
Ich stehe am Tresen und schaue in mein Glas. Die Oberfläche zittert im Takt der Musik. Über mir wechselt das Licht. Alles erscheint dunkelrot. Für einen Moment sehe ich nur Umrisse. Rechts ein Mann im Anzug, die Krawatte längst gelockert, links eine junge Frau, an deren Fingern viele Ringe blitzen. Ich bin im Chinaski. Es geht einige Stufen runter, mitten rein in die Nacht. Fabiano, einer der Inhaber, sagte mir einmal, hier träfen sich vor allem Menschen, die mitten im Leben stünden.
Wenn ich mich umschaue, hat er recht. Zumindest teilweise. Zwei Hocker weiter geht es um Immobilien, am Ende des Tresens überlegt eine Gruppe Studenten, wer die nächste Runde zahlt. Tagsüber würden sich diese Menschen nie begegnen.
Nachts reicht ein freier Barhocker, um die Fremden für einen Abend oder auch nur ein gemeinsames Glas zu einer Gemeinschaft werden zu lassen. Würde ich dem Mann im Anzug morgen Vormittag auf der Zeil begegnen, liefen wir wahrscheinlich aneinander vorbei. Heute Nacht stehen wir zusammen. Ich trage Schwarz, wie fast jeden Abend. Schwarz passt immer, mein Reisepass für die Nacht.
Vor Klubs funktioniert Small Talk besser als im täglichen Leben
Wenig später lande ich auf der Tanzfläche zwischen Menschen, die ich eine Stunde vorher noch nicht kannte. Für die, die später dazukommen, bin ich längst einer von denen, die schon immer da waren. Vielleicht ist das die schnellste Form von Integration, die diese Stadt kennt.
Wohin ich gehe, entscheidet auch, was ich trinke. Im Silbergold wird nicht lange überlegt: ein Bier und schnell auf die Tanzfläche. Hier ist man getrieben. Manchmal ist die Schlange vor der Toilette länger als manche Gespräche. Im Chinaski bleiben Gespräche länger hängen. Die Longdrinks auf der Karte passen zur Atmosphäre. Im Tokonoma interessiert viele weniger das Getränk als das, was aus den Boxen kommt. In der Housebar 55 bleibt es bei Bier, bis der Letzte geht. Wenn in anderen Bars und Klubs schon die Stühle auf den Tischen stehen, wird hier noch getanzt.
Plötzlich drückt sich jemand an mir vorbei, mein Getränk schwappt über und landet auf meinem Ärmel. Man sieht nichts. Schwarz verzeiht vieles. Ich tauche aus meinen Gedanken auf und will kurz Luft schnappen. Auf den Treppen vor der Tür drehe ich mir eine Zigarette. Vor Klubs funktioniert Small Talk oft besser als im täglichen Leben.
Der Mann neben mir kommt ins Reden. Er scheint Jurist zu sein. Von rechts kommt einer dazu, der eigentlich nur Feuer wollte. Ein Arzt. Eine Studentin mischt sich dazu. Irgendwann wird der Himmel hell. Vor dem Chinaski suchen ein paar Leute ihre Jacken, andere schon ihr Taxi.
Am nächsten Morgen stehe ich beim Bäcker am Merianplatz. Bevor ich einen Cappuccino und ein Schokocroissant bestelle, fällt mir das wieder ein, was der Arzt zum Abschied allen eingebläut hat. Nach so einer Nacht brauche der Körper alles, nur keinen Zucker. Ich seufze – und bestelle eine Brezel.
