In dem man im Werkzeugkoffer vielleicht auch die Brechstange braucht.
Bei der Nominierung des Kaders hat Löw überwiegend an seinen Weltmeistern von 2014 festgehalten, auch an Mesut Özil, dessen Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan vor dem Turnier viel Unruhe brachte. Verzichtet hat er auf den langen, formstarken Stürmer Sandro Wagner und auf den besten Joker der Bundesliga, Nils Petersen – Spieler, wie man sie in der zweiten Halbzeit gegen Südkorea dringlich von der Bank bringen müsste. Wenn sie denn dort säßen, denkt man bei der Wiederholung der wichtigsten Szenen im Pressezelt – und sieht, wie sich stattdessen Mats Hummels als Not-Mittelstürmer versuchen muss. Er kann vier große Kopfballchancen nicht nutzen.
„Ich habe nichts gedacht. Uns allen ging das so“, beschreibt Neuer ein halbes Jahr später das kollektive Vakuum nach dem Aus: „Es war ein Nichts, totale Leere. Es war Realität und zugleich surreal, es konnte einfach nicht wahr sein.“ Wahr ist, dass Löw nach der WM zwei Monate und dann fast zwei Stunden braucht, um seinen „allergrößten Fehler“ zu erklären: den Glauben, „dass wir mit unserem dominanten Ballbesitz zumindest durch die Vorrunde kommen“. Einen Ballbesitz, so langsam, dass es aussah, als hätten sie schon durch ihn gewonnen. Aber sie glaubten es nur.
