Herr Hegemann, wenn Sie an einem normalen Sommertag auf Ihr Becken schauen: Wen und was sehen Sie?
Viele Menschen, die sich freuen, dass die Sonne scheint und dass sie ihren Tag hier im Freibad verbringen können. Die ganzen Decken sind aufgebaut auf der Wiese, die Familien kommen mit ihren Kühlboxen und sind froh, dass sie sich abkühlen können. Wir hatten ja schon ein paar sehr heiße Tage. Man merkt natürlich ganz klar, wenn Ferien sind, da ist es wesentlich voller. Viele Jugendliche kommen dann schon allein ohne Eltern. Das Publikum ist bunt gemischt. Uns als Betreiber freut es, wenn das Bad ausgelastet ist.
So friedlich ist es leider nicht immer. Vor ungefähr vier Wochen gab es einen Vorfall, wo Sie das Bad durch die Polizei haben räumen lassen. Was war da los?
Es war wirklich sehr voll gewesen auch an dem Tag und sehr heiß. Zwei Frauen haben sich gestritten, und dann haben sich gleich andere eingemischt. Die Stimmung heizte sich immer mehr auf, und es kam zu einer Rangelei mit Handgreiflichkeiten. Wie man das so kennt, gibt’s dann schnell eine Grüppchenbildung, und die Schaulustigen holen gleich ihre Handys raus. Dann strömen die Massen quer durchs Schwimmbad. Unser Personal ist geschult, die machen auch Deeskalations-Trainings. Aber an dem Tag war es halt so, dass sie das Gefühl hatten, sie kriegen es nicht unter Kontrolle. Da muss man aber auch ganz klar sagen, dass wir so was das erste Mal hatten.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Von solchen Vorfällen in Freibädern liest man im Sommer inzwischen ständig. Was war das für ein Gefühl, als Sie feststellen mussten: Nun passiert das also auch in meinem Bad?
Der Umgang der Leute miteinander ist nicht mehr so respektvoll, wie er früher war. Man muss ja nur mal über die Straße gehen und die Ohren aufmachen, wie die Leute so reden. Da fallen Begriffe, die will ich jetzt gar nicht wiederholen. Wir hätten doch früher nie gewagt, so mit unseren Freunden und Familie zu reden. Das ist wirklich schlimm geworden. Die Gegenpartei ist dann schnell beleidigt, und der Konflikt eskaliert. Natürlich habe ich gedacht: Warum muss das jetzt auch noch bei mir passieren? Aber das ist das Los heutzutage im Freibad.
Jetzt gibt es Ausweis- und Taschenkontrollen in Ihrem Freibad. Was genau soll das bringen?
Das bedeutet, dass die Gäste nicht mehr ganz so anonym sind. Wenn es wieder einen Vorfall geben sollte, können wir gewährleisten, dass wir auch an die Personalien kommen. So können wir dann Hausverbote durchsetzen. Die Taschenkontrolle hat den Hintergrund, dass Glasflaschen hier verboten sind. Und es soll natürlich auch verhindert werden, dass Stichwaffen mitgenommen werden. Da reichen auch schon kleine Messer. Scheinbar ist das für viele Menschen heutzutage normal, dass sie so etwas mit sich führen. Wir müssen das durchsetzen, auch um unser Personal zu schützen. Trotzdem: Ich mache meinen Job weiterhin sehr gerne. Und ich muss ganz ehrlich sagen, was man so in den Medien von anderen Städten hört, war das bis jetzt ja noch sehr harmlos bei uns. Wir machen diese Kontrollen, damit das so bleibt. Die Gäste zeigen dafür übrigens großes Verständnis.

Die Debatte wird schnell populistisch. Unter einem Video von dem Streit in Ihrem Freibad bei Facebook steht: „Wir brauchen keine Ausweise, sondern Ausweisungen.“
Das geht natürlich nicht, da brauchen wir gar nicht drüber reden. Die Meinung teile ich nicht. Auf dem Video, das dann kursierte, sieht man: Unsere Gäste sind bunt gemischt. In Konfliktsituationen sind in vielen Fällen Ausländer involviert, aber es sind ganz klar auch die Deutschen dabei. Auch einen Zusammenhang zwischen Ausländern und sexueller Belästigung, wie er in den Medien oft dargestellt wird, sehe ich in meinem Schwimmbad nicht.
Auch die Polizei hat darauf hingewiesen, dass an den Konflikten in Freibädern oft junge Männer mit Migrationshintergrund beteiligt seien.
Für dieses Schwimmbad kann ich das nicht bestätigen. Bei uns soll jeder friedlich schwimmen können. Die sollen alle miteinander klarkommen. Unsere Maßnahmen dienen dazu, genau das zu gewährleisten. Die Freibäder sind gewissermaßen ein Spiegel der Gesellschaft, hier treffen halt die unterschiedlichsten Menschen aufeinander.
Was bedeutet das für Sie und Ihre Mitarbeiter?
Das Team ist sehr gut geschult, entsprechend können die mit Konfliktsituationen umgehen. Ich sage immer: Wir sind Lehrer ohne Studium oder Pädagogen mit Ausbildung statt Studium. Leute, die im Freibad arbeiten, brauchen auch ein bisschen Action. Natürlich nicht solche Situationen wie neulich, um das ganz klar zu sagen. Aber dieser Umgang mit den Gästen, das gehört halt dazu. Ein volles Schwimmbad ist schöner, als wenn nur zehn Leute da sind. Auch wenn es da schneller zu Auseinandersetzungen kommen kann.
Was ist denn ein typischer Konflikt?
Gäste kommen rein, legen sich auf die Wiese und wollen nach zehn Minuten noch mal kurz zum Auto. Man schmunzelt jetzt so ein bisschen drüber, es ist eigentlich keine schlimme Situation. Und wenn es leerer ist, können die Kollegen das gut überblicken und machen auch mal Ausnahmen. Aber grundsätzlich ist das natürlich nicht möglich. Das ist ja im Freizeitpark genauso: Wenn man da Eintritt bezahlt, dann bleibt man drin, geht man raus, muss man neu bezahlen. Wenn die Schlange hier an Sommertagen bis zur Hauptstraße geht, können wir das nicht erlauben. Dass das nicht geht oder dass die Gäste dann ein weiteres Mal Eintritt bezahlen müssen, verstehen viele nicht.

Welche Rolle spielt die Hitze bei den Eskalationen im Freibad?
Tatsächlich passieren diese Konflikte ausschließlich, wenn es heiß ist. Es fängt damit an, dass die Leute keinen Parkplatz finden. Dann stehen sie lange in der Schlange. Wenn sie dann überhaupt noch reinkommen, ist es 35 Grad und brechend voll, die komplette Wiese belegt, man liegt Decke an Decke. Da ist die Zündschnur bei manchen Menschen einfach kürzer. Wir geben im Internet bekannt, wenn das Schwimmbad voll ist, um den Frust zu vermeiden. Man kann auch online Tickets buchen. Auch für die Kollegen ist es nicht angenehm, wenn es 40 Grad im Schatten hat. Aber das wird leider häufiger der Fall sein. Wir kriegen das schon hin.
In Ihr Schwimmbad passen 4500 Gäste. Wie viele Mitarbeiter sind an einem solchen Tag vor Ort?
Dann haben wir schon wirklich was im Einsatz. Vorne zwei Leute an der Kasse, dazu ein bis zwei Servicekräfte, die zum Beispiel in den Toiletten und Umkleiden Hygienekontrollen machen. Wir brauchen sechs Aufsichtskräfte, die sich zum Teil auch um die Technik kümmern. Jetzt in den Ferien haben wir außerdem an vollen Tagen sechs bis acht Sicherheitsleute. Hier haben wir aufgestockt.
Es gibt die Vorstellung vom Schwimmbad als Gemeinschaftsort, an dem Arm und Reich, Jung und Alt zusammentreffen. Nehmen Sie das tatsächlich so wahr?
Ja, unser Publikum ist sehr gemischt. Aber alle liegen auf einer Decke und auf einem Handtuch. Natürlich gibt es die Schwimmbad-Poser, die bei 30 Grad am Beckenrand entlangstolzieren und die Brust rausstrecken. Das ist, glaube ich, in jedem Freibad in Deutschland so. Aber uns ist das egal, für uns sind alle Badegäste gleich. Und wenn jetzt der Mensch dann halt nicht so muskulös gebaut ist, darf er trotzdem schwimmen. Tatsächlich sehen wir im Freibad ja gar nicht so leicht, wer jetzt tatsächlich etwas wohlhabender ist oder wer ein ganz normaler Arbeiter, der mit seiner Familie kommt.
Kann sich denn noch jeder den Besuch leisten? Die Freibadpreise sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen.
Bei uns in Bochum geht das. Wir betreiben allerdings auch keine Spaßbäder, etwa mit aufwendigen Rutschen und einer Saunalandschaft, bei denen die Preise meist deutlich teurer sind. Natürlich sind die Betriebskosten bei uns auch gestiegen. In den vergangenen zwölf Jahren wurden die Eintrittspreise bei uns aber lediglich um 50 Cent angehoben. Unter 16 Jahren zahlt man gerade einmal drei Euro für ein Tagesticket. Das bedeutet: Das Freibad ist ein Zuschussgeschäft für die Kommune. Aber wir halten die Preise bewusst niedrig, um möglichst allen Menschen den Zugang zu Sport und diesem Freizeitangebot zu ermöglichen.
Werden hier im Freibad Konflikte ausgetragen, an deren Lösung die Politik scheitert?
Ich glaube tatsächlich, die Probleme fangen schon in der Schule an. Wenn ich mal mit den Lehrern spreche, die mit ihren Schulklassen kommen, sagen die mir auch, dass der Umgang viel respektloser geworden ist. Früher, wenn jemand ins Becken gesprungen ist und dabei fast jemanden verletzt hat, hieß es: Ey, pass doch auf, du bist mir fast auf den Kopf gesprungen. Heute ist der Tenor sofort: Sag mal, was willst du von mir? Ich glaube, den Leuten fällt eine Entschuldigung heute viel schwerer. Das ist schade. Aber es ist nicht unser Job, die Leute zu erziehen. Das müssen die Eltern tun.
Im Freibad kümmern sich die Eltern offenbar nicht so wirklich: Hier hängen überall Plakate, die dazu ermahnen, die eigenen Kinder im Blick zu behalten.
Heute gucken alle permanent aufs Handy. Die Aufsicht durch die Eltern läuft deshalb deutlich schlechter. Dabei sollte das an erster Stelle stehen. Da müssen die Kollegen an vollen Tagen locker zwanzig-, dreißigmal die Eltern ermahnen. Dann gibt’s diejenigen, die sagen: Super, danke, ihr habt ja recht. Und diejenigen, die sagen: Wieso? Dafür seid ihr doch da! Natürlich passen die Kollegen auf, aber in erster Linie ist das Aufgabe der Eltern. Ein Unglück gab es hier zum Glück noch nie. Auch weil das Personal frühzeitig einschreitet und etwa ein Kind stoppt, das mit Schwimmflügeln auf dem Weg zum Schwimmerbecken ist.
Wenn Sie sich jetzt etwas wünschen könnten für den Rest der Freibad-Saison, was wäre das?
Das ist ja natürlich ganz klar: erst einmal die kommenden Wochen 30 Grad. Und ein friedliches Miteinander. Wir wollen eine schöne Ferienzeit hier im Freibad verbringen, jeder soll sich vergnügen. Wir haben keinen Streit, und wir genießen die Sonne.
