„Wir sagten uns vor dem Spiel, dass Fußball nichts mit dem Falkland-Krieg zu tun hätte“, erzählt Diego Maradona 13 Jahre später: „Aber tief in uns drin wussten wir, dass dort Argentinier getötet worden waren, dass sie uns getötet hatten wie kleine Vögel. Für uns waren diese englischen Fußballer schuld an allem, was geschehen war. Ich weiß, dass das dumm ist, aber so empfanden wir das. Dieses Gefühl war stärker als wir alle.“
Das Viertelfinale der WM 1986 steht an, vier Jahre nach dem Krieg um ein paar karge Inseln am Ende der Welt. Er kostete 907 Menschen das Leben. Eine englische Zeitung schreibt an diesem Tag: „Falkland, Runde zwei.“ Eine argentinische: „Jetzt treten wir den Piraten das Licht aus.“
Mit Hand und Fuß
Anstoß zwölf Uhr mittags in Mexiko, die Sonne im Zenit, kein Schatten. Maradona ist fit wie nie, um sich nicht jagen und treten zu lassen wie 1982. Nach fünfzig Minuten jagt er einem hohen Rückpass auf Torwart Peter Shilton nach. Der schaltet spät, kommt kaum hoch, während der kleine Argentinier wie eine Feder springt. Und, kaum zu glauben, den Ball über Shilton hinweg ins Tor bugsiert. Wie war das möglich? Wie die meisten sieht es auch der Kommentator der BBC zu spät, erst in der dritten Zeitlupe: wie Maradona sich im letzten Moment die fehlenden Zentimeter mit einem versteckten Heben des Armes verschaffte.
Der tunesische Schiedsrichter, der es nicht sah, zögert, zeigt dann zur Mitte. Der bulgarische Linienrichter, der es sah, tut nichts, weil der Schiedsrichter ihn nicht fragt. Shilton und einige Kollegen protestieren, aber vergeblich. Während Maradona den Mitspielern zuruft: „Kommt her und drückt mich, sonst gibt der Schiri das Tor nicht.“
Vor 2500 Jahren schrieb der chinesische Philosoph und General Sunzi: „Jede Kriegsführung gründet auf Täuschung.“ Maradona tut nichts anderes in diesem Spiel, das für die Argentinier die Fortsetzung eines Krieges mit anderen Mitteln ist. Dafür verehren sie ihn noch mehr als für sein Jahrhunderttor vier Minuten danach.
„So sind die Menschen: Sie lieben es, wenn jemand die Regeln bricht“, sagt später sein alter Trainer Luis César Menotti: „Und Diego brach die Fußballregeln gleich im doppelten Sinn: mit der Hand beim ersten Tor die geschriebenen Regeln des Spiels. Und mit dem Fuß beim zweiten Tor die physischen Regeln des Spiels. Da wurde sein Mythos geboren. Der Gott des Fußballs.“
Prozess eines Genies
Teil zwei der Apotheose sind elf Sekunden, in denen die Welt laut Mitspieler Jorge Valdano dem „kreativen Prozess eines Genies“ zuschauen kann. Elf Sekunden, elf Ballkontakte, alle mit links, sechzig Meter an sechs Engländern vorbei – für Maradona das Tor, „von dem ich mein ganzes Leben geträumt habe“.
Maradona 1986, das ist die maximal mögliche Reduzierung eines Teamsports auf eine Person. Keiner hat je eine WM dominiert wie er, auch im Finale, als er der deutschen Doppeldeckung entwischt und Burruchaga zum Siegtor schickt. Von da an ist Maradona eine Art Weltwunder, verhätschelt, vergöttert und auf all das, im Gemüt immer noch der einfache, ballverliebte, ungebildete Bursche aus einem Slum von Buenos Aires, nicht vorbereitet.
„Die Verrücktheit in seinem Leben begann 1986 in Mexiko“, sagte Menotti: „Mit seinen beiden Toren gegen die Engländer. Für die Argentinier waren sie eine Wiedergutmachung für den verlorenen Falkland-Krieg. Ein Sieg, der Fußball und Politik vermischte.“
