Der Präsident des Weltfußballverbands Fifa, Gianni Infantino, will Anteile an Fußballweltmeisterschaften an private Investoren verkaufen. Geplant ist die Gründung eines neuen Unternehmens namens »FIFA Forward Enterprise« (FFE), das alle kommerziellen Aktivitäten und Turnierorganisationen bündeln soll. Die Mehrheit dieses Unternehmens soll bei der Fifa bleiben, während »sorgfältig ausgewählte« Investoren Minderheitsbeteiligungen ohne Kontrollrechte erwerben dürfen. Was genau bedeutet dieser Plan?
Was hat Infantino vorgeschlagen?
Die Fifa will laut einer Mitteilung eine eigenständige Tochtergesellschaft gründen: die »FIFA Forward Enterprise« (FFE). Diese Gesellschaft soll alle gewinnbringenden Aktivitäten des Verbandes – Übertragungsrechte, Sponsoring, Ticketverkauf, Lizenzierung und Veranstaltungsdurchführung – in einem einzigen, kommerziell ausgerichteten Unternehmen bündeln. Rund 20 Prozent dieses Unternehmens will die Fifa an Investoren verkaufen. Sie schätzt den Wert der gesamten Firma auf rund 20 Milliarden US-Dollar. Grundlage ist eine Berechnung von JPMorgan. Die Fifa selbst will nach eigenen Angaben die Mehrheitskontrolle behalten. Mithilfe der externen Investoren sollen Milliarden von US-Dollar aufgebracht werden.
Welche finanziellen Vorteile hätten die Mitgliedsverbände?
Im Falle einer Genehmigung könnte jeder der 211 Mitgliedsverbände für den Zyklus 2027-2030 bis zu 40 Millionen US-Dollar bekommen. Die Hälfte davon wäre eine einmalige »Fast-Forward«-Förderung. Die andere Hälfte würde als »FIFA Forward«-Entwicklungsförderung für die Jahre 2027-30 ausgezahlt. In den Folgejahren von 2031-2034 würden sich diese Fördergelder auf 22 Millionen Dollar erhöhen, von 2035-2038 stiegen sie auf 24 Millionen Dollar.
Wie wird und wann wird über den Plan entschieden?
Die
Entscheidung über die Tochtergesellschaft soll laut Infantino
»demokratisch« getroffen werden. Für eine Umsetzung des Plans müssten
mehr als 50 Prozent der 211 Verbände sowie der Fifa-Rat zustimmen. Die
Mitgliedsverbände sollen sich laut Infantino bis zum 19. September
2026 entscheiden. Nur dann erhielten sie die einmalige
»Fast-Forward«-Zahlung. Lehnen sie den Plan ab, bekämen sie deutlich
weniger Geld, berichtet die britische Zeitung The Times mit Verweis auf ein Schreiben von Infantino an die
Mitgliedsverbände, das der Times vorliegt. Wann der Fifa-Rat abstimmen soll, blieb zunächst offen. Der nächste Kongress des Gremiums findet im März 2027 in Marokko statt.
Wer steckt hinter dem Deal?
Laut FIFA die FFE Investorengruppe von Thrive Capital angeführt werden, einer Investmentgesellschaft von Joshua Kushner. Der 41-Jährige gehört zur erweiterten Familie von US-Präsident Donald Trump. Er ist der Bruder von Jared Kushner, der mit Präsidententochter Ivanka Trump verheiratet ist. Politisch trat Joshua Kushner bisher aber kaum in Erscheinung. Seine Investmentfirma Thrive Capital gründete Kushner
2009. Thrive
beteiligt sich mit Geld von Investoren an potenziell aussichtsreichen
Unternehmen; dazu gehören die Foto- und Videoplattform Instagram, das
Filmstudio A24, der heutige Musikstreaming-Marktführer Spotify und der ChatGPT-Entwickler OpenAI. Unter anderem dank dieser
Investitionen baute Kushner ein Vermögen auf, das das Magazin Forbes aktuell auf 5,2 Milliarden US-Dollar schätzt. Infantinos enge Verbindungen zu Trump werden schon seit der Vergabe des Friedenspreises an den US-Präsidenten beobachtet.
Wie reagiert die Uefa?
Die europäische Fußballunion Uefa sagt, mit dem Plan sei eine Grenze überschritten worden. »Die Seele und die Führung des Fußballs sind keine Vermögenswerte, mit denen gehandelt werden darf – insbesondere dann nicht, wenn völlig intransparent ist, wer finanziell davon profitiert«, teilte die Uefa in einer Stellungnahme mit. »Keiner von uns besitzt den Fußball. Es ist nicht an der Fifa, ihn zu verkaufen«, heißt es darin weiter. Für den heutigen Donnerstag setzte die Uefa eine Krisensitzung mit den Spitzen aller 55 europäischer Mitgliedsverbände an, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Auch ein möglicher WM-Boykott ist im Gespräch.
Was sagt der DFB?
Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Bernd Neuendorf hält es für »ein fatales Zeichen«, die Fußball-WM für Investoren zu öffnen. »Der Fußball lebt von der Akzeptanz der Gesellschaft, wir dürfen ihn nicht zum Spielball von Investoren machen.« Kritik übten auch der norwegische und andere europäische Verbände. Der englische Fußballverband vermisste Details und Bedingungen des Projekts.
Was denken Fußballverbände im Rest der Welt?
Die Fußballverbände in Nord- und Mittelamerika (Concacaf), und Asien (Afc) äußerten sich skeptisch. Sie monierten die mangelnde Beteiligung der Verbände. Afrikas Fußballverband dagegen steht den Investorenplänen offen gegenüber. Die Confédération Africaine de Football (Caf) forderte
ihre Mitgliedsverbände auf, den Vorschlag zu prüfen und
sich am Konsultationsprozess zu beteiligen. Caf-Chef Patrice Motsepe hatte bereits nach der WM von Infantino geschwärmt und dessen
»Schlüsselrolle« in der Entwicklung des afrikanischen Fußballs
gepriesen. Mit 54 Mitgliedsverbänden besitzt die Caf einen großen Stimmenblock in der Fifa. Australiens Fussballkommentator Craig Foster kritisierte in einem Beitrag auf X, Infantino habe den Plan im Geheimen und ohne jegliche Konsultation entwickelt, nun solle er den Verbänden aufgezwungen werden.
Was wird an dem Vorhaben kritisiert?
Kritiker werfen Gianni Infantino vor,
vor allem seinen persönlichen Profit und den von Geschäftspartnern im
Auge zu haben. Der Funktionär treibe die Kommerzialisierung der weltweit populärsten
Sportart auf die Spitze. Die nord- und mittelamerikanische Fußballvereinigung Concacaf moniert, »dass diese detaillierten Pläne ausgearbeitet und öffentlich bekannt gegeben wurden, bevor überhaupt Gespräche mit den zuständigen Gremien und Interessengruppen stattgefunden haben«. Infantinos Vorgänger Sepp Blatter empörte sich über die engen Verflechtungen zwischen dem Fifa-Präsidenten und dem US-Präsidenten. »Niemand hat das Recht, unseren Sport zu verkaufen«, schrieb Blatter dazu auf X. »Würde die Fifa in eine gewinnorientierte Unternehmensstruktur umgewandelt, würde sie ihre Seele verlieren«, sagte Blatter zudem der Nachrichtenagentur Reuters.
Wie reagiert Gianni Infantino?
Der Verbandspräsident sieht ungeachtet der Kritik keine Alternative zu seinem Projekt. Am
Mittwochabend verbreitete der Fußballweltverband eine Videobotschaft, in der Infantino den geplanten Einstieg externer Geldgeber als
»einmalige Chance« bezeichnete, der die weltweite Entwicklung des Fußballs »deutlich beschleunige«. Seiner Ansicht nach kommt zu wenig vom »wachsenden kommerziellen Wert des Fußballs« in
den Teilen des Spiels an, die ihn am dringendsten benötigten. Um diesen
Wert zu erschließen, brauche es dem Italiener zufolge »zusätzliches Fachwissen«. Die Fans will er in seinem Statement mit den Worten beruhigen: »Der Sport, den sie verfolgen und lieben,
wird sich nicht verändern.«
