
Als der Vorhang in den Frankfurter Kammerspielen sich öffnet, geht ein Raunen durchs Publikum. Das naturalistische Bühnendesign irritiert nicht nur unsere Sehgewohnheiten, es verblüfft auch, weil es auf so buchstäblich unverblümt aufdringliche Weise schön sein will mit seinen blauen Tapeten voller Blumenornamenten, der Kirschholzanrichte, den Kristalllüstern. Und überall blitzt es auf Nora Schreibers absichtsvoll prächtiger Bühne golden, man kennt derlei mittlerweile aus der beinahe täglichen Show aus dem Weißen Haus.
Und tatsächlich treffen sich hier zur gemeinsamen Pressekonferenz drei Diven, die mit dem amerikanischen Präsidenten auf einem Narzissmuslevel stehen: Frau Margot (Manja Kuhl), Frau Imelda (Christina Geiße) und Frau Leila (Melanie Straub), unschwer als die Gattinnen Honecker und Marcos zu erkennen, während Frau Leila Züge der Tunesierin Leïla Ben Ali trägt, aber auch einige schrecklich wiedererkennbare Elemente der Gefährtinnen von Assad und Gaddafi. Aus einem der vielen Gedichte des Operetten-Diktators Muammar al-Gaddafi stammt auch der Titel des Stücks „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“.
Alle einstigen Mitmachthaberinnen scheuen sich nicht, beim Betreten der Bühne zunächst mal mit den üppigen Pelzmänteln (Kostüme Mirjam Kiefer) zu protzen, Frau Margot wird ihren während der knapp neunzigminütigen Aneinander-vorbeireden-Show nicht ablegen und hält dazu durchgehend ihre koffergroße Handtasche wie einen Schutzschild vor sich. Darin, wie sich gegen Ende herausstellt, die Asche ihres geliebten Erich, für den sie einen seiner welthistorischen Größe angemessenen Bestattungsort sucht. Derlei Probleme plagen die ihre an Geschmacklosigkeit schwer zu überbietenden Schuhe im Lauf des Abends immer wieder wechselnde Imelda nicht, sie hat den philippinischen Präsidenten einbalsamieren lassen.
Ausgedacht hat sich die unbelehrbaren Politdiven Theresia Walser, ihr 2013 uraufgeführtes Stück ist ein böser, ein nebenbei auch erschreckend hellsichtiger Spaß. Die drei Diktatorwitwen tragen ihre betonierte Überzeugung, stets das Richtige getan zu haben, ihren Glauben, dass das Volk sie in Wahrheit liebte und dass ihr Abschied von der Macht, das Exil und die Vertreibung folgerichtig nur vorübergehend sein können, wie eine Monstranz vor sich her, besonders durchschaubar immer dann, wenn sie sich volksnah gebärden.
Wie eine Art hilflos-überdrehter Showmaster fungiert der Dolmetscher Gottfried (Wolfgang Vogler), der mit seinen fehlerhaften Übersetzungen Schwierigkeiten verhindern will, dabei aber mehr als Katalysator absurder Gespräche denn als Überbringer wahrhafter Statements fungiert. Denn die drei Damen, die er vor Beginn der großen Pressekonferenz anlässlich der Verfilmung ihrer Leben vorbereiten und unterhalten soll, sind sich spinnefeind, haben jenseits ihrer notorischen Selbstüberhöhung keine Gemeinsamkeiten und reden in einem unaufhörlichen Quassel-Parlando aneinander vorbei.
Es sind hinreißend komische Dialoge, entlarvend und für das Publikum irgendwie auch entlastend: So dummdreist reden diese einst Mächtigen daher, man kann und darf nicht zu ihnen aufschauen. Leider ändert das nichts daran, dass die echten Damen und ihre Männer erheblichen Schaden angerichtet haben und, siehe Kreml und Weißes Haus, solche Leute ihn weiterhin anrichten. Darüber, dass man sie hier in diesem Stück angesichts ihrer Selbstentblößung befreiend auslacht, können sie ihrerseits nur souverän lächeln.
Diesen Vorwurf kann man Ella Haid-Schmallenbergs schnörkelloser Inszenierung, die vor allem den drei Schauspielerinnen wunderbar Raum für ihre Kunst zwischen Schmiere und Charakterstudie gibt, nicht ganz ersparen: Alle drei wirken allzu harmlos, und obwohl Margot immer mal ihre eiskalte Verachtung für die Mauertoten durchblitzen lässt und Imelda von einbetonierten Arbeiterleichen in ihrem Palast plaudert, fehlt doch so etwas wie eine zweite Ebene, vermisst man in dem so eindeutig komödiantischen Spiel die dunklen Untertöne. Die brutale Gewaltherrschaft dieser ganz und gar nicht harmlosen Mittäterinnen kommt im schönen Schein dieser Inszenierung, die doch eigentlich die Propagandashow demaskieren will, etwas zu kurz.
Nächste Aufführung am 1. Mai um 18 Uhr in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt.
