„Wenn es keine macht, dann muss ich es eben machen“ – das ist nicht nur das Motto von Annette Gloser. Von ihr aber vielleicht ganz besonders. Deshalb ist es genau richtig, dass die knallbunte „Sieretta Nevada“ jetzt alle begrüßt, die das Steinerne Haus, den Sitz des Frankfurter Kunstvereins, betreten. Damit erinnern Gloser und die Künstlerin Silke Thoss, die mit ihrem „Kunst-Späti“ mittlerweile in vielen deutschen Städten zu Gast gewesen ist, an ihre Anfänge. Als die beiden Frauen in den frühen Neunzigerjahren, schwer begeistert von Amerika wie so viele damals, in einem Wohnwagen, der Behausung, Atelier und Galerie zugleich gewesen ist, durch Deutschland zuckelten. Hier und da haltmachten, die frisch gebaute Kunst verkauften und davon Essen und Campingplatzgebühren zahlten.
„Las Vegas für Arme“ nennt Thoss selbstironisch die blinkenden Diner-Schilder aus Pappmaché. Gegenüber flimmern aber keine Spielautomaten, sondern Bilder der herrlichen Zeiten, an die sich manche Besucher in den späten Vierzigern und höher noch erinnern werden: An Glosers Galerie Fruchtig, die den Städelschulstudenten erste Ausstellungen überhaupt erst ermöglichten, an die Anfänge des Kunstvereins Familie Montez. Damals, sagt Gloser, sei alles strikt getrennt gewesen: Zum Tanzen ging man in Frankfurt in die Disco, für die Kunst in Galerien. Wo die Jungen noch nicht hingen. Bis heute ist Gloser, die vor der Jahrhunderthalle ein Kunstcasino betrieb und jedes Jahr eine Straußwirtschaft an die Berger Straße holt, ein Vorbild für dieses vorbehaltlose Arbeiten zwischen allen Stühlen.

Mit „Hidden History“ erinnert der Kunstverein, kuratiert von Franziska Nori und zusammengetrommelt vom früheren Professor an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung, Heiner Blum, vier Wochen lang an die wilden, erfrischenden Jahre der Frankfurter Subkultur und einige ihrer Protagonisten. Jüngeren sind sie meist nicht bekannt, da hat Blum recht, der als umtriebiger Netzwerker und Initiator vieler Projekte von Kunst und Begegnung alle zusammengebracht hat und selbst einen Raum bespielt.
Kunst von der Hand in den Mund, oft unter schwierigsten Bedingungen, nicht selten buchstäblich genährt von Nebenjobs, die das Hauptgeld bringen, und von Mischungen aus Verkauf und totalem Altruismus – aber, so scheint es, immer mit einem Lächeln, viel fast geschwisterlicher Solidarität und der Freude daran, Kulturen, Stile, Genres zu mixen, die Neues hervorbringen: So sieht sie aus, die urbane Subkultur oder auch Randkultur, die Frankfurt in den Neunziger- und Nullerjahren geprägt hat.
Schon seit einiger Zeit wird diese Frankfurter Subkultur, die viele auch sehr bekannte Künstlerinnen und Künstler hervorgebracht hat, in Ausstellungen, Vorträgen, Publikationen, gewissermaßen museal. Und doch ist es so, dass viele der Urgesteine, die bis heute Musik, Party und bildende Kunst zusammenbringen, den Stadtraum bespielen, Orte umdeuten und erobern, nur in ihrer jeweiligen Szene bekannt sind.

Nicht als Selbstbeweihräucherung oder Abschluss aber zeigen sich diese versteckten Geschichten, sondern als lebhafte Aufforderungen zum Mitmachen, zum Weiterspinnen und Handanlegen. Und wie es sich für Leute gehört, die es ernst meinen mit dem, was sie tun, haben die älteren Hasen aus der Skater- und Sprayer-Szene, aus den Off-Orten der Kunst beste Verbindungen zu den Jungen, die aus demselben Holz geschnitzt sind. Und sich weiter trauen, aus den Erfahrungen oft von Marginalisierung ihre eigenen Räume und Künste zu schaffen. Die Choreographin Honji Wang, aufgewachsen in Bergen-Enkheim und heute von Paris aus international tätig, hat mit dem Frankfurter Graffitikünstler Oğuz Şen und vielen Dutzend Kindern und Jugendlichen einen Raum gestaltet, den Offenbacher Schülerinnen mit einer eigens erarbeiteten Choreographie am Eröffnungswochenende bespielen. Hip-Hop-Performances, Gespräche, Führungen sollen Publikum und Szene über die vier Wochen verbinden. So exportiert Heiner Blum auch das, was er in Offenbach etwa mit dem temporären Museum Diamant geschafft hat, nach Frankfurt. Und zeigt sich selbst in seinem Raum als der Fotograf und Künstler, der er seit seiner Jugend ist: Sein ältestes Werk stammt von 1974.
„Wir erziehen die Gesellschaft. Wir sind die wahren Impulsgeber“, sagt der Tape-Künstler Rushy Diamond. Seine Kunst aus farbigen Klebebändern, seine Miniinstallationen mit den Insignien von Boxen, Wrestling, Rap und Hip-Hop legen Spuren durch alle Etagen des Kunstvereins, verbinden die Ausstellungsinseln von Skater-Urgestein Schwarzi, der wie so viele allenfalls halb legale Aktionen dokumentiert, von Hannibal Tarkan Daldaban, der an eine Theke zur Oral History über die Frankfurter Party- und Musikgeschichte einlädt, und der Schmiere, die schon deren Gründer Rudolf Rolfs buchstäblich als „Subkultur“ feierte. Begann das „schlechteste Theater der Welt“ doch mit einem Wohnwagen auf dem zerbombten Römerberg und ausgerechnet in jenem Keller, der unter dem heutigen Kunstverein liegt. Weshalb alles zueinanderfindet: die kabarettistischen Wühlmäuse von einst und die jungen Spoken-Word-Poeten von morgen.
Hidden History im Frankfurter Kunstverein, bis 17. Mai.
