In Ihrem neuen Buch beschreiben Sie, wie Nationalisten, religiöse Fundamentalisten und Tech-Giganten eine Allianz gegen die Zukunft schmieden. Dies sei ein neuer „Endzeitfaschismus“. Was bedeutet das?
Astra Taylor: Es handelt sich um eine Form des Faschismus, die aus beispiellosen Krisen hervorgeht. Wir leben in einer Welt, die mit Bedrohungen konfrontiert ist, denen die Menschheit noch nie zuvor ausgesetzt war. Zum Beispiel der Klimawandel. Die künstliche Intelligenz schafft weitere Bedrohungen: von einer möglichen Beschäftigungsapokalypse bis hin zu neuen Formen des Bioterrorismus.
Liegt darin der Unterschied zum Faschismus des 20. Jahrhunderts?
Taylor: Unsere Welt ist vernetzter und gefährlicher. Die Form des Faschismus hat sich gewandelt. Die extreme Rechte hat erkannt, dass wir uns in einer instabilen Lage befinden. Doch anstatt diese Gefahren einzudämmen, gießen sie Öl ins Feuer. Sie betreiben eine seltsame Abwandlung der Geschichte aus dem Alten Testament und konstruieren Erzählungen, die zu ihrem Weltbild passen. Der Endzeitfaschismus beruht auf der Vorstellung, etwas ganz Großes höre auf, und reagiert darauf, indem er das Ganze eifrig beschleunigt.

Der US-Historiker Robert Paxton bemerkte, dass „Faschismus“ ein Begriff sei, der mehr Aufregung als Klarheit stifte. Mit dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 war für ihn dann aber eine „rote Linie“ überschritten. Der Forscher änderte seine Meinung und nannte Trump fortan einen Faschisten. Wann war der Punkt für Sie erreicht?
Klein: Wir verschärfen unsere Rhetorik, weil sie ihre Gewalt eskalieren lassen. Wir verwenden diese Begriffe nicht leichtfertig. Jedoch glauben wir, dass Faschismus das beschreibt, was sie umsetzen wollen. Denken Sie nur an Stephen Miller …
… den stellvertretenden Stabschef im Weißen Haus, der bei CNN die Weltsicht der Trump-Regierung wie folgt skizzierte: „Wir leben in einer Welt, in der realen Welt, die von Stärke regiert wird, von Gewalt und Macht.“
Klein: Es ist eine Weltanschauung, die auf Überlegenheitsdenken beruht. Sie stuft ein, welche Menschen wertvoll sind und welche große Gewalt erdulden müssen. Manche Forscher definieren den Faschismus, indem sie fragen, wie man einen weiteren Mussolini oder Hitler erkennen kann. Doch das ist weder das Buch, das wir geschrieben haben, noch ist es der theoretische Rahmen, den wir nutzen.
Die AfD hat bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt rund 44 Prozent der Stimmen gewonnen. Trump feierte den Sieg der rechtsextremen Partei. Seine Regierung unterstützt rechtspopulistische Parteien in Österreich, Ungarn, Polen und Italien. Könnte Europa dem, was Sie „Endzeitfaschismus“ nennen, zum Opfer fallen?
Klein: Davor warnen wir. Zwar ist ein Abgleiten in den Faschismus nicht vorbestimmt. Gleichwohl können diese Kräfte enormen Schaden anrichten. Sie sind nicht nur in Europa auf dem Vormarsch. Auch in Lateinamerika gewinnen rechtsextreme Parteien an Einfluss. Das ist ein globales Phänomen. Das ist einer der Gründe, warum wir von Faschismus sprechen. Viele zögern, den Begriff zu verwenden, wenn bestimmte Merkmale des Faschismus aus dem 20. Jahrhundert fehlen. Wir analysieren hingegen, wie sich der Faschismus weiterentwickelt hat – und wie diese faschistischen Kräfte an Momentum gewonnen haben.
Was zeichnet diese „faschistische Koalition“ aus?
Was diese Koalition eint, ist der Hass auf die Vereinten Nationen und der Hass auf die Europäische Union. Sie sind Internationalisten, aber sie wollen einen Internationalismus, der – wie Stephen Miller sagte – auf dem Recht der Stärke und roher Gewalt beruht und nicht auf Zusammenarbeit und Rechtsstaatlichkeit. Das Alltagsleben der Menschen ist schwierig geworden. Sie brauchen eine Politik, die eine echte Alternative darstellt. Die existiert noch nicht in ausreichendem Maße.
Vielleicht wählen Menschen rechts, weil sie rechte Politik richtig finden. Und nicht, weil sie es schwer haben.
Taylor: Die meisten Menschen haben keine kohärente politische Haltung. Die Ökonomin Isabella Weber vertritt die Ansicht, dass wirtschaftliche Unsicherheit ein wesentlicher Antrieb ist. Das trifft aber nicht auf alle zu. Es gibt Wähler, die sich von blankem Rassismus leiten lassen und andere Formen der Kompensation vorziehen – psychologischer statt materieller Art.

Klein: Für rechtsextreme Kräfte ist es einfacher, die Menschen von ihren Plänen zu überzeugen, wenn sie nicht an der Macht sind. Sie können diverse Versprechungen machen, wie viel besser das Leben sein wird, wenn alle Einwanderer weg sind. Nun regiert Trump, und dessen Beliebtheitswerte sind auf unter 30 Prozent abgestürzt. Er versprach, die Lebenshaltungskosten zu senken, und versicherte, dass durch die Massenabschiebungen Wohnraum bezahlbar werden würde. Doch „Endzeitfaschisten“ sind viel zu kleptokratisch, um diese Versprechen einzulösen. Trumps gesamte Wirtschaftsstrategie bestand bisher darin, die Wunschlisten des Silicon Valley zu erfüllen.
Sie glauben, dass die Antwort der Linken darauf sein müsste, eine positive Zukunftsvision zu entwickeln.
Taylor: Es ist bequem, zu glauben, dass das Problem nur ein einzelner böser Mann ist. Oder, das alles wieder gut wird, wenn wir ihn loswerden. Das ist eine Variante von „Make America great again“. Das große Problem ist materieller Natur. Dazu zählen die Großspender, die die amerikanische Politik zunehmend bestimmen. Seit Jahrzehnten werden die Beschränkungen für die Wahlkampffinanzierung gelockert. Das hat dazu geführt, dass Elon Musk bei der Präsidentschaftswahl 2024 rund 300 Millionen Dollar ausgeben konnte. Allein für die Kongresswahlen hat Musk bereits 90 Millionen in den Wahlkampf der Republikaner gesteckt. Das ist eine Form von systemischer Korruption, die über einzelne Individuen hinausgeht.
Sie identifizieren zwei große Schocks, die zur Beschleunigung des „Endzeitfaschismus“ beitragen. Fangen wir bei der Corona-Pandemie an.
Klein: Der COVID-Schock wirkte auf die religiöse Rechte besonders beschleunigend. Menschen, die an eine Endzeitreligion glauben, suchen ständig nach Zeichen. In der Offenbarung des Johannes sind Plagen ein Zeichen dafür, dass das Ende naht. Es war dramatisch, mitzuerleben, wie eine Pandemie die Welt lahmlegte und die Kirchen stilllegte. Ein Großteil der Rhetorik der Anti-Lockdown-Bewegung nahm an, dass die Impfstoffe das Malzeichen des Tieres seien. Menschen radikalisierten sich. Charlie Kirk, der vor Beginn der Corona-Pandemie nicht wirklich religiös war, bediente sich dieser Endzeit-Bildsprache. Die Menschen fühlten sich verfolgt, auch das ist Teil der Prophezeiung. Für Peter Thiel und Alex Karp war das ein entscheidender Moment.
Der zweite Schock ist der Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023.
Klein: In Israel waren die Anschläge vom 7. Oktober ein Beschleuniger für messianische Juden. Das hat Siedler im Westjordanland ermutigt: Palästinenser werden auf gewaltsame Weise aus ihren Dörfern und Häusern vertrieben.
Taylor: Mächtige Politiker in Washington D. C., darunter der Sprecher des Repräsentantenhauses, Mike Johnson, gehören einer Strömung des Christentums an, die eine bestimmte Auslegung der Bibel vertritt. Sie sind davon überzeugt, dass bestimmte Prophezeiungen so schnell wie möglich erfüllt werden müssen, damit Jesus wiederkehren kann. Den 7. Oktober haben sie als Zeichen gedeutet, dass sich die Ereignisse im Heiligen Land beschleunigten und sie Gottes Werk vollbrächten.
Sie sprechen von einem „Genozid“ an den Palästinensern, den die israelische Armee im Gazastreifen verübe. Über den Vorwurf des Völkermordes wird unter Politikern, Fachleuten und Journalisten erbittert gestritten. „Von Völkermord in Gaza zu sprechen, ist ein Affront gegen den gesunden Menschenverstand, ein Manöver zur Dämonisierung Israels und eine Beleidigung der Opfer vergangener und gegenwärtiger Völkermorde“, schrieb der Philosoph Bernard-Henri Lévy unlängst. Was antworten Sie darauf?
Klein: Das Gefühl, bedroht zu sein, ist kein rechtlicher Grund für die Begehung von Kriegsverbrechen bis hin zum Völkermord. So ist die Völkermordkonvention nicht formuliert. Ich kenne diese Einwände, aber sie sind irrelevant für die Beurteilung der Handlungen des Staates Israel. Die Vorwürfe müssen anhand dessen beurteilt werden, was der Staat im Gazastreifen tut. Die Menschen in Deutschland haben aus verständlichen Gründen einen Komplex, aber ich bin es langsam leid, über Völkermord belehrt zu werden. In unserem Buch schließen wir uns der Rechtsauffassung vieler renommierter Menschenrechtsgruppen an, darunter B’Tselem, die einen Bericht mit dem Titel „Our Genocide“ veröffentlicht hat. Die Juristen werden weiterdebattieren. Es gab genügend Aufrufe von israelischen Politikern zur Auslöschung der Palästinenser, sodass wir glauben, dass es eine solide Grundlage für die Vorwürfe gibt. Wir zeigen in dem Buch, wie das „neue Gaza“ aus den Trümmern errichtet werden soll. Es entspricht der Definition von Auslöschung und Vertreibung. In diesem Szenario haben die Palästinenser keinen Einfluss darauf, wie ihre Zukunft aussehen soll.

Auf einer Konferenz von Peter Thiels Risikokapitalgesellschaft vor der Wahl 2024 lautete das Motto: „Wenn man nicht versucht, die Welt zu zerstören, gibt man sich vielleicht nicht genug Mühe.“ Ist das Teil des „Armageddon-industriellen Komplexes“, der gerade boomt?
Taylor: Peter Thiel ist ein einflussreicher Risikokapitalgeber und schon lange damit beschäftigt, aus Katastrophen Profit zu schlagen. Die Anwesenden auf der Konferenz – darunter viele bedeutende Personen aus dem Silicon Valley – ahnten nicht, dass sie nur wenige Tage davon entfernt waren, das Weiße Haus zurückzuerobern. Und Thiels beste Investition ist J. D. Vance. Er ist sein Schützling und wurde von ihm inspiriert, ins Silicon Valley zu gehen. Dort lernte Vance andere wohlhabende Persönlichkeiten kennen, die seine politische Karriere unterstützten. J. D. Vance wäre ohne Thiel nicht Vizepräsident geworden. Er hat massiv in seinen Senatswahlkampf in Ohio investiert und zudem ein Treffen in Mar-a-Lago mit Donald Trump arrangiert, bei dem sie die Wogen glätten konnten. Zuvor hatte Vance Trump als „Amerikas Hitler“ bezeichnet. Nun sehen wir eine Verschmelzung zwischen dem Tech-Sektor und der Trump-Regierung. Ihr gemeinsames Interesse: Durch KI so viel Geld wie möglich zu verdienen.
Können Sie die religiösen Erhöhungen dieser Tech-Titanen erläutern?
Die Geschichten ähneln denen der religiösen Fanatiker. Die Tech-Giganten sagen: Wir müssen alles zerstören. Wir müssen eure Arbeitsplätze vernichten und die fossilen Brennstoffe verbrennen. Aber macht euch keine Sorgen: Entweder schaffen wir ein Paradies, oder wir werden die Menschheit auslöschen! Vergesst die Welt einfach, denn wir kreieren schließlich eine virtuelle. Sie wollen Unmengen an Geld verdienen, indem sie die reale Welt niederbrennen.
Nun ist eine Debatte über die KI entbrannt. Bill Gates warnte vor den Risiken. Der Geschäftsführer von Anthropic, Dario Amodei, forderte eine koordinierte Verlangsamung der technischen Entwicklung.
Taylor: Die Gefahr kann auf vielfältige Weise deutlich werden. Diese Leute werden unglaublich reich und können Wahlen kaufen. Es kann zu tödlicheren Technologien, Überwachungssystemen und Drohnen kommen – auch kritische Infrastrukturen können durch Cyberkriminalität lahmgelegt werden. Übrigens sehe ich die Warnungen dieser Tech-Bros skeptisch, die nun vor den Technologien warnen, die ihnen gehören, und die sie auf die Welt loslassen. Dario Amodei schreibt in seinem Brief auch, dass wir wegen der Konkurrenz zu China nicht zu sehr bei der KI-Entwicklung bremsen sollten. Open AI ist ein weiteres Unternehmen, dessen Geschäftsführer davon spricht, dass er auf der Seite der Menschheit stehe und die technologische Entwicklung verlangsamen wolle. Gleichzeitig geben sie Millionen von Dollar aus, um gegen Regulierungsmaßnahmen zu lobbyieren und Kandidaten zu unterstützen, die KI-freundlich sind. Doch die öffentliche Meinung in den USA gegenüber KI ist sehr skeptisch.
Faschistische Regime würden immer gewalttätiger, verzweifelter und gefährlicher, je länger sie an der Macht seien. „Je mehr Gesetze sie ganz offen brechen, desto mehr muss das Recht selbst dämonisiert werden“, schreiben Sie. Gilt das wirklich auch für die Trump-Regierung?
Klein: Es gibt ein Bestreben nach völliger Straffreiheit und Immunität. Besonders gefährlich ist, dass die Trump-Regierung vier führende KI-Unternehmen (Open AI, Google, xAI, Anthropic) systematisch im Pentagon verankert hat. Jedes dieser Unternehmen erhielt Aufträge im Wert von 200 Millionen Dollar. Ihre Technologien werden auf eine Weise eingesetzt, die nicht transparent ist. Außerdem will Trump den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) zerstören – auch hier sind die Technologieunternehmen daran beteiligt. Das ist ein Teufelskreis. Je stärker diese Technologie für militärische Zwecke genutzt wird, desto aggressiver wird der Kampf gegen das humanitäre Völkerrecht geführt werden. Es geht um die gesamte Rechts- und Werteordnung, die aus dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen ist.
Die KI hinterlässt auch Umweltschäden. Welche?
Taylor: Vor einigen Jahren haben sich alle Führungskräfte des Silicon Valley als Verfechter des Umweltschutzes präsentiert. Sie haben „Earth-Preise“ verliehen und verbindliche Zusagen gemacht, klimaneutral zu werden. All das wurde über Bord geworfen, als sie beschlossen haben, dass KI die ultimative Technologie der Zukunft ist. Allein in materieller Hinsicht ist das ein energieintensives Unterfangen. Donald Trump bezeichnete KI im Wahlkampf als ein „stromfressendes Monster“ – und meinte das als Kompliment. Doch die KI-Rechenzentren sind bei seinen Wählern äußerst unbeliebt.
Diese Unternehmen geben in eigenen Berichten zu, dass sie ihre CO₂-Ziele bei Weitem verfehlen. Der Energieverbrauch von KI-Rechenzentren und Kryptomining sind beängstigend hoch. Die Folgen für die Umwelt sind verheerend. Hinzu kommt die Luftverschmutzung durch einige der Turbinen, die diese Unternehmen errichten. Wir müssen das Klimaproblem ernst nehmen, denn genauso wie wirtschaftliche Unsicherheit befeuert ökologische Instabilität die extreme Rechte. Rechtsextreme Politiker behaupten, Grenzen seien ihre Klimapolitik. Sie sagen: „Wir müssen etwas gegen den Klimawandel tun, und das bieten wir an: Noch mehr Hass gegen die Schwachen, der Nationalstaat als Festung, mehr Aufträge für Palantir zur Überwachung der Bevölkerung.“ Das ist eine bedenkliche Wechselwirkung, die den Faschismus anheizt.
Erliegen Sie mit diesen alarmistischen Formulierungen nicht selbst einer gewissen apokalyptischen Verzweiflung?
Taylor: Wir wollen die globale Linke mit einer neuen Vision revitalisieren. Wir müssen herausfinden, wie wir zusammen auf diesem Planeten leben können, ohne uns alle zu zerfleischen. Wir müssen den Menschen eine Vision vermitteln, die ihre Bedürfnisse adressiert und sie inspiriert. Wir glauben, dass es in den USA ein Potential gibt, eine Gegenkoalition zu bilden, die überzeugt ist: Wir werden nicht durch Einwanderer ersetzt. Wir werden durch Roboter ersetzt. Diese Tech-Oligarchen wollen alles an sich reißen: Sie wollen für uns denken. Sie wollen unsere Chefs sein. Sie wollen unser Geld und unsere Arbeitsplätze. Dagegen müssen sich die Bürger wehren.
Naomi Klein und Astra Taylor: „Endzeitfaschismus“. Und der Kampf um unsere Welt. Aus dem Englischen von Ulrike Becker, Gabriele Gockel, Heide Horn, Andrea Kunstmann und Peter Robert. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2026. 464 S., geb., 28,– €.
