Angefangen hatte es mit etwas Sand, ein paar Palmen, Liegestühlen und einem überwältigenden Erfolg: Alle Welt strömte an das Seineufer, als 2002 das erste Mal „Paris Plage“ die Autos von den Quais verbannte und den Daheimgebliebenen mitten in der französischen Hauptstadt das sommerliche Entspannen am Wasser möglich machte. Ein kleines menschen-, sogar politikgemachtes Wunder war das, man konnte die Stadt ganz neu erleben. Aus dem jährlichen Sommerhit und einer völlig neuen Stadtplanung heraus hat sich Paris seitdem gewissermaßen neu erfunden: Seit 2017 gibt es den „Parc Rives de Seine“, sind die 2,5 Kilometer Flaniermeile an der Rive Gauche, dem linken Seineufer, und gut doppelt so viele Kilometer Lauf-, Radel- und Spielstrecke an der Rive Droite nach und nach entstanden.
In Frankfurt hingegen herrscht weiter politischer Dissens über eine Sperrung des nördlichen Mainufers oder gar beider Flussseiten. 2022 hatte es einen Testlauf gegeben, das Ufer autofrei zu machen. Davon und vom damaligen Urban Sports Park, der seinerzeit den Sommer über, in der Pandemie, Sportler wie Flaneure an den Main zog, zeugt nun die Ausstellung „Design for Democracy – Was Gestaltung bewirken kann!“ im Frankfurter Museum Angewandte Kunst. Die Präsentation ist Teil der World Design Capital (WDC), die mit der „Open Design Week“ von 5. Juni an auf eines der vielfach angekündigten „WDC-Highlights“ zusteuert.
Parallel zu „Design for Democracy“ zeigt das Museum auf demselben Stockwerk in einem merkwürdigen Kontrast auch die Ausstellung „Positionen zur Freiheit. Gestaltung und ihre Grenzen“, die zusammen mit dem Thing Magazin und der USM Stiftung entstanden ist. Deren Display von teils banalen, teils ikonischen Gegenständen vermittelt die selbst gestellte Frage, ob Design neue Freiheiten eröffne, die Menschen unterdrücke oder gar beides tue, auf eindrückliche Weise. Und lädt nur wenig dazu ein, auch noch das eng auf Zeitungsformat gedruckte Positionspapier zu studieren.
25 Projekte aus Europa
Das pompöse WDC-Motto „Design for Democracy: Atmospheres for a better Life“, das Frankfurt und Rhein-Main im Wettbewerb den Zuschlag der World Design Organization eintrug, ein Jahr lang als „Kapitale“ Design in all seinen Facetten in den Vordergrund zu stellen, könnte angesichts der Kleinteiligkeit und Heterogenität des Programms durch die gleichnamige Ausstellung jedoch an Kontur gewinnen. Schließlich sollen auch langfristige Auswirkungen auf Orte und Bevölkerung entstehen. So ist im fortgeschrittenen „WDC-Jahr“ so etwas wie eine Präsentation von „Best Practice“ entstanden. Das affirmative Ausrufezeichen, das die Kuratoren, Museumsdirektor Matthias Wagner K und Anna Scheuermann, hinter den Titel der Ausstellung gesetzt haben, täuscht allerdings nicht darüber hinweg, dass nicht nur der Urban Sports Park ein temporäres Projekt wie die WDC selbst gewesen ist.

Unter den 25 Projekten aus Europa und der unmittelbaren Nähe sind etliche, die lediglich auf Zeit versucht haben, zu beweisen, dass gute Gestaltung, vor allem von Raum, tatsächlich auf diejenigen wirkt, die sie, zufällig oder bewusst, für einen Moment oder länger, nutzen und sich aneignen. Auch das „Vert“, der Versuch, Schattenspender und Stadtbegrünung in transportablen Holzkonstruktionen anzubieten, ist nach seinem Debüt 2024 beim London Design Festival bislang nur 2025 vor der Bundeskunsthalle in Bonn temporär aufgebaut worden. Und das interessante Restaurant-Festival von Helsinki, für das an einem Tag jeder zum Gastwirt werden konnte, ist seit 2016 Geschichte. Die Fragen, etwa diejenige, warum es bürokratisch so kompliziert ist, ein Restaurant zu eröffnen oder Plätze zu gestalten, bleiben. Dass Design darin besteht, ein Problem präzise zu erfassen, eine gestaltete Lösung zu finden, sie zu planen und umzusetzen, lernen in Helsinki Schulkinder mit dem Designbildungs-Werkzeug „Armu“.

Das ist im Grunde auch der Ansatz der Ausstellung: Die Stationen mit etwas Text und meist fotografischer Dokumentation samt wenigen Objekten verstehen sich als Anregung. Und einige Transformationen, wie das Pariser Flussufer, die Wohngenossenschaft La Borda in Barcelona oder das beeindruckend gestaltete multifunktionale Gebäude „Forum Groningen“ aus den Niederlanden sind tatsächlich seit etlichen Jahren in Betrieb. Auch regionale Beispiele, die längerfristig angelegt sind, gibt es, etwa Dienstleistungen für Einfache Sprache der Praunheimer Werkstätten oder den Ort „Space“ in Offenbach.
Unübersehbar allerdings ist die Tatsache, dass sich die zeitgenössische Gestaltung von gemeinschaftlichem Raum oder niedrigschwelligen Begegnungsmöglichkeiten bis auf wenige wohltuende Ausnahmen unter den 25 Präsentationen in den allermeisten Fällen in roh zusammengezimmertem Holz und groben Farbflächen in Neon- oder Primärfarben niederschlägt. Es ist, als ob der allfällige Ruf nach „Dritten Orten“ des konsumfreien Miteinanders zwangsläufig aus einer Infantilisierung der Umgebung bestehen müsse.
Dazu liefert Dieter Rams im Museum gleich zwei Kontraste. Denn ein kuratorischer Ausreißer in all diesen Projekten und Produkten, die an knallbunter Gemeinschaft orientiert sind, kommt aus Kronberg und Offenbach und trägt den schlichten Namen „931“. So hatte Rams den Entwurf einer Handtasche genannt, die 1963 als Einzelstück für seine Frau, die Fotografin Ingeborg Rams, gefertigt wurde. Die Offenbacher Marke Tsatsas hat das edle, minimalistische Stück nun in ihre Kollektion aufgenommen und verkauft sie für nicht eben niedrigschwellige 1250 Euro. Dass gutes Design ganz klar ist und dabei oft auch nicht teuer sein muss, hatte Rams indes über viele Jahre hinweg als Designer von Braun bewiesen. Wer sich neben den Wechselausstellungen die Zeit nimmt, den „Stilraum Dieter Rams“ auf derselben Museumsetage zu besuchen, wird ein zweites Mal ganz anders auf die gestalterische Leistung der „Designs for Democracy“ schauen, die so rasch verbleichen, abgenutzt und achtlos wirken. Heißt es doch zwischen den klaren Linien des Stilraums in Rams’ vor 50 Jahren verfasstem Manifest: „Gutes Design ist ästhetisch“ oder „Gutes Design ist langlebig“ und auch „Gutes Design ist unaufdringlich“.
Design for Democracy, Museum Angewandte Kunst Frankfurt, bis 28. Juni.
