Wie bitterkalt Deutschland mitten im Sommer sein kann, spüren 67.000 Zuschauer, die meisten durchnässt, in einer der besten Regenschlachten der WM-Geschichte. 16 Grad Celsius sind es Ende Juni 1974 im Dauerregen von Düsseldorf. In warme Decken gehüllt, hocken die Ersatzspieler düster dreinblickend auf der Bank.
Denen, die spielen dürfen, trieft schon bei den Hymnen das Haupthaar. Und das fahle Licht der Flutlichtmasten spiegelt sich rund um das Spielfeld in den Pfützen und Kapuzen. Eine Kulisse wie das Set eines Edgar-Wallace-Films, wie man sie bis in die Siebzigerjahre noch drehte. Dieser Krimi aber braucht kein Drehbuch.
Kalte Dusche für die Deutschen
Weltmeister wird Deutschland an diesem Sonntag noch nicht, erst einen später. Aber es findet seine Weltmeister im Regen von Düsseldorf. Auch dank eines starken Gegners mit einem fulminanten Torwart. Die überlegenen Deutschen kommen vor der Pause nicht vorbei an Ronny Hellström. Dafür schlägt es bei Sepp Maier ein. Ralf Edströms Volley peitscht die im Tornetz hängenden Regentropfen wie eine kalte Dusche in Richtung des deutschen Keepers. Kühl streckt der lange, langhaarige Schwede zum Torjubel die rechte Faust nach oben. Hellström, Edström, Regen strömt – das kann ja heiter werden.
Der Aufbruch nach der Vorrundenpleite gegen die DDR, der konstruktive Krach in der „Nacht von Malente“, der zum 2:0 gegen Jugoslawien mit vier Neuen in der Elf einen schwungvollen Neustart brachte, droht zu versickern. Doch das Team des Deutschen Fußball-Bundes stellt sich nach der Pause jener Reifeprüfung, die jedes Heimteam, will es Weltmeister werden, irgendwann bestehen muss: den Druck der Erwartungen in Druck auf den Gegner zu verwandeln.
Die Schweden halten ihm nicht bis zum Ende stand. Binnen 90 Sekunden treffen Wolfgang Overath und Rainer Bonhof zum 2:1. Postwendend gleicht Roland Sandberg aus, doch Jürgen Grabowski und, per Elfmeter, der nach dem DDR-Spiel geschasste, dann rasch rehabilitierte Uli Hoeneß belohnen den großen Kampf des Teams mit dem 3:2 und 4:2. Nach Grabowskis Einwechslung in der 66. Minute steht erstmals jene Elf auf dem Platz, die gegen Polen die Wasserschlacht von Frankfurt und gegen die Niederlande das Finale in München gewinnen wird.
Keiner verkörpert die Wandlung des in der Vorrunde matten Teams zu einer vor Energie strotzenden Einheit besser als der Jüngste im Kader, der 22-jährige Bonhof. Als Maschinist im Zentrum des Geschehens schafft er es, die Spielmacher der Gegner zu neutralisieren, erst Oblak, dann Deyna, dann Neeskens, und zugleich die eigene Offensive anzutreiben. Seine Vorstöße leiten Gerd Müllers Siegtreffer gegen Polen und Holland ein.
Bonhofs Aufstieg
Ausgerechnet Bonhof, in Emmerich an der niederländischen Grenze als Niederländer aufgewachsen, in der deutschen Jugendauswahl mit 17 noch als Niederländer gegen die Niederländer eingesetzt, dann umgehend zum Deutschen gemacht – ausgerechnet er, der erste eingebürgerte deutsche Nationalspieler, wird Weltmeister gegen das Land seiner Eltern.
Zählt man nur die großen Titel, die bei WM- und EM-Turnieren, ist er sogar der erfolgreichste aller deutschen Fußballer (und aller niederländischen). Weltmeister und zweimal Europameister war niemand sonst, kein Beckenbauer, kein Matthäus. Kein Cruyff, kein van Basten. Auch wenn Bonhof bei den beiden EM-Siegen, 1972 und 1980, keine Minute spielte, beim ersten nicht gebraucht, beim zweiten verletzt – Titel bleibt Titel.
