
In den Erzählungen protestierender französischer Oberschüler ist Frankreichs Bildungssystem nicht nur in der jüngsten PISA-Studie ganz unten angekommen. In den Klassenzimmern regne es herein, Ratten huschen herum, im Winter falle die Heizung aus, von den Wänden bröckele der Putz, die Schultoiletten seien verstopft, und es fehle chronisch Papier, so die Klagen. Mit der Realität der Zahlen lässt sich diese Darstellung nicht in Einklang bringen.
So sind allein im Großraum Paris in Rahmen eines Zehnjahresplans seit 2017 6,6 Milliarden Euro in die Sanierung und Renovierung der Oberschulen geflossen. Regionalratspräsidentin Valérie Pécresse (Republikaner) erinnerte jetzt daran, dass das Département Seine-Saint-Denis besonders von dem Investitionsplan profitiert hat. So wurden seit Beginn von Präsident Emmanuel Macrons Amtszeit in dem sozialen Brennpunkt-Département 53 Oberschulen renoviert und drei gänzlich neu gebaut.
Im ganzen Land haben die Regionen, die für die Oberschulen zuständig sind, viel für die Instandhaltung der Lycées ausgegeben. Landesweit geben die Regionen jährlich etwa acht Milliarden Euro für die Oberschulen aus. Eines der Gymnasien in Nantes, das aufgrund von Brandstiftung der protestierenden Oberschüler ausbrannte und bis zu den Herbstferien geschlossen bleiben muss, war erst 2014 eingeweiht und mit modernster Computertechnik und Kletterwänden ausgestattet worden. Die Hauptstadtregion Île-de-France, wo die Protestbewegung der Gymnasiasten ihren Anfang nahm, hat für 2026 ein Budget von 1,9 Milliarden Euro für ihre Gymnasien vorgesehen. Das entspricht fast 4000 Euro pro Schüler. So scheint hier eher das vom Philosophen Alexis de Tocqueville stammende Theorem zu gelten, wonach weniger blanke Frustration als eine relativ verbesserte Lage die Neigung zur Revolution begünstigt.
Lehrermangel und Hitzewellen
Die frühe Hitzewelle, die in Frankreich Ende Mai begann und sich bis zu den landesweiten Sommerferien hinzog, hatte indessen zu schwierigen Lernbedingungen geführt. Die Temperaturen überstiegen in vielen Klassenzimmern 35 Grad Celsius, Klimaanlagen gibt es nur in Ausnahmefällen. Viele Schulgebäude sind nicht mit Jalousien oder anderen Verdunklungsmöglichkeiten ausgestattet und schlecht isoliert. Mehr als 70 Prozent der französischen Schulgebäude sind älter als 50 Jahre. Die ehemalige Bildungsministerin und sozialistische Vorwahl-Kandidatin Ségolène Royal sagte, die derzeit protestierenden Oberschüler hätten die Klimakatastrophe am eigenen Leib erfahren und wollten bewirken, dass die Regierung vor der nächsten Hitzewelle handele.
Der Unmut wird dadurch verstärkt, dass die Regierung ihr Augenmerk hauptsächlich auf die Einhaltung des Mobiltelefonverbots gerichtet hat, das seit Anfang September auch für die Oberstufe gilt. Die Protestbewegung, die an einem Gymnasium in dem sozial benachteiligten Vorort Créteil bei Paris begonnen hat und danach rasend schnell auch Oberschulen in bürgerlichen Wohngegenden erfasst hat, wurzelt aber tiefer.
Das jedenfalls lässt sich aus den Forderungen des Vorsitzenden Ryad Rani der Union syndicale lycéenne schließen. Der gewerkschaftsähnlich organisierte Schülerverband fordert, die Bildungschancen für alle zu erhöhen und den Lehrermangel zu beheben. Auch übt er scharfe Kritik an dem neuen Auswahlverfahren für ein Studium, das über die Plattform Parcoursup organisiert wird. Um die Plätze für die geburtenstarken Jahrgänge zu verteilen, wird ein Mindestmaß an digitaler Vorauswahl getroffen. Die Algorithmen schüren Misstrauen.
Bildungsreformen führen zu mehr Freistunden
Die Jugendlichen haben zunehmend das Gefühl, einer „verlorenen Generation“ anzugehören, die den Niveauverlust des französischen Bildungssystems ausbaden muss. In der Anfang September veröffentlichten PISA-Studie hat Frankreich seine bisher schlechtesten Ergebnisse seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2000 erzielt. Zwar verharrt das Land in allen drei Kernbereichen im OECD-Durchschnitt, verzeichnet jedoch einen deutlichen und kontinuierlichen Leistungsabfall.
Das widerspricht den Zielen, die Präsident Macrons Bildungsreformen verfolgten. Das Zentralabitur „Baccalauréat“ mit naturwissenschaftlichem oder literarischem Zweig wurde abgeschafft, und nach deutschem Vorbild wurden Leistungskurse in der Oberstufe eingeführt. Das hat aber zur Folge, dass es viel mehr Kombinationsmöglichkeiten für die Oberschüler gibt und die Stundenpläne größeren Aufwand erfordern.
Das Ergebnis ist eine große Zahl von Freistunden für den einzelnen Schüler. Bei den Protesten wird beklagt, dass sich die Präsenzzeiten an der Schule dadurch stark verlängert haben – ohne den erhofften Leistungszuwachs. Dem französischen Bildungsminister fällt es zunehmend schwer, qualifizierte Lehrer anzuwerben. Die Lehrerausbildung wurde auf ein Minimum reduziert, auch die Zugangskriterien gelockert. Doch das im Vergleich zu Deutschland geringe Lehrergehalt und die schwierigen Rahmenbedingungen führen dazu, dass besonders in den Fächern Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften Lehrerkandidaten fehlen. Unterrichtsausfälle bei Krankschreibungen werden oft nicht kompensiert.
Dabei gibt Frankreich mit jährlich etwa 85 Milliarden Euro mehr Geld für sein Bildungssystem aus als etwa für Verteidigung. Das Land hat eine allgemeine Vorschulpflicht. Alle Kinder von drei Jahren an besuchen die kostenlosen Écoles maternelles, um insbesondere bei Kindern mit Einwanderungshintergrund früh den Spracherwerb zu gewährleisten. Schulanfänger in den sozialen Brennpunktvierteln mit hohem Einwandereranteil lernen in der 1. und 2. Klasse in Kleingruppen von maximal zwölf Schülern. Dieses Modell kostet viel Geld, erfordert es doch entsprechende Räumlichkeiten und Lehrerstellen. Die besondere Förderung setzt sich auch in der Mittelstufe im sogenannten prioritären Bildungsnetzwerk (REP) fort. Für eine abschließende Bewertung der Reform mit halbierten Klassenstärken in der Grundschule ist es noch zu früh.
