Nach der Ankunft auf dem Smith Reynolds Airport umgibt Joshua Kimmich und seine Kollegen im heißen North Carolina ganz viel Grün. Das herrschaftliche Ambiente rund um das WM-Quartier «The Graylyn Estate» mit schmucken Villen an hügeligen, kaum befahrenen Straßen passt so gar nicht mehr zu den elektrisierenden Großstadt-Vibes von Chicago. Dort hatten die Fußball-Nationalspieler ihre möglichst lange WM-Reise mit dem 2:1 gegen die USA gestartet.
Winston-Salem im US-Bundesstaat North Carolina. Das ist der Ort, an dem Julian Nagelsmann jetzt der finale WM-Feinschliff gelingen muss. Hier soll Teamsenior Manuel Neuer nach seiner Malaise mit der Wade wieder ganz fit fürs DFB-Comeback werden. Hier sollen Jamal Musiala und Florian Wirtz den verzaubernden «Wusiala»-Modus wieder richtig einschalten. Erste Zielmarke ist der WM-Auftakt am Sonntag (19.00 Uhr/ARD) in Houston gegen Curaçao.
Kleines Schlösschen im Grünen
Winston-Salem: 250.000 Einwohner, alles mindestens eine Nummer kleiner, amerikanisches Kernland und die Wake Forest University mit ihrem imposanten Sportcampus als Trainingsgelände. Das alles brachte den Bundestrainer seit seiner ersten Besichtigung 2025 immer wieder ins Schwärmen. Mit seinem sandfarbenen Cap mit dem «Wake»-Schriftzug auf dem Kopf war der Bundestrainer damals sofort begeistert. Er warf ein paar Basketbälle in der Halle, in der NBA-Star Tim Duncan einst seine Karriere startete.
Der Bundestrainer als College-Boy
Nagelsmann findet das College-Leben super. Er liebt die Fokussierung auf den Sport in Amerika. «Das ist eine ganz, ganz besondere Atmosphäre. Jeder wünscht einem Glück, auch vor dem Spiel, auch für dieses Spiel, obwohl sie ein anderes Trikot anhaben. Das kennt man jetzt aus Europa nicht immer. Das ist schon sehr besonders irgendwie. Sie haben einen guten Sportsgeist», sagte Nagelsmann nach dem Sieg in Chicago über das US-Flair, das auch den Campus mit dem Spry Stadium umgibt.
Alles ist dort vorbereitet für die DFB-Stars. Das Gelände mit der großen Turnhalle und den drei Fußballfeldern ist mit einem hohen schwarz-rot-goldenen Banner vor allen neugierigen Blicken geschützt. Und mit einer fetten Aufschrift «Danke Winston-Salem, Thanks Winston-Salem» versehen.
Die Gastgeber setzen auch ein optisches Signal. Am Reynolds Building, einem turmhohen Symbol für die Tabakindustrie, die die Region prägte, weht schon die deutsche Fahne in luftiger Höhe unter den Stars and Stripes, der allgegenwärtigen US-Fahne.
Nagelsmann wird diese Freundlichkeiten schätzen. Zeit für Symbolik hat er aber nicht mehr. Fürs erste Training war aber noch Party-Time angesagt. 3.000 Fans hatten sich in Windeseile die Tickets für die öffentliche Übungseinheit am Ankunftstag besorgt.
Kai Havertz, Musiala, Wirtz, das sind die Namen, die auch junge Soccer-Fans in North Carolina kennen. Einmal muss jeder WM-Teilnehmer die Tore zum Trainingsplatz öffnen, schreibt die FIFA vor. Das wollte der Bundestrainer schnell erledigt haben.
Öffentlichen Trubel gab es für seinen Geschmack schon in Chicago genug. «Wenn ihr uns alle ein bisschen in Ruhe lasst und nicht alles fotografiert, dann kann man sich frei bewegen», sagte der Bundestrainer, bevor er den DFB-Stars nochmal einen freien Sonntag in der Metropole am Lake Michigan gegeben hatte.
Ruhe, die wird es im Hotel, gleich um die Ecke des Trainingsplatzes, reichlich geben. Das Graylyn Estate, eine schlossartige Hochzeits-Location mit viel Marmor, schwerem Holz und Kronleuchtern entspricht möglicherweise nicht den Lebensgewohnheiten der Generation «Wusiala».
Wontorras Zweifel sorgen für Debatten
Nach einer Inspektionsreise von TV-Moderatorin Laura Wontorra wurde nach deren Kommentar breit diskutiert, ob Winston-Salem generell ein Ort sei, an dem junge Männer zu Weltmeistern werden können. Allerdings: Das legendäre Campo Bahia – Quartier der letzten deutschen Weltmeister 2014 – lag zwar am Meer, war aber ein Idyll in der totalen Einöde. Wer weg wollte, musste mit einer rostigen Fähre fahren. Rund ums Graylyn können sich alle mit dem Fahrrad oder Golf-Cart bewegen.
Für die DFB-Stars ist der Einzug eine gewisse Überraschung. Hierhin hatte es noch keinen der 27 Fußball-Profis in der Karriere verschlagen. «Ich habe ein Video gesehen. Wir freuen uns», sagte Havertz über das Quartier.
Ouedraogo als Empfangskomitee
Nagelsmann sind Rückzugsmöglichkeiten in der Hatz des XXL-Turniers wichtig. Schon vor der Anreise war der Zutritt auf das weiträumige Gelände abgesperrt. Das schmiedeeiserne Gitter mit den spitzen Zacken war geschlossen. Das galt nicht für Assan Ouedraogo. Der 20-Jährige konnte problemlos passieren. In einer schwarzen Limousine kam der für den verletzten Lennart Karl nachnominierte Leipziger schon am Sonntag am Hotel an – einen Tag vor der Reisegruppe aus Chicago.
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