Luisa Fernanda Escobar Rios sitzt ganz still am Tisch im Büro ihrer Chefin. Fast schon schüchtern. Doch schon bald lächelt die junge Erzieherin mit den langen schwarzen Haaren, den goldenen Creolen und dem weinroten Pulli mit Zopfmuster. Was sie aus dem Munde ihrer Chefin Ursula Kaupel in der Kindertagesstätte Räuberhöhle am Rande der Altstadt von Friedberg hört, gefällt der Kolumbianerin sichtlich. Auch die Worte von Katja Brandt tun ihr gut. Brandt kommt von der Pädagogischen Fachberatung der Stadt und lobt das „enorm gute Fachwissen“ von Rios in frühkindlicher Bildung. Der im lateinamerikanischen Herkunftsland erworbene Hochschulabschluss zahle sich aus.
Dieses Lob gilt nicht nur Luisa Rios, sondern auch den mittlerweile 14 anderen jungen Erzieherinnen aus Kolumbien in den Diensten der Stadt. Den jüngsten Neuzugang Melina Ortiz Gutierrez hat die Kreisstadt vor wenigen Tagen willkommen geheißen, sie arbeitet fortan im Kindergarten Mäuseburg. Die 15 Frauen sind nach den Worten von Kaupel hoch motiviert: „Sie wollen etwas bewirken, das merkt man im Alltag.“ Die Kolumbianerinnen setzten ihr Hochschulwissen gut in die Tat um, ergänzt Brandt. Sie leisteten tolle Beziehungsarbeit und könnten „aus kleinen Situationen etwas Tolles machen“.
Vor den Weihnachtsferien regelmäßig entlassen
Das gelte auch und gerade für Rios. Die 31 Jahre alte Erzieherin sei eine gute Beobachterin. „Wenn ein Kind musikalisch ist, fängt sie einfach zu tanzen an“, nennt Brandt ein Beispiel. „Sie reißt uns mit ihrer Lebenslust mit“, schwärmt ihre Chefin.

Rios arbeitet seit Februar des vergangenen Jahres für die Stadt Friedberg. Zuvor hat sie an der Universität in Quindío westlich von der Hauptstadt Bogotá studiert und ist sieben Jahre lang in ihrer Heimat als Erzieherin tätig gewesen, wie sie berichtet. Das heißt, sie hat sich demnach unter anderem professionell um Kinder gekümmert. Auf einer Halbtagsstelle bis 13 Uhr. Sie habe von dieser Arbeit allerdings nicht leben können. Zumal sie im Dezember und Januar regelmäßig nicht als Erzieherin habe arbeiten können. In dieser Zeit würden Erzieherinnen vor den Weihnachtsferien nach Hause geschickt, ohne Gehalt. „Deshalb habe ich werktags noch bis 20 Uhr als Sekretärin gearbeitet“, erzählt sie mit spanischem Akzent. Und Englisch-Nachhilfe habe sie auch noch gegeben. Alles zusammen habe ihr umgerechnet etwa 600 Euro im Monat eingebracht.
Im Alltag hilft der Google-Übersetzer
Vor diesem Hintergrund schaute sie sich eines Tages nach einer anderen Möglichkeit um, mit ihrem an der Hochschule erarbeiteten Wissen und Können weiterzukommen. Ein Freund habe sie auf die Idee gebracht, sich in Deutschland zu bewerben. Der Mangel an Erzieherinnen hierzulande hat sich international herumgesprochen. Und Agenturen wie Talent Orange machen sich diesen Mangel zunutze. Sie vermitteln ausländische Fachkräfte unter anderem nach Hessen. Auch Rios wandte sich an diese Agentur, auf die sie im Verlauf einer Internet-Recherche stieß.
Das Unternehmen hat bisher 150 Erzieherinnen ins Rhein-Main-Gebiet gebracht, in der Wetterau nach Karben und eben Friedberg, wie eine Sprecherin mitteilt. Auch Bad Homburg und Dreieich, Hanau und Neu-Isenburg nehmen die Dienste von Talent Orange in Anspruch. „Davon profitieren vor allem die Kinder, aber auch unser gesamtes Team“, sagt Christine Diegel, die Erste Stadträtin von Friedberg.
Um Fachkräfte aus der Region anzuziehen, hat sich die Stadt Friedberg längst so einige Anreize einfallen lassen. Dabei geht es nicht nur um Geld. Der Katalog umfasst zwei Dutzend Angebote. Ein höheres Gehalt für die Fachkräfte reicht längst nicht mehr aus. Die Kreisstadt gewährt ihnen schon seit Jahren mehr Geld, als nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst im Grunde vorgesehen ist. Sie gruppiert sie in einer höheren Gehaltsstufe ein. Zum Einstieg bietet Friedberg interessierten Schülern ein Praktikum an. Die Stadt lobt Stipendien für das erste und zweite Lehrjahr aus. Denn in dieser Zeit müssen die jungen Leute noch Geld mitbringen – ein Entgelt beziehen sie nicht.
Darüber müssen sich Rios und die anderen Kolumbianerinnen keine Gedanken mehr machen. Sie erfreuen sich vielmehr an den Arbeitsbedingungen hierzulande. „Es war für unsere Kolumbianerinnen unfassbar, 30 Tage bezahlten Urlaub zu haben“, sagt Katja Brandt. Ihnen gefalle die Pädagogik. Und Rios nickt. Ihr Arbeitsalltag sei nicht so verschult. Überhaupt fühle sie sich in Friedberg sehr wohl, auch weil sie sich sicher bewegen könne. „Ich habe noch keinen Tag bereut.“
Bevor sie aber ihren Arbeitsvertrag für Friedberg unterschreiben konnte, standen Videokonferenzen und ein Interview mit Vertretern von Talent Orange in Bogotá an. Außerdem musste sie erst noch Deutsch lernen. Auch das machte sie in der Hauptstadt, bis sie mit Deutsch-Muttersprachlern frei reden und auch schwierigere Texte verstehen konnte. Im Zweifel hilft im Alltag der Google-Übersetzer, wie die Kita-Leiterin sagt. Während des Vollzeit-Sprachkurses streckte Talent Orange ein Stipendium vor, dessen Kosten hinterher Friedberg übernahm. „Wir wollen ja nicht, dass die Frauen während des Sprachkurses in existenzielle Krisen fallen“, sagte Brandt.
